LEICHTATHL­ETIK

Weit­sprin­ge­rin Ma­lai­ka Mih­am­bo ist die deut­sche Gold-hoff­nung bei der Leichtathl­etik-wm. Ex-eu­ro­pa­meis­ter Chris­ti­an Reif er­klärt, war­um Sprin­ger so häu­fig über­tre­ten. Und war­um das am En­de gar nicht schlimm sein muss.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - SPORT - VON STE­FAN KLÜTTERMAN­N

Weit­sprin­ge­rin Mih­am­bo ist die deut­sche Hoff­nung bei den Welt­meis­ter­schaf­ten in Ka­tar.

DOHA Wenn am Frei­tag­nach­mit­tag bei ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren im Wüs­ten-emi­rat Ka­tar die Leichtathl­etik-wm be­ginnt, ru­hen die größ­ten Hoff­nun­gen des Deut­schen Leichtathl­etik-ver­ban­des (DLV) auf ei­ne Gold­me­dail­le auf ihr: Ma­lai­ka Mih­am­bo. Die 25-Jäh­ri­ge Weit­sprin­ge­rin führt mit 7,16 Me­tern die Welt­jah­res­bes­ten­lis­te an, wur­de im Vor­jahr in Berlin Eu­ro­pa­meis­te­rin und si­cher­te sich un­längst auch den fi­nan­zi­ell lu­kra­ti­ven Ge­samt­sieg bei der Dia­mond Le­ague. Der öf­fent­li­che Fo­kus wird al­so zwei­fels­oh­ne auf der Hei­del­ber­ge­rin ru­hen, und da­mit auf ei­ner Dis­zi­plin der Leichtathl­etik, bei der sich Zu­schau­er re­gel­mä­ßig fra­gen, war­um sich Ath­le­ten ei­gent­lich so schwer da­mit tun, den Ab­sprung­bal­ken zu tref­fen.

Bei der Hal­len-eu­ro­pa­meis­ter­schaft Mit­te März in Glas­gow nahm die Zahl der un­gül­ti­gen Ver­su­che in den Weit­sprung-fi­nals ekla­tan­te Aus­ma­ße statt. Bei den Frau­en wa­ren 16 von 48 Sprün­gen, al­so je­der drit­te, un­gül­tig. Bei den Män­nern ging gar bei 23 von 48 Ver­su­chen, al­so bei 48 Pro­zent der Sprün­ge, die ro­te Flag­ge hoch. Das sind Pro­zent­zah­len, wie sie an­de­re Dis­zi­pli­nen nicht ken­nen: nicht die Sprints in punk­to Früh­start, nicht die Wurf­dis­zi­pli­nen in punk­to Über­tre­ten. Doch was sind die Grün­de? Ant­wor­ten gibt Chris­ti­an Reif. Der heu­te 34-Jäh­ri­ge war 2010 in Bar­ce­lo­na Eu­ro­pa­meis­ter im Weit­sprung. Er sagt: „Für ei­nen Weit­sprin­ger zählt nicht die An­zahl gül­ti­ger Ver­su­che, son­dern le­dig­lich die bes­te Wei­te. Na­tür­lich ist es är­ger­lich, wenn wei­te Ver­su­che knapp un­gül­tig sind, aber bei gro­ßen Wett­kämp­fen ge­winnt man mit ,Si­cher­heits­sprün­gen‘ gar nichts. Ein biss­chen Ri­si­ko muss man ein­ge­hen, um sich in der Spit­ze durch­zu­set­zen.“

