Chi­li-eis und Tor­schluss­pa­nik auf der Bur­gen­stra­ße

Auf 770 Ki­lo­me­tern über­ra­schen Or­te wie Burg Gut­ten­berg, Schwä­bisch Hall oder Ro­then­burg mit Ge­schich­te und Ku­rio­si­tä­ten.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - REISE & WELT - VON MO­NI­KA HAMBERGER

Beim Be­tre­ten des Schloss­ho­fes riecht es ver­lo­ckend nach fri­schem Brot. In der Back­stu­be wirft Frau Bertsch ei­nen kri­ti­schen Blick auf die Lai­be im Ofen. „Nein, die brau­chen noch et­was.“Seit 20 Jah­ren wird auf Burg Gut­ten­berg nach al­ter­art im­holz­ofen Brot ge­ba­cken. In Brot­kör­ben ruht der Teig, läng­lich oder rund, bis imo­fen die rich­ti­ge Tem­pe­ra­tur herrscht. Letz­te Pro­be vor dem „Ein­schie­ßen“: „Ich streue et­was Mehl auf die Back­flä­che. Wird es braun, ist der Ofen noch zu heiß. Ei­ne schwar­ze Un­ter­sei­te mag wohl nie­mand“, meint die Bä­cke­rin ver­ständ­nis­voll.

Burg Gut­ten­berg ist ei­ne spät­mit­tel­al­ter­li­che, 800 Jah­re al­te Hö­hen­burg über Neck­ar­mühl­bach, in der Nä­he Heil­bronns. Im Schloss­mu­se­um zeigt Frau von­de­witz stolz ih­re Schät­ze aus ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten: „In die­ser Vi­tri­ne sind Bi­beln aus der Zeit Mar­tin Lu­thers in deut­scher Spra­che.“Seit über 560 Jah­ren be­fin­det sich die voll­stän­dig er­hal­te­ne St­au­fer-burg im Be­sitz der Frei­her­ren­von­gem­min­gen.

In der Grei­fen­war­te ver­fol­gen die Be­su­cher von Burg Gut­ten­berg ge­spannt ei­ne Flug­vor­füh­rung der Falk­ner. Auf­ge­regt trip­peln die­r­aub­vö­gel auf ih­ren Stan­gen hin und her, so­bald ih­re Be­zugs­per­son vor­bei­geht. Viel­leicht ha­ben sie wie­der Le­cker­bis­sen in der Ta­sche. „Kon­trol­lier­ter Wild­flug“ist ei­ne Auf­ga­be der hier nach­ge­züch­te­ten Vö­gel. Aber auch ver­letz­te Grei­fe und Eu­len fin­den­auf­nah­me und Pfle­ge. Dann star­ten die Vö­gel über die Köp­fe hin­weg.

Um­ge­ben von Wein­ber­gen fiel es dem­poe­ten Jus­ti­nus Ker­ner, dem wohl be­rühm­tes­ten Sohn der Stadt­weins­berg nicht schwer, ro­man­ti­sche Tex­te zu ver­fas­sen. Sei­nes Zei­chens Arzt und Dich­ter, wur­de er auch als „Ge­nie der Freund­schaft“be­zeich­net. Ta­ge-, ja mo­na­te­lang war er von Freun­den um­ge­ben. Dank de­mor­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent sei­ner Frau „Ri­cke­le“wur­den im nicht all­zu ge­räu­mi­gen Ker­ner-haus Gäs­te un­ter­ge­bracht. Vie­le per­sön­li­che Ge­gen­stän­de Ker­ners sind in sei­nem Dicht­er­haus zu se­hen. Dr. Bernd Lie­big, Lei­ter des Mu­se­ums, er­zählt da­von Ge­schich­ten, wäh­rend im Gar­ten Eich­hörn­chen zwi­schen al­ten Bäu­men her­um­flit­zen.

Hoch über dem Markt­platz in Schwä­bisch Hall thront die St. Micha­els­kir­che. Im Jahr 1156 als ro­ma­ni­sche Ba­si­li­ka ge­weiht wur­de sie 1427 bis 1525 in ei­ne go­ti­sche Hal­len­kir­che um­ge­baut. Jo­han­nes Brenz, ein An­hän­ger Lu­thers, re­for­mier­te vor­sich­tig und oh­ne Bil­der­sturm. Vie­le wert­vol­le spät­mit­tel­al­ter­li­che Kunst­wer­ke blie­ben der Kir­che so er­hal­ten. Der müh­sa­me Weg über die Trep­pen ist loh­nens­wert. Eng bei­ein­an­der ste­hen­de Fach­werk­häu­ser rei­hen sich un­ten um­den­markt­platz, auf de­m­un­ter bun­ten Son­nen­schir­men wäh­rend des Wo­chen­mark­tes em­si­ges Trei­ben herrscht.

Ei­ni­ge Schwei­ne lie­gen faul in der schwar­zen, auf­ge­wühl­ten Er­de. Ei­ne klei­ne Her­de kommt an­ge­trabt, Rich­tung Fut­ter­turm. Ein Le­ben wie im Pa­ra­dies füh­ren Ru­dolf Büh­lers „Schwä­bisch-häl­li­sche Wei­de­schwei­ne“. Er­kenn­bar sind sie an brei­ten schwar­zen und ro­sa Strei­fen. Vie­le nen­nen Land­wirt Ru­dolf Büh­ler ei­nen Vi­sio­när. Vie­le sei­ner Vi­sio­nen wur­den Rea­li­tät. Nicht nur in Deutsch­land, auch in Afri­ka, Asi­en und In­di­en hat er bei Klein­bau­ern Pro­jek­te in­iti­iert, die dort Men­schen ei­ne Exis­tenz si­chern.

