„Bit­te nehmt das Geld!“

Der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter be­klagt, dass Kom­mu­nen, Län­der und In­ves­to­ren et­li­che Mil­li­ar­den Eu­ro nicht ab­ru­fen.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - BIR­GIT MARSCHALL UND EVA QUAD­BECK FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

BER­LIN Die Stra­pa­zen der vor­an­ge­gan­ge­nen Ta­ge sind Olaf Scholz schon nicht mehr an­zu­se­hen. Wie vie­le Spit­zen­po­li­ti­ker hat auch der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter die Fä­hig­keit, sich schnell zu er­ho­len – trotz 19-stün­di­ger Ver­hand­lun­gen zum Kli­ma­pa­ket in der Vor­wo­che und der Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen der SPD, bei de­nen sich der Vi­ze­kanz­ler für den Par­tei­vor­sitz be­wirbt.

Herr Scholz, im Zen­trum der Kri­tik zum Kli­ma­pa­ket steht der nied­ri­ge Ein­stiegs­preis von nur zehn Eu­ro für ei­ne Ton­ne CO2. War­um wa­ren Sie nicht mu­ti­ger?

SCHOLZ Zum ers­ten Mal füh­ren wir ein kom­plett neu­es, na­tio­na­les Han­dels­sys­tem mit Co2-ver­schmut­zungs­rech­ten ein – für den Ver­kehrs­sek­tor, für Ge­bäu­de und für die Land­wirt­schaft. CO2 er­hält erst­mals ei­nen Preis, das ist ein Pa­ra­dig­men­wech­sel. Der Ein­stiegs­preis ist nicht ent­schei­dend. Ent­schei­dend ist, dass er sich ja schon 2022 auf 20 Eu­ro ver­dop­pelt und dann kon­ti­nu­ier­lich wei­ter steigt. Ge­gen En­de der 2020er Jah­re ist mit ei­nem deut­lich hö­he­ren Co2-preis zu rech­nen. Bis da­hin ha­ben al­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die Mög­lich­keit, sich um­zu­stel­len, auch die mit ge­rin­ge­ren Ein­kom­men. Die Bot­schaft lau­tet: Wer zu lan­ge war­tet mit dem Wech­sel zu ei­nem kli­ma­freund­li­che­ren Au­to oder ei­ner Co2-neu­tra­len Hei­zung, wird spä­ter um­so mehr zah­len müs­sen.

Sie sa­gen, die Re­gie­rung müs­se die Men­schen mit­neh­men. War­um ha­ben Sie dann die Kli­ma­prä­mie ge­op­fert, bei der je­der Bür­ger ei­nen fes­ten Be­trag zu­rück­er­hal­ten hät­te? SCHOLZ Wir ge­ben den Men­schen das Geld in Form von In­ves­ti­ti­ons­und För­der­pro­gram­men zu­rück, durch die Sen­kung ih­rer Strom­kos­ten, durch den Aus­bau des Schie­nen­ver­kehrs, durch ein hö­he­res Wohn­geld und ei­ne an­ge­pass­te Pend­ler­pau­scha­le. Und wir wol­len durch ein ge­son­der­tes Ge­setz ver­hin­dern, dass die stei­gen­den Ener­gie­kos­ten durch die Co2-be­prei­sung ein­fach auf die Mie­ter ab­ge­wälzt wer­den kön­nen.

An­fang des Jah­res ha­ben Sie ge­sagt, die fet­ten Jah­re sei­en vor­bei. Plötz­lich ist Ihr Haus­halt ei­ne rei­ne Wun­der­tü­te, aus der al­les be­zahlt wer­den kann – und das, ob­wohl die Kon­junk­tur schwä­chelt. Ist das nicht merk­wür­dig?

SCHOLZ Na­ja, zur Wahr­heit ge­hört auch, dass wir stei­gen­de Ein­nah­men aus der Co2-be­prei­sung, der Kfz-steu­er und der Lkw-maut ver­ab­re­det ha­ben. Das Pro­blem zur­zeit ist eher, dass vie­le In­ves­ti­ti­ons­mit­tel nicht ab­flie­ßen – weil es an Pla­nungs­ka­pa­zi­tä­ten fehlt und an Bau­ar­bei­tern. Ich ma­che mir eher Sor­gen, dass das Geld nicht ab­flie­ßen könn­te. Wir mo­bi­li­sie­ren schon heu­te Mil­li­ar­den für den Kli­ma­schutz, für bes­se­re Schu­len, neue Stra­ßen und so­zia­len Woh­nungs­bau – und stel­len am Jah­res­en­de re­gel­mä­ßig fest, dass viel Geld nicht ab­ge­ru­fen wird. Ich bin über­zeugt, dass vie­le Pro­zes­se in Deutsch­land zu lang­sam ge­wor­den sind – durch un­se­re Freu­de an der Re­gu­lie­rung und an zu kom­pli­zier­ten Ent­schei­dungs­pro­zes­sen.