Ri­si­ko schön und gut, könn­te man ein­wen­den, aber da ge­hen doch Top-ath­le­ten vor ei­nem Wett­kampf mit Tip­pel­schrit­ten ih­ren An­lauf ab, kle­ben die Start­po­si­ti­on mit Ta­pe auf dem Bo­den auf und tre­ten dann doch re­gel­mä­ßig über. Was macht es so schwie­rig, am En­de des An­laufs den 20 Zen­ti­me­ter brei­ten Bal­ken zu tref­fen? „Weit­sprin­ger, die Wei­ten von acht Me­ter und mehr er­rei­chen, lau­fen mit bis zu elf Me­tern pro Se­kun­de, al­so fast 40 km/h, zum Brett“, sagt Reif, des­sen Best­wei­te bei 8,49 Me­tern lag. „So viel man auch den Ablauf trai­niert, äu­ße­re Be­din­gun­gen wie Wet­ter, Här­te der An­lauf­bahn, Wind­rich­tung, Mo­ti­va­ti­on oder die ak­tu­el­le Ver­fas­sung ver­än­dern den An­lauf au­to­ma­tisch. Ent­schei­dend ist, dass ein Weit­sprin­ger sich best­mög­lich an die­se Be­din­gun­gen an­passt und den An­lauf dem­ent­spre­chend kor­ri­giert. Das Rhyth­mus­ge­fühl lässt sich durch wie­der­hol­te An­lauf­kon­trol­len re­la­tiv gut schu­len.“

Letzt­lich ist es für je­den Weit­sprin­ger bei je­dem Sprung ein Ab­wä­gen zwi­schen Si­cher­heit und Tem­po. Si­cher­heit geht auf Kos­ten der Wei­te, Tem­po er­höht die Ge­fahr des Über­tre­tens. „Je nach Si­tua­ti­on und Wett­kampf­ver­lauf wird man im­mer zu ei­ner der bei­den Sei­ten ten­die­ren“, sagt Reif. Heißt: Wer beim letz­ten Sprung in der Qua­li­fi­ka­ti­on noch kei­ne Wei­te ste­hen hat, wird auf Num­mer si­cher ge­hen, wer nur noch ei­nen Ver­such hat, um auf ei­nen Me­dail­len­rang vor­zu­rü­cken, ris­kiert al­les oder nichts. „Grund­sätz­lich wür­de ich am An­fang im­mer zu ei­nem Si­cher­heits­sprung ra­ten. Das macht den wei­te­ren Ver­lauf des Wett­kamp­fes ein­fa­cher, und man kommt bes­ser in den Wett­kampf“, sagt Reif.

Im bes­ten Fall läuft ein Wett­kampf na­tür­lich wie der von Mih­am­bo beim Dia­mond-le­ague-fi­na­le An­fang Sep­tem­ber in Brüs­sel: 6,97 Me­ter im ers­ten Ver­such, 6,99 im zwei­ten, Sie­ges­wei­te von 7,03 Me­ter im drit­ten, dann vor­zei­tig den Wett­kampf be­en­den und sich höchs­tens dar­über är­gern, dass man beim zwei­ten Ver­such 23 Zen­ti­me­ter vor dem Brett ab­ge­sprun­gen war und so 7,22 Me­ter drin ge­we­sen wä­ren. Deut­li­cher konn­te sie je­den­falls ih­re Aus­nah­me­form nicht un­ter Be­weis stel­len.

Mih­am­bo ist al­so ak­tu­ell das Maß al­ler Din­ge bei den Frau­en. Doch was ist in Zu­kunft noch mög­lich im Weit­sprung? Wel­che Wei­ten? „Um Ver­bes­se­run­gen in der Wei­te zu er­zie­len, müs­sen An­lauf und Flug­pha­se zu­sam­men­ar­bei­ten. So­wohl für den An­lauf als auch für die Flug­pha­se gibt es be­reits na­he­zu per­fek­te Tech­nik­bil­der von Sprin­gern. Ent­schei­dend, um neue Re­kor­de zu er­rei­chen, wird al­so sein, dass es Sprin­gern ge­lingt, al­le Be­stand­tei­le in ei­nem per­fek­ten Sprung zu­sam­men­zu­brin­gen“, sagt Reif.

Solch ein Sprung wird dann al­ler­dings kein Si­cher­heits­sprung sein kön­nen. Das ist klar. Es muss ei­ner mit vol­lem Ri­si­ko sein. Und da­mit viel­leicht der ein­zig gül­ti­ge an ei­nem Abend. Doch eben ei­ner, der al­les Über­tre­ten wert war.

FOTO: IMAGO IMAGES

Über die­ses schma­le Brett müs­sen al­le Weit­sprin­ger kom­men: Wm-gold-fa­vo­ri­tin Ma­lai­ka Mih­am­bo beim Ber­li­ner Is­taf-mee­ting An­fang Sep­tem­ber.

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