„Das Cho­le­ri­sche liegt mir nicht“

Das Sams­tags­in­ter­view mit Frank Wer­ne­ke, der­zeit noch stell­ver­tre­ten­der Bun­des­vor­sit­zen­der von Ver­di, ab Di­ens­tag Nach­fol­ger von Frank Bsirs­ke an der Spit­ze der Ge­werk­schaft.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW.

Ihr lang­jäh­ri­ger Ver­hand­lungs­part­ner Ka­jo Döh­ring hat mal über Sie ge­sagt: „Wenn es in der Si­tua­ti­on an­ge­mes­sen ist, dann kann der Frank auch Emo­ti­on, dann gibt er die Ram­pen­sau und reißt ein grö­ße­res Pu­bli­kum mit.“Wie viel Ram­pen­sau steckt in Ih­nen?

WER­NE­KE (lacht) Die­sen Be­griff ma­che ich mir nicht zu ei­gen. Ich fin­de es schon selt­sam, wie sich die Wahr­neh­mung mei­ner Per­son gera­de än­dert. Oft wer­de ich ja als der nüch­ter­ne, tech­no­kra­ti­sche Fi­nan­zer von Ver­di dar­ge­stellt. Ich hat­te jüngst aber ein paar Auf­trit­te bei De­mons­tra­tio­nen, bei de­nen auch Pres­se­ver­tre­ter da­bei wa­ren. Die ha­ben dann ein an­de­res Bild von mir ge­zeich­net.

Al­so doch Ram­pen­sau?

WER­NE­KE In der Funk­ti­on als Vi­ze ei­ner Ge­werk­schaft muss man sich in ver­schie­de­nen Rol­len be­wäh­ren. Ich bin seit Jah­ren auch der Fi­nanz­chef von Ver­di. Na­tür­lich ist mei­ne Ton­la­ge beim Vor­tra­gen von Haus­halts­da­ten ei­ne an­de­re als bei ei­ner Re­de zum 1. Mai.

Kom­men Sie aus ei­ner klas­si­schen Ge­werk­schaf­ter­fa­mi­lie?

WER­NE­KE Mei­ne Mut­ter hat in ei­nem Zei­tungs­be­trieb in der Wei­ter­ver­ar­bei­tung Nacht­schich­ten ge­macht, mein Va­ter ar­bei­te­te für ei­nen Mi­ne­ral­brun­nen im Au­ßen­dienst. Bei­de wa­ren in der Ge­werk­schaft, aber nicht ak­tiv. Ich hab mich selbst po­li­ti­siert. In Schloss Hol­te-stu­ken­brock gab es ei­ne Frie­dens­in­itia­ti­ve, bei der ich mit­ge­macht ha­be. Und es gab so ei­ne Art Ju­so-wg, wo ich häu­fig war. Das war das Um­feld. Da lag es na­he, auch in die Ge­werk­schaft ein­zu­tre­ten. Ihr Vor­gän­ger Frank Bsirs­ke hat auf ei­ner Ver­an­stal­tung mal den Dop­pel­s­tin­ke­fin­ger ge­zeigt. Könn­te Ih­nen das auch pas­sie­ren?

WER­NE­KE Ich kann nicht aus­schlie­ßen, dass es in ei­ner auf­ge­reg­ten po­li­ti­schen Si­tua­ti­on zu ei­ner Ges­tik kommt, die nur be­dingt fo­to­gen ist. Ge­plant wür­de ich das aber nicht ma­chen.

Stö­ren Sie die ewi­gen Bsirs­ke-ver­glei­che?

WER­NE­KE Das sie an­ge­stellt wer­den, ist nicht über­ra­schend. Nach ei­ner solch lan­gen Ära wird ge­schaut, was den bis­he­ri­gen Vor­sit­zen­den aus­ge­macht hat, und was vom Kan­di­da­ten zu er­war­ten ist.

Wie wür­den Sie Ihr Ver­hält­nis heu­te be­schrei­ben?

WER­NE­KE Kol­le­gi­al. Wir fah­ren zwar nicht ge­mein­sam in den Ur­laub oder ver­brin­gen die Wo­che­n­en­den mit­ein­an­der. Aber es ist mehr als nur ein pro­fes­sio­nel­les Ver­hält­nis. Da­für ha­ben wir ein­fach zu viel mit­ein­an­der er­lebt.

Bsirs­ke hat ei­ne Rei­he ein­fluss­rei­cher Auf­sichts­rats­man­da­te. Ist schon klar, wel­che Sie da­von über­neh­men?

WER­NE­KE Die Auf­sichts­rats­man­da­te bei der Deut­schen Bank und bei RWE wird er wei­ter aus­fül­len . Das ist mir auch sehr Recht. Bis auf den Zdf-fern­seh­rat wer­de ich mei­ne bis­he­ri­gen Man­da­te in den kom­men­den Mo­na­ten zur Ver­fü­gung stel­len. Was dann zu­künf­tig hin­zu­kommt, wer­den wir nach dem Bun­des­kon­gress ent­schei­den.

In Ih­ren Bran­chen wird die Di­gi­ta­li­sie­rung vie­le Jobs über­flüs­sig ma­chen. Wie groß ist die Alarm­stim­mung?

WER­NE­KE Die Her­aus­for­de­run­gen sind oh­ne Zwei­fel im­mens. Ins­be­son­de­re der Ein­satz von Künst­li­cher In­tel­li­genz birgt er­heb­li­ches Ra­tio­na­li­sie­rungs­po­ten­zi­al. Be­reits jetzt stel­len wir in ei­ni­gen Be­rei­chen ei­nen Weg­fall von Ar­beits­plät­zen fest, zum Bei­spiel bei der Te­le­kom oder bei Ver­si­che­run­gen. Auch im Han­del gibt es sol­che Ri­si­ken durch den Ein­satz von Selbst­be­zahl­sys­te­men. Des­halb müs­sen Ant­wor­ten für die Be­schäf­tig­ten ge­fun­den wer­den.

