„Die Hartz-ge­set­ze ha­ben sich be­währt“

Chris­tia­ne Schö­ne­feld (62) steigt zur mäch­tigs­ten Frau der Bun­des­agen­tur für Ar­beit auf. Im Sams­tags-in­ter­view spricht sie über Nrw-er­fol­ge und Re­form­plä­ne.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - ANT­JE HÖ­NING UND MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

DÜS­SEL­DORF

Am Mitt­woch hat Chris­tia­ne Schö­ne­feld in Ber­lin ih­re Er­nen­nungs­ur­kun­de er­hal­ten, ab Mon­tag ist die 62-Jäh­ri­ge die wich­tigs­te Frau bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit. Als Vor­stän­din für Res­sour­cen ist sie für Fi­nan­zen, Ar­beits­markt­zah­len und 95.000 Mit­ar­bei­ter ver­ant­wort­lich. Wir tra­fen sie an ih­rem letz­ten Ar­beits­tag als Che­fin der Nrw-re­gio­nal­di­rek­ti­on.

Sie ar­bei­ten seit 20 Jah­ren für die Re­gio­nal­di­rek­ti­on. Wie hat sich der Ar­beits­markt ge­wan­delt?

SCHÖ­NE­FELD

Als ich in Düs­sel­dorf an­ge­fan­gen ha­be, wa­ren es Zei­ten der Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit. NRW steu­er­te da­mals auf ei­ne Mil­li­on Ar­beits­lo­se zu. Das ha­ben wir gut auf­ge­fan­gen. Wenn Sie sich die heu­ti­gen Ar­beits­markt­da­ten an­schau­en, ha­ben wir toll auf­ge­holt. Heu­te sind es 660.000.

Al­ler­dings hinkt NRW hin­ter­her.

SCHÖ­NE­FELD

In Ost­west­fa­len und im Müns­ter­land re­den wir über Voll­be­schäf­ti­gung und Fach­kräf­te­man­gel, wie wir ihn aus Bay­ern und Ba­den-würt­tem­berg ken­nen. Das Ruhr­ge­biet hat da­ge­gen mit Her­aus­for­de­run­gen zu kämp­fen, wie wir sie in Ost­deutsch­land er­le­ben. Da­bei hat das Ruhr­ge­biet im­mer wie­der Rück­schlä­ge er­lit­ten.

Wel­che mei­nen Sie?

SCHÖ­NE­FELD

Schau­en Sie al­lein nach Bochum. Erst ist dort No­kia in die Knie ge­gan­gen, spä­ter Opel. Wir hat­ten in der Re­gio­nal­di­rek­ti­on ein Sprich­wort, mit dem wir un­denk­ba­re Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en um­schrie­ben ha­ben: „Das wä­re dann so, als wür­de Opel in Bochum dicht ma­chen…“Und dann wur­de es bit­te­re Rea­li­tät.

War der Fall Opel der kras­ses­te Ih­rer Lauf­bahn?

SCHÖ­NE­FELD

Es gab noch an­de­re In­sol­ven­zen wie et­wa Air Ber­lin, Kar­stadt oder Schle­cker. Ein­zig­ar­tig bei Opel war die­se enor­me Hoff­nungs­lo­sig­keit in der Stadt. der muss­ten wir erst­mal be­geg­nen. Wir ha­ben aber mit dem Opel-bei­rat das Pro­blem gut ge­ma­nagt und vie­le Men­schen wie­der in Ar­beit ge­bracht. Am En­de ist die Ar­beits­lo­sig­keit in Bochum durch Opel nicht gestie­gen.

Die nächs­te Her­aus­for­de­rung für NRW ist der Aus­stieg aus der Braun­koh­le. Wird es Fol­gen ge­ben wie nach dem Ze­chen-aus?

SCHÖ­NE­FELD

Bei der St­ein­koh­le wur­den die Kum­pel ent­we­der in den Ru­he­stand ge­schickt oder in­ner­halb der RAG ver­scho­ben. Das ist beim rhei­ni­schen Re­vier an­ders, hier soll Neu­es für die Zu­kunft ent­ste­hen.

Sie kön­nen aber Ta­ge­bau-ar­bei­ter nicht in neu­en For­schungs­in­sti­tu­ten oder Be­hör­den un­ter­brin­gen.

