Rund­gang zwi­schen Bor­dell und Bau­ern­hof

Das Are­al rund um die Theo­dor­stra­ße hat kei­nen gu­ten Ruf und schlech­te Be­wer­tun­gen er­hal­ten. Wer dort hin­ter die Ku­lis­sen schaut, ist er­staunt über die Viel­sei­tig­keit der An­sied­lun­gen in ei­nem ur­sprüng­li­chen In­dus­trie­ge­biet.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STADTTEILE NORD / OST - VON JU­LIA BRABECK

RATH Dass das Ge­biet rund um die Theo­dor­stra­ße als pro­ble­ma­tisch gilt, ist kein Ge­heim­nis. Mit der 2018 ver­öf­fent­lich­ten So­zi­al­raum­stu­die der Stadt wur­de aber be­legt, dass dort ein sehr ho­her so­zia­ler Hand­lungs­be­darf be­steht. Die­se schlech­tes­te mög­li­che Be­wer­tung er­hiel­ten nur zehn von ins­ge­samt 178 Ge­bie­ten in Düs­sel­dorf. „Das sagt aber nichts dar­über aus, ob es hier ei­ne ho­he Kri­mi­na­li­tät oder ein schlech­tes Be­neh­men der Be­woh­ner gibt“, be­tont Be­zirks­bür­ger­meis­ter Ralf Tho­mas.

So be­zieht sich die Be­wer­tung auf die Le­bens­be­din­gun­gen im Quar­tier. Und da­bei schnitt der So­zi­al­raum 603, das Are­al zwi­schen Theo­dor­stra­ße und den Au­to­bah­nen A52 und A44, in dem ins­ge­samt 409 Men­schen le­ben, be­son­ders schlecht ab. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te et­wa ist mit 36 Pro­zent (stadt­weit 9,2 Pro­zent) ex­trem hoch, die Wohn­flä­che mit 28,2 Qua­drat­me­tern pro Per­son (41,9 Qua­drat­me­tern im städ­ti­schen Durch­schnitt) nied­rig. 22,5 Pro­zent der Be­woh­ner über 65 Jah­ren sind auf Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen, wäh­rend stadt­weit es nur 7,4 Pro­zent sind. 33,3 Pro­zent Al­lein­er­zie­hen­de-haus­hal­te gibt es in dem Ge­biet, in Düs­sel­dorf sind es sonst 22,4 Pro­zent.

Be­zirks­bür­ger­meis­ter Ralf Tho­mas hat nun Bür­gern bei ei­nem ge­mein­sa­men Stadt­teil­rund­gang die Ge­le­gen­heit ge­bo­ten, sich sel­ber ei­nen Ein­druck vom So­zi­al­raum 603 zu ver­schaf­fen. Wer da­bei wei­te­re Fak­ten, In­fos zu ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen oder Kon­zep­te zur Lö­sung von Pro­ble­men von den teil­neh­men­den Be­zirks­po­li­ti­kern er­war­tet hat­te, wur­de ent­täuscht. Die­se, aber auch der teil­neh­men­de Be­zirks­dienst­be­am­te, hiel­ten sich bei der Be­wer­tung der Si­tua­ti­on be­deckt und ver­wie­sen auf an­de­re zu­stän­di­ge Stel­len wie das Lie­gen­schafts­amt der Stadt.

Ge­bo­ten wur­de da­für ein Rund­gang durch ein Ge­biet, wie es wohl kaum he­te­ro­ge­ner in Düs­sel­dorf ge­ben dürf­te und das mit vie­len Grün­flä­chen so gar nicht zum Kli­schee ei­nes Brenn­punk­tes passt. Aus­gangs­punkt war die bun­te Häu­ser­zei­le aus den 1913er Jah­ren. Die meis­ten der Woh­nun­gen sind im städ­ti­schen Be­sitz und wer­den vom Ver­ein „Selbst­ver­wal­te­tes Wohn­pro­jekt Theo­dor­stra­ße“(SWT) ver­wal­tet. In der Ober­hau­se­ner Stra­ße gibt es Ge­wer­be­be­trie­be, Künst­ler­ate­liers und ein gro­ßes Lu­xus-bor­dell. Von dort zweigt die Stra­ße Müh­len­broich ab, die im so­ge­nann­ten Schau­stel­ler-ge­län­de en­det. Die Be­woh­ner ha­ben sich den städ­ti­schen Grund zu ih­rem ei­ge­nen Reich aus Hüt­ten und Wa­gen um­ge­baut. Zahl­rei­che Schrott­au­tos säu­men den Weg, übe­r­all la­gert Ma­te­ri­al und wur­den Un­ter­stän­de er­rich­tet und eben auch ei­ne gro­ße Hal­le il­le­gal er­baut, um de­ren Ab­riss seit neun Jah­ren ver­ge­bens ge­run­gen wird. Neu­ig­kei­ten da­zu konn­ten beim Rund­gang nicht mit­ge­teilt wer­den.