Der bäu­er­li­chen Er­zeu­ger­ge­mein­schaft Schwä­bisch Hall, bei der auch Ru­dolf Büh­ler maß­geb­lich be­tei­ligt ist, ha­ben sich be­reits 1450 Bau­ern an­ge­schlos­sen, die ih­re Land­wirt­schaft nach­hal­tig be­trei­ben. Ein wich­ti­ger Schritt ge­gen Mas­sen­tier­hal­tung. Ver­mark­tet wer­den ih­re Fleisch-pro­duk­te und an­de­re Fair-tra­deWa­ren in der Markt­hal­le von Wol­perts­hau­sen.

Scho­ko-chi­li, Kur­ku­ma-man­del oder Kür­bis-ing­wer: Eis­cremesor­ten mit die­sen Ge­würz-kom­bi­na­tio­nen sind exo­tisch. In den Ar­ka­den der ehe­ma­li­gen Wä­sche­rei des Bau­ern­schlos­ses Kirch­berg an der Jagst, im drit­ten Schloss­hof der An­la­ge, ha­ben sich Ni­na und Klaus Sohl mit ih­rer „moo Eis­ma­nu­fak­tur“ei­nen Traum ver­wirk­licht: die Her­stel­lung von He­u­milch­eis aus selbst pas­teu­ri­sier­ter Milch oh­ne künst­li­che Aro­men, Farb- und Kon­ser­vie­rungs­stof­fe. Sie ar­bei­ten eng mit an­säs­si­gen Milch­bau­ern zu­sam­men. „Gera­de für Men­schen mit All­er­gi­en sind na­tür­li­che Bei­mi­schun­gen wich­tig. Als nächs­tes wol­len­wir­de­me­ter-milch ver­ar­bei­ten“, er­klärt Ni­na Sohl.

Hoch über der Jagst thront das ein­drucks­vol­le Ge­mäu­er. Im Ver­lauf der Jahr­hun­der­te wur­de das Ge­bäu­de für al­ler­lei Zwe­cke ge­nutzt. Als Sam­mel­la­ger für Zwangs­ar­bei­ter vor ih­rer Rück­füh­rung oder als Un­ter­kunft für Asyl­su­chen­de. Gera­de wer­den Räu­me zu Ho­tel­zim­mern. Ein Kon­zert­saal er­mög­licht Fest­spie­le.

Zwi­schen Bay­reuth und Mann­heim ver­läuft die 770 Ki­lo­me­ter lan­ge Bur­gen­stra­ße. Das mit­tel­al­ter­li­che Ro­then­burg mit sei­ner gut er­hal­te­nen Alt­stadt ge­hört zu ei­ner der her­aus­ra­gen­den Sta­tio­nen. Einst Kai­ser­sitz der St­au­fer, er­leb­te die an ei­nem Han­dels­weg lie­gen­de Stadt um 1340 ih­re Blü­te­zeit. Krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen brach­ten das quir­li­ge Le­ben zum Er­lie­gen. Doch dann ent­deck­ten Ma­ler und Poe­ten die Schön­heit die­ses frän­ki­schen Fle­ckens.

Ei­ne Grup­pe Tou­ris­ten steht er­war­tungs­voll vor dem Rat­haus. Ge­klei­det in ei­nem war­men Um­hang, in ei­ner Hand die La­ter­ne, in der an­de­ren die Hel­le­bar­de, um den Hals ein aus­ge­höhl­tes Kuh-horn, macht sich der Nacht­wäch­ter mit sei­nem Ge­fol­ge auf den Weg durch das nächt­li­che Ro­then­burg. „Ist euch die klei­ne Tü­re im gro­ßen Stadt­tor auf­ge­fal­len?“Im Dun­keln hat wohl kei­ner dar­auf ge­ach­tet. „Um feind­li­che Ein­dring­lin­ge au­ßen vor zu hal­ten, wur­de das Tor abends ge­schlos­sen. Ver­pass­ten Be­woh­ner die­se Zeit konn­ten sie ge­gen ein Ent­gelt durch das ,Ein-mann-tor’ her­ein­ge­las­sen wer­den. Nun­wisst ihr was Tor­schluss­pa­nik be­deu­tet!“Nacht­wäch­ter zu sein war ei­ne in­ter­es­san­te Auf­ga­be, um das Wohl­er­ge­hen der Stadt zu si­chern. Die­be­wur­den mit der Hel­le­bar­de in Schach ge­hal­ten, mit dem Horn blies er Feu­er­alarm, und na­tür­lich wuss­te er, wer mit wem sich in dunk­le Ecken ver­drück­te.

FO­TOS: RAI­NER HAMBERGER

Die St. Micha­els­kir­che in Schwä­bisch Hall thront hoch über dem Markt­platz. Das im­po­san­te Got­tes­haus wur­de im Jahr 1156 als ro­ma­ni­sche Ba­si­li­ka ge­weiht und 1427 bis 1525 in ei­ne go­ti­sche Hal­len­kir­che um­ge­baut.

In der Grei­fen­war­te auf Burg Gut­ten­berg he­ben die Greif­vö­gel zum kon­trol­lier­ten Wild­flug ab.

Der Nacht­wäch­ter sieht in Ro­then­burg nach dem Rech­ten.

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