Al­so kön­nen wir über un­ser In­ter­view die Über­schrift set­zen: „Scholz: Bit­te nehmt das Geld“? SCHOLZ (lacht) Ja, ein­ver­stan­den! Wie viel Geld bleibt denn je­des Jahr beim Bund lie­gen?

SCHOLZ Das steigt von Jahr zu Jahr. In­zwi­schen sind das im ge­sam­ten Etat mehr als 15 Mil­li­ar­den Eu­ro. Ich ha­be jetzt mei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Ka­bi­nett ge­be­ten, die Re­geln zu über­ar­bei­ten. Es kann nicht sein, dass In­ves­tie­ren so kom­pli­ziert ge­wor­den ist.

Klam­me Kom­mu­nen kön­nen seit Jah­ren nicht in­ves­tie­ren, weil sie völ­lig über­schul­det sind. Was wol­len Sie tun, um das Alt­schul­den­pro­blem zu lö­sen?

SCHOLZ Es gibt ei­ne gan­ze Rei­he von Städ­ten und Ge­mein­den, die so hoch ver­schul­det sind, dass sie al­lein nicht mehr aus der Alt­schul­den­fal­le her­aus­kom­men. Die­sen Kom­mu­nen müs­sen wir ge­mein­sam wie­der die Luft zum At­men schaf­fen, al­so die Mög­lich­keit zu in­ves­tie­ren. Bis­lang fließt ihr Geld vor­dring­lich in den Schul­den­dienst. Die Kom­mis­si­on für gleich­wer­ti­ge Le­bens­ver­hält­nis­se hat emp­foh­len, dass Bund und Län­der die­sen am höchs­ten ver­schul­de­ten Ge­mein­den hel­fen. Das Ka­bi­nett hat be­schlos­sen, dass wir das un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen tun kön­nen. Ich bin be­reit da­zu, dass der Bund ei­nen Teil die­ser kom­mu­na­len Alt­schul­den über­nimmt. Da­mit stär­ken wir die Gleich­wer­tig­keit der Le­bens­ver­hält­nis­se und ver­bes­sern die Start­chan­cen der Städ­te und Ge­mein­de für das neue Jahr­zehnt.

In wel­chem Maß wird sich der Bund denn be­tei­li­gen?

SCHOLZ Um Ih­nen kurz die Di­men­si­on zu ver­deut­li­chen: Wir re­den über et­wa 2500 hoch­ver­schul­de­te Kom­mu­nen, die wir wie­der hand­lungs­fä­hig ma­chen wol­len. Dar­über müs­sen wir uns aber im Bun­des­rat mit al­len Län­dern ver­stän­di­gen, denn die an­de­ren 8500 Ge­mein­den in Deutsch­land wür­den ja kei­ne zu­sätz­li­che Hil­fe er­hal­ten. Der Bund ist be­reit, sich or­dent­lich ein­zu­brin­gen. Die Län­der müs­sen ih­ren Teil tra­gen und zu­gleich da­für sor­gen, dass das Schul­den­pro­blem da­nach nicht wie­der auf­taucht. In ei­ni­gen Län­dern wird es näm­lich im­mer Ge­mein­den ge­ben, die in ge­wis­sem Um­fang dau­er­haft auf die So­li­da­ri­tät ih­rer Lan­des­re­gie­rung und der üb­ri­gen Kom­mu­nen an­ge­wie­sen sein wer­den.

