Den Preu­ßen auf den Schlips tre­ten

Das FFT zeigt mit „Der Bud­dha-teich“ein bi­lin­gua­les Lehr­stück über Ver­hal­tens­re­geln und Miss­ver­ständ­nis­se.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF­ER KULTUR - VON SEMA KOUSCHKERI­AN

Herr Mo­to­ki­chi will ge­ra­de den Dolch zum Ha­ra­ki­ri an­set­zen, als ihm ein Dorf­be­woh­ner ins Ohr raunt: „Das ist für die Deut­schen. Du sollst nicht wirk­lich ster­ben. Nur so tun, als ob.“Da hat Herr Mo­to­ki­chi noch mal Glück ge­habt. Der al­te Mann legt sich nun mäch­tig ins Zeug, denn er spielt für sein Le­ben gern Thea­ter. Obend­rein ge­fällt es ihm, die Gäs­te aus dem Wes­ten zu täu­schen, nach­dem sie ihn zu­vor we­gen ih­res un­ge­bühr­li­chen Be­tra­gens in Ra­ge ver­setzt hat­ten.

Die Be­ge­ben­heit hat sich im De­tail so nicht zu­ge­tra­gen, ge­hört je­doch in den Kon­text ei­ner wah­ren Ge­schich­te, die im 19. Jahr­hun­dert in dem ja­pa­ni­schen Ort Sui­ta ih­ren Lauf nahm. Das Er­eig­nis führ­te zu di­plo­ma­ti­schen Ver­wick­lun­gen zwi­schen Ja­pan und Preu­ßen, wel­che der ja­pa­ni­sche Re­gis­seur Jun Tsutsui als Ba­sis für sei­ne neue Ins­ze­nie­rung „Der Bud­dha-teich“nutz­te. Die Urauf­füh­rung des Werks fei­er­te im Fo­rum Frei­es Thea­ter (FFT) Pre­mie­re und ist ein hu­mor­vol­les Lehr­stück über Ver­hal­tens­re­geln und dar­aus er­wach­se­ne Miss­ver­ständ­nis­se. Tsutsui legt da­bei den Fo­kus auf die deut­sche und die ja­pa­ni­sche Kultur und ver­setzt de­ren ge­gen­wär­ti­gen und his­to­ri­schen Ver­ban­de­lun­gen feins­te Sti­che.

Auf der Büh­ne ste­hen die deut­sche Schauspiel­erin Nad­ja Du­es­ter­berg und die Ja­pa­ne­rin Nats­u­mi Ka­ma­da an Com­pu­tern. Ka­ma­da spricht nur Ja­pa­nisch, Du­es­ter­berg nur Deutsch, ih­re Bei­trä­ge schi­cken sie per Knopf­druck als Über­ti­tel auf zwei Lein­wän­de. Auf die­se Wei­se ver­ste­hen sie ein­an­der, je­den­falls meis­tens. Die deutsch-ja­pa­ni­sche Zu­schau­er­schaft wie­der­um folgt pro­blem­los der Hand­lung.

Un­ent­wegt le­sen zu müs­sen, an­statt sich im Spiel zu ver­sen­ken, kann an­stren­gend sein. Je­doch hat Re­gis­seur Tsutsui die Sät­ze prä­zi­se aus­ge­sucht, so dass sie wie li­te­ra­le Bo­ten­stof­fe ei­nem durch den Kopf flit­zen und den Ver­stand be­mü­hen. Das ist an­ge­nehm le­ben­dig und gar nicht an­stren­gend. Zu­mal die bei­den Darstel­le­rin­nen mit ein­fachs­ten Mit­teln mi­misch gan­ze Ar­beit

