Die Poe­sie der Si­nus­wel­len

Groß­ar­ti­ge Aus­stel­lung: Der Künst­ler Cars­ten Ni­co­lai ver­wan­delt das K21 in ein Klang- und Licht­la­bor.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KULTUR - VON PHILIPP HOL­STEIN

DÜSSELDORF Das K21 ist im Grun­de kein Mu­se­um mehr, und das liegt an Cars­ten Ni­co­lai. Ei­ne Über­sichts­schau mit 40 In­stal­la­tio­nen, Bil­dern und Skulp­tu­ren des Künst­lers ist nun im Kel­ler des Ge­bäu­des zu se­hen, und wer die Trep­pe hin­ab­steigt, wähnt sich in ei­nem La­bor, in ei­ner For­schungs- oder Mess­sta­ti­on. Man blickt so­gleich auf zwei mäch­ti­ge, von Spie­geln be­deck­te Ob­jek­te. Da­zwi­schen span­nen sich zwei gol­de­ne Fä­den. Al­ler­dings sind das gar kei­ne Fä­den, son­dern La­ser­strah­len. Die geo­me­tri­schen Kör­per kom­mu­ni­zie­ren durch sie, die elek­tro­ma­gne­ti­schen Wel­len, die wie fei­ne Na­bel­schnü­re an­mu­ten, sind stän­dig in Be­we­gung, sie zu­cken und blit­zen, und sie bil­den Knöt­chen, die sich rasch wie­der auf­lö­sen.

„Par­al­lax Sym­me­try“heißt die Düs­sel­dor­fer Schau, die das Werk des 54 Jah­re al­ten Cars­ten Ni­co­lai vor­stellt. Und wenn man die Qua­li­tät ei­ner Aus­stel­lung an der Zahl der In­spi­ra­tio­nen, Geis­tes­blit­ze und er­hel­len­den Mo­men­te be­misst, die sie aus­löst und dar­an, wie sehr sie Lust auf die Ge­gen­wart macht, ist das ei­ne su­per Aus­stel­lung. Ni­co­lai wur­de in Chem­nitz ge­bo­ren, als es noch Karl-marx-stadt hieß. Wer sich für elek­tro­ni­sche Mu­sik in­ter­es­siert, wird ihn ver­mut­lich un­ter ei­nem an­de­ren Na­men ken­nen: Als Al­va No­to ver­öf­fent­licht er mi­ni­ma­lis­ti­schen Tech­no. Mit Ryuichi Sa­ka­mo­to ar­bei­tet er seit mehr als ei­nem Jahr­zehnt zu­sam­men, ge­mein­sam ha­ben sie den Sound­track zum Leo­nar­do-dica­prio-film „The Re­venant“kom­po­niert. Und ähn­lich wie der Film hört sich die Aus­stel­lung an: Es knis­tert, klickt, schabt, rauscht, pul­siert, flim­mert und ächzt. Kris­tal­li­ner Groo­ve. Es klingt wie die Ark­tis um Mit­ter­nacht.

Ni­co­lai, der sei­ne schnör­kel­lo­sen Ar­bei­ten schon im MOMA, auf der Do­cu­men­ta und bei der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig zeig­te, über­setzt Klang in Bil­der. Und man meint, der Ge­gen­wart da­bei auf die Sch­li­che zu kom­men, ei­ner Welt, die durch das Di­gi­ta­le ge­prägt ist und in vir­tu­el­le Räu­me aus­greift.

Der Kel­ler des K21 ist so weiß, das es weh tut, so­gar ei­nen neu­en Bo­den ha­ben sie ver­legt. Da hän­gen Fo­to­gra­fi­en von Milch, de­ren Ober­flä­che Mus­ter wirft, weil Ni­co­lai sie mit Si­nus­wel­len von zehn bis 110 Hertz in Schwin­gung ver­setz­te. Da win­den sich Me­tall­schlei­fen, und sie or­ga­ni­sie­ren ih­re Mus­ter selbst, al­lein durch die ih­nen in­ne­woh­nen­de Span­nung. Da steht ein Po­ly­e­der, der dem rät­sel­haf­ten Ob­jekt aus Dü­rers Stich „Me­len­co­lia I“nach­emp­fun­den ist: Be­rührt man ihn, gibt das ei­nen brum­men­den Ton, denn sein Ma­gnet­feld re­agiert auf die Span­nung des Kör­pers.

Ni­co­lai hat die Poe­sie des Phy­si­ka­li­schen ent­deckt, das Ly­ri­sche in Be­grif­fen wie „Quan­ten­ver­schrän­kung“. Er schlägt Fun­ken aus dem Ge­gen­satz von or­ga­ni­scher Va­ri­anz und ma­the­ma­ti­scher Prä­zi­si­on. Die von Do­ris Kry­s­tof ku­ra­tier­te Schau ist ei­ne Wahr­neh­mungs­schu­le: Man wird ner­vö­ser, emp­fäng­li­cher, und man be­ginnt all­mäh­lich, Sound zu schau­en und Licht zu hö­ren.

Un­ter den Bul­l­au­gen-fens­tern, die den Blick auf die Ober­flä­che des Schwa­nen­spie­gels vor dem K21 frei­ge­ben, hat Ni­co­lai Gei­ger­zäh­ler in­stal­liert. Sechs Laut­spre­cher über­tra­gen die ge­mes­se­ne Strah­lung als Ge­räusch in den Raum. „Par­ti­al Noi­se“heißt das Werk, es knis­tert ganz schön. Aber das ist viel­leicht auch kein Wun­der in der Stadt von Kraft­werk. „Ra­dio-ak­ti­vi­tät / Für dich und mich in All ent­steht.“

Info „Par­al­lax Sym­me­try“, bis 19. Ja­nu­ar 2020. Stän­de­haus­str. 1, Düsseldorf. Di.Fr. 10-18, Sa 11-18 Uhr. Am 18. Ja­nu­ar gibt Al­va No­to ein Kon­zert im Mu­se­um.

FOTO: K21

Cars­ten Ni­co­lais Bild- und Klang-in­stal­la­ti­on „uni­co­lor“wur­de in­spi­riert von den Farbtheo­ri­en von Goe­the und dem Bau­haus.

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