Um mehr Geld ein­zu­neh­men, möch­ten Sie, dass die An­zei­ge­pflicht für il­le­ga­le Steu­er­ge­stal­tun­gen ver­schärft wird. Was be­deu­tet das für die Bür­ger? SCHOLZ Das be­deu­tet we­ni­ger Steu­er­be­trug, mehr Steu­er­ge­rech­tig­keit. Die Skan­da­le um il­le­ga­le Cum-exo­der Cum-cum-ge­schäf­te ha­ben uns ge­zeigt, wie wich­tig ei­ne sol­che In­for­ma­ti­ons­pflicht der Steu­er­be­ra­ter ist. Im Mo­ment füh­ren wir auf Eu-ebe­ne ei­ne Mel­de­pflicht für grenz­über­schrei­ten­de Steu­er­ge­stal­tungs­mo­del­le ein, die gro­ße Un­ter­neh­men oder rei­che Bür­ger nut­zen, um we­ni­ger Steu­ern zu zah­len. Da­durch sol­len die Ge­setz­ge­ber in die La­ge ver­setzt wer­den, sol­che Schlupf­lö­cher zu schlie­ßen. In Groß­bri­tan­ni­en funk­tio­niert das schon sehr gut. Als Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter bin ich da­für, ei­nen Schritt wei­ter­zu­ge­hen und die An­zei­ge­pflicht nicht auf grenz­über­schrei­ten­de Ge­schäf­te zu be­schrän­ken, son­dern auch in­län­di­sche Mo­del­le ein­zu­be­zie­hen. Da­ge­gen kann ei­gent­lich kein ver­nünf­ti­ger Mensch et­was ha­ben. Auch für Steu­er­ge­stal­tungs­mo­del­le, die nur in Deutsch­land statt­fin­den, brau­chen wir ei­ne An­zei­ge­pflicht, da­mit der Staat Be­scheid weiß, was da läuft.

Ger­hard Schrö­der hat sei­ne Wah­len in der Mit­te ge­won­nen. Rückt die SPD gera­de zu weit nach links? SCHOLZ Die SPD ist dann er­folg­reich, wenn man ihr das Re­gie­ren zu­traut. Wenn man sagt, die Au­ßen­po­li­tik ist bei de­nen in gu­ten Hän­den, die ha­ben die rich­ti­gen Vor­stel­lun­gen für die Zu­kunft der EU, die sor­gen da­für, dass sich die Wirt­schaft gut ent­wi­ckelt, die ver­wal­ten die öf­fent­li­chen Fi­nan­zen so­li­de. Rich­tig er­folg­reich

ist sie dann, wenn man ihr zu­traut, auch für den so­zia­len Zu­sam­men­halt zu sor­gen. Ei­nen Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro zum Bei­spiel hal­te ich für ein Ge­bot der St­un­de.

Sie ha­ben ge­sagt, das Kli­ma­pa­ket wer­de ein Prüf­stein sein, dass die SPD in der Groko wei­ter­ma­chen kann. Jetzt ist es da. Heißt das, die SPD kann in der Groko blei­ben? SCHOLZ Die Ko­ali­ti­on hat sich dar­auf ver­stän­digt, zur Halb­zeit ei­ne Be­stands­auf­nah­me vor­zu­le­gen – das ma­chen wir in die­sem Herbst. Die drei Par­tei­en wer­den das dann je­de für sich be­wer­ten. Die SPD wird dar­über auf dem Par­tei­tag im De­zem­ber ab­stim­men. Das Kli­ma­pa­ket wird da­bei si­cher­lich ei­ne Rol­le spie­len, die Ge­set­ze, die wir in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren auf den Weg ge­bracht ha­ben, auch, und na­tür­lich all das, was wir bis 2021 noch er­le­di­gen wol­len, et­wa die Ein­däm­mung der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung, die So­li-ab­schaf­fung oder die Grund­ren­te.

Was kann Kla­ra Gey­witz, mit der Sie sich um den Spd-vor­sitz be­wer­ben, bes­ser als Sie?

SCHOLZ Sie ist ei­ne star­ke Frau, die sehr poin­tiert for­mu­lie­ren kann. Sie hat ei­ne ganz an­de­re Bio­gra­fie als ich, ist jün­ger, bringt ganz an­de­re Er­fah­run­gen mit. Sie ist in Bran­den­burg auf­ge­wach­sen, hat di­rekt er­lebt, wie der Mau­er­fall das Le­ben vie­ler Men­schen um­ge­stal­tet hat, sie ist Mut­ter von drei Kin­dern. Sie ist ei­ne en­ga­gier­te Frau­en­po­li­ti­ke­rin. Wir wol­len die SPD ge­mein­sam füh­ren, das heißt, es soll nicht ei­ner für das ei­ne und die an­de­re für das an­de­re zu­stän­dig sein. Als Team funk­tio­nie­ren wir sehr gut.

Und was kön­nen Sie bes­ser als Kla­ra Gey­witz?

SCHOLZ (lacht) Gar nichts.

FO­TO: GAERTNER/PHOTOTEK/IMAGO

Olaf Scholz wäh­rend ei­nes Chin­a­be­suchs An­fang des Jah­res im Jings­han-park in Pe­king.

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