Wie?

WER­NE­KE Un­ser An­spruch ist es, be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen durch den Ein­satz neu­er Tech­no­lo­gi­en auf je­den Fall aus­zu­schlie­ßen. Und da­für auch ta­rif­ver­trag­li­che Lö­sun­gen zu fin­den. Das schließt Ar­beits­zeit­ver­kür­zung als In­stru­ment, Be­schäf­ti­gung zu si­chern, aus­drück­lich mit ein. Bei­spiel Hä­fen: Con­tai­ner­krä­ne kön­nen von voll­au­to­ma­ti­sier­ten Sys­te­men ge­löscht wer­den, die sich pro­blem­los auch von Sin­ga­pur aus steu­ern las­sen. Wir ha­ben jetzt im In­ter­es­se der Be­schäf­tig­ten aus­ge­han­delt, dass die­se Tä­tig­keit auch wei­ter­hin vom deut­schen Stand­ort aus er­fol­gen muss.

Das al­les klingt da­nach, dass die Mit­glie­der­wer­bung für Ver­di deut­lich schwie­ri­ger wird.

WER­NE­KE Wenn in ei­ner Bran­che die Din­ge un­ter Druck und Ar­beits­platz­ab­bau droht, er­le­ben wir – zu­min­dest in ei­ni­gen Be­rei­chen – ein ge­stei­ger­tes In­ter­es­se an ge­werk­schaft­li­cher Or­ga­ni­sie­rung, et­was bei Bank­an­ge­stell­ten. Rich­tig ist: Das Hal­ten von Mit­glie­dern ist schwie­ri­ger ge­wor­den. Ganz ge­ne­rell lässt die Be­reit­schaft nach, sich län­ger­fris­tig an ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on zu bin­den. Das spü­ren auch wir als Ver­di. Schaue ich ak­tu­ell auf die Zu­wäch­se in un­se­rer Mit­glied­schaft, dann ha­ben wir die in durch­aus un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen. Zum Bei­spiel in den Ge­sund­heits­be­ru­fen, den Ret­tungs­diens­ten und bei den Feu­er­weh­ren. Aber auch bei Ban­ken, im Ein­zel­han­del oder beim Rund­funk

Wer­den Sie Ih­ren Füh­rungs­an­spruch bei den Ta­rif­ver­hand­lun­gen im öf­fent­li­chen Di­enst an­mel­den?

WER­NE­KE Im­mer vor­aus­ge­setzt, wir fin­den die Un­ter­stüt­zung der De­le­gier­ten un­se­res Bun­des­kon­gres­ses in Leip­zig, wer­de ich zu­sam­men mit Chris­ti­ne Beh­le die Ver­hand­lun­gen füh­ren. Im Ok­to­ber be­gin­nen die Vor­be­rei­tun­gen für die Ta­rif­run­de der Öf­fent­li­chen Di­ens­tes 2020. Wir wer­den dann auch erst­mals über un­se­re Um­fra­ge­er­geb­nis­se zum Stich­wort Ar­beits­zeit be­rich­ten.

Wer­den Sie mehr Ar­beits­zeit-sou­ve­rä­ni­tät for­dern?

WER­NE­KE Auf je­den Fall muss die in Ost­deutsch­land im­mer noch län­ge­re Ar­beits­zeit fal­len. Ob wir ei­ne Wahl­mög­lich­keit – Geld ge­gen Zeit – for­dern, wird die Dis­kus­si­on er­ge­ben. Aber ich hal­te das nicht für aus­ge­schlos­sen.

Deutsch­land dis­ku­tiert der­zeit hef­tig über die Wohn­raum­pro­ble­ma­tik. Wo se­hen Sie Lö­sungs­an­sät­ze?

WER­NE­KE Erst ein­mal wür­de ich Spe­ku­la­tio­nen mit un­be­bau­tem Land durch ei­ne ef­fek­ti­ve­re Be­steue­rung un­at­trak­ti­ver ma­chen. Es kann doch nicht sein, dass in den Me­tro­po­len Bau­land drei­mal hin- und her­ver­kauft wird, sich In­ves­to­ren die Ta­schen voll ma­chen und der Staat schul­ter­zu­ckend zu­schaut.

Brau­chen wir ei­nen Mie­ten­de­ckel wie in Ber­lin, der für ganz Deutsch­land gilt?

WER­NE­KE Zu­min­dest da, wo die Miet­preis­ent­wick­lung aus dem Ru­der läuft. Wich­tigs­ter Schritt ist jetzt deut­lich mehr Wohn­raum zu schaf­fen. Und zwar ge­nos­sen­schaft­li­chen oder öf­fent­li­chen, auch um die Markt­macht der pri­va­ten Woh­nungs­kon­zer­ne zu be­gren­zen.

Soll­te man auch die Woh­nungs­kon­zer­ne ent­eig­nen, wie es die Grü­nen for­dern?

WER­NE­KE Das will ich nicht aus­schlie­ßen, ist aber nicht der ers­te und we­sent­li­che Schritt. Das wä­re ver­mut­lich ziem­lich teu­er und wür­de erst­mal auch kei­nen neu­en Wohn­raum schaf­fen. Aber die Markt­macht der Kon­zer­ne ist schon ei­ne be­denk­li­che Fehl­ent­wick­lung.

FO­TO: IMAGO IMAGES

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