Dort­hin ver­irrt man sich nicht oh­ne wei­te­res, wes­halb es nicht ver­wun­der­lich ist, dass die Be­woh­ner den­je­ni­gen genau be­ob­ach­ten, der dort ent­lang geht. „Ich wur­de schon ein­mal am Ein­gang zu die­sem Ge­biet an­ge­pö­belt und mir wur­de klar ge­macht, dass ich dort nicht will­kom­men bin“, sagt ei­ne Teil­neh­me­rin des Rund­gangs. Dies­mal ist das aber nicht der Fall. Im Ge­gen­teil. Ei­ner der Be­woh­ner macht die Grup­pe freund­lich auf ei­nen Tram­pel­pfad ent­lang der il­le­ga­len Hal­le auf­merk­sam, der ei­ne Ab­kür­zung durch das Ge­biet ist. Par­al­lel zur Gü­ter­bahn­stre­cke führt die Stra­ße Müh­len­broich dann an ei­ner Pfer­de­kop­pel und ei­nem ver­wil­der­ten Grund­stück, der Aus­stei­ger-ko­lo­nie, vor­bei. Wer dort genau zu wel­chen Be­din­gun­gen lebt, ob in­zwi­schen le­gal Strom be­zo­gen wird? Auch die­se Fra­gen blie­ben of­fen.

An der Li­li­en­cron­stra­ße wie­der­um steht die Ki­ta Mär­chen­land, die vor mehr als 20 Jah­ren von El­tern ge­grün­det wur­de, um ei­ne Ver­sor­gung der Kin­der der Theo­dor­stra­ße si­cher­zu­stel­len, die da­mals als kin­der­reichs­te Stra­ße Düs­sel­dorfs galt. Heu­te kom­men aus ganz Düs­sel­dorf Kin­der in das Mär­chen­land. Ein Fuß­weg führt hin­ter den sich an­schlie­ßen­den Wohn­häu­sern ent­lang durch ei­nen öf­fent­li­chen Grün­zug mit Bolz­platz und Kin­der­spiel­platz. Dort be­fin­den sich ei­ni­ge Schre­ber­gär­ten und ein gro­ßer, un­ter Denk­mal­schutz ste­hen­der al­ter Bau­ern­hof. Ei­ne rich­ti­ge klei­ne Idyl­le, an der wie­der­um das Ge­län­de ei­nes Au­to­hau­ses grenzt. „Das ist schon ver­rückt, was es hier al­les auf kleins­tem Raum gibt. Das hät­te ich nie ver­mu­tet“, sagt ein Bür­ger.

RP-FO­TO: HANS-JÜR­GEN BAU­ER

Be­zirks­bür­ger­meis­ter Ralf Tho­mas gab vor dem Rund­gang ei­ne Ein­füh­rung in die Be­son­der­hei­ten des Are­als rund um die Theo­dor­stra­ße.

RP-FO­TOS (3): BRAB

Vie­le Schrott­au­tos sta­peln sich rund um das Ge­län­de an der Stra­ße Müh­len­broich.

Mit­ten im In­dus­trie- und Ge­wer­be­ge­biet blieb ein al­ter Bau­ern­hof er­hal­ten.

Hin­ter der Häu­ser­zei­le liegt ein Grün­zug mit Kin­der­spiel­platz und Klein­gär­ten.

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