leis­ten. Auf die­se Wei­se er­fährt das Pu­bli­kum, dass Deutsch­land über ei­ne be­mer­kens­wer­te Kampf­kunst ver­fügt, die im „Na­se-schnip­pen“und „In-den-hin­tern-tre­ten“ih­re höchs­te Ent­fal­tung fin­det. Dass Ri­tua­le und Flos­keln in uns oh­ne un­ser Zu­tun ein­ge­si­ckert sind und es nicht bö­se ge­meint ist, wenn wir sie gleich­gül­tig ein­set­zen oder aber ver­wei­gern. Falls sich je­mand da­durch auf den Schlips ge­tre­ten fühlt, sor­ry. Ja­pa­ni­sche Faust­re­gel: sich im­mer und über­all ent­schul­di­gen, je­doch „nie von Her­zen“, sagt Nats­u­mi Ka­ma­da. „Die Deut­schen ent­schul­di­gen sich im Ge­gen­satz zu uns Ja­pa­nern nie. War­um ei­gent­lich nicht?“, möch­te sie wis­sen. „Weil dann Geld ge­for­dert wird“, er­klärt Nad­ja Du­es­ter­berg.

So ein­fach ist die Sa­che nicht. Je­man­den wahr­haf­tig um Ver­zei­hung zu bit­ten, ist ein zwi­schen­mensch­li­cher Akt, der ein ho­hes Maß an ethi­scher Ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Han­deln vor­aus­setzt. Das gilt für bei­de Sei­ten. Nur – was ist, wenn sich der ei­ne wie­der gut fühlt, ob­wohl die Ent­schul­di­gung des an­de­ren bloß ge­heu­chelt war? Ist es nicht ein biss­chen wie beim Fuß­ball, wo es dar­auf an­kommt, dass und nicht wie der Ball ins Tor ge­langt, so­fern der Schieds­rich­ter nichts merkt?

Wie ver­zwickt die An­ge­le­gen­heit al­lein in­ner­halb zwei un­ter­schied­li­cher Kul­tur­krei­se ist, ver­an­schau­li­chen die Darstel­le­rin­nen mit der Ge­schich­te vom „Bud­dha-teich“: Der aben­teu­er­lus­ti­ge Hein­rich von Preu­ßen, Bru­der von Kai­ser Wil­helm II., reist häu­fig nach Ja­pan. Als 17-Jäh­ri­ger be­sucht er im Jahr 1880 den Bud­dha-teich in Sui­ta in der Prä­fek­tur Os­a­ka. Dort schießt er En­ten, ob­wohl de­ren Jagd ver­bo­ten ist. Die er­bos­ten Dorf­be­woh­ner ver­prü­geln den Prin­zen, nicht ah­nend, dass sie es mit ei­nem Mit­glied der deut­schen Kai­ser-fa­mi­lie zu tun ha­ben. Ja­pan und Preu­ßen strei­ten über die Ge­scheh­nis­se, am En­de ent­schul­digt sich die ja­pa­ni­sche Re­gie­rung, was wohl in die Ka­te­go­rie „Der Klü­ge­re gibt nach“ge­hört. Je­den­falls wird der Kon­flikt dar­auf­hin bei­ge­legt.

Die Ins­ze­nie­rung stellt ge­lern­te Mus­ter und Wer­te­sys­te­me, die Kol­lek­ti­ve mit­ein­an­der ver­ein­bart ha­ben, ge­hö­rig auf den Kopf. Da­bei wird auch sub­til Kri­tik an po­li­ti­schen Mecha­nis­men ein­ge­floch­ten. „Manch­mal muss man ein­fach mal vom Skript ab­las­sen“, sa­gen Nats­u­mi Ka­ma­da und Nad­ja Du­es­ter­berg. Wie zur Neu­tra­li­sie­rung kom­pli­zier­ter Ver­stän­di­gung füh­ren sie am En­de der Vor­stel­lung die De­bat­te um En­ten, Moral und Kom­mu­ni­ka­ti­on ad ab­sur­dum – schel­misch und mit Mu­sik. Die 80 Mi­nu­ten sind wie im Flug ver­gan­gen, dank ei­ner Ins­ze­nie­rung, die still ver­gnügt denk­wür­di­ge Im­pul­se aus­sen­det.

FOTO: CHRIS­TI­AN HERRMANN

Die ja­pa­ni­sche Schauspiel­erin Nats­u­mi Ka­ma­da (l.) mit ih­rer deut­schen Kol­le­gin Nad­ja Du­es­ter­berg in „Der Bud­dha-teich“im FFT.

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