SCHÖ­NE­FELD

Das müs­sen wir auch gar nicht. Es war­tet ei­ne enor­me Auf­ga­be auf RWE in Sa­chen Re­na­tu­rie­rung und er­neu­er­ba­re Ener­gi­en. Wir re­den im­mer­hin über ei­ne Flä­che, die grö­ßer als der Te­gern­see ist. Da­für sind Berg­bau­spe­zia­lis­ten nö­tig. Vie­le der be­trof­fe­nen 9000 Rwe-mit­ar­bei­ter wer­den al­so dort lan­den und für die Be­schäf­tig­ten über 58 Jah­re wird es ein An­pas­sungs­geld ge­ben. Na­tür­lich brau­chen wir zu­sätz­lich ech­te Zu­kunfts­pro­jek­te. Es reicht nicht, dass man das Sand­strah­len ei­nes Doms als Ant­wort auf den Struk­tur­wan­del preist. Wir brau­chen kei­ne Stroh­feu­er, son­dern lang­fris­tig Jobs. Im­mer­hin kom­men zu den Be­schäf­tig­ten im Ta­ge­bau noch Zu­lie­fe­rer hin­zu, die al­lein am Ta­ge­bau hän­gen.

Soll es auch für die­se Mit­ar­bei­ter ein An­pas­sungs­geld ge­ben?

SCHÖ­NE­FELD

Das wür­de ich nicht emp­feh­len, wir kön­nen uns Ru­he­stand mit 58 mit Blick auf den Fach­kräf­te­man­gel nur be­grenzt leis­ten.

Mit der Re­zes­si­on steigt die Zahl der Kurz­ar­bei­ter. Was er­war­ten Sie?

SCHÖ­NE­FELD

Ak­tu­ell ha­ben wir bun­des­weit 45.000 Ar­beit­neh­mer, die Kurz­ar­bei­ter­geld be­zie­hen. Die Zahl steigt, wie auch die Zahl der Ar­beits­lo­sen in Leih­ar­beit und Lo­gis­tik steigt. Doch von den Zah­len der Fi­nanz­kri­se 2008, als ei­ne Mil­li­on Men­schen Kurz­ar­bei­ter­geld be­zo­gen, sind wir weit ent­fernt.

Sind die Agen­tu­ren vor­be­rei­tet?

SCHÖ­NE­FELD

Wir sind per­so­nell wie fi­nan­zi­ell auf ei­nen An­sturm von An­trä­gen vor­be­rei­tet. Die fi­nan­zi­el­len Re­ser­ven der BA sind nach den vie­len Jah­ren des Auf­schwungs gut ge­füllt. Und wir wer­den das Geld rasch an die Be­trof­fe­nen ver­tei­len kön­nen.

Wer Kurz­ar­bei­ter­geld be­zieht, sitzt zu­hau­se. Wä­re es nicht bes­ser, die Zeit für Qua­li­fi­zie­rung zu nut­zen?

SCHÖ­NE­FELD

Ei­ne Re­form des Kurz­ar­bei­ter­gel­des scheint mir sinn­voll. Mit Blick auf den Fach­kräf­te­man­gel, der künf­tig noch stär­ker wer­den wird, soll­ten wir Aus­fall­zei­ten für Qua­li­fi­zie­rung nut­zen. Das gilt gera­de für die Zeit der Kurz­ar­beit.

Auf frei­wil­li­ger Ba­sis?

SCHÖ­NE­FELD

Wenn wir wol­len, dass mög­lichst vie­le Men­schen die Chan­ce zur Qua­li­fi­zie­rung nut­zen, soll­te die Wei­ter­bil­dung für Ar­beit­neh­mer, die Kurz­ar­bei­ter­geld be­zie­hen, zur Pflicht wer­den.

Wer Ar­beits­lo­sen­geld I be­zieht, hat nichts da­von, wenn er sich wei­ter­bil­det.

SCHÖ­NE­FELD

Auch dar­an lie­ße sich et­was än­dern: Wir wür­den den An­reiz zur Auf­nah­me ei­ner Wei­ter­bil­dung er­hö­hen, in­dem es für die Be­trof­fe­nen ei­nen Zu­schlag zum Ar­beits­lo­sen­geld I gibt. Uns feh­len bun­des­weit in so vie­len Be­rei­chen Fach­kräf­te, dass wir al­le Chan­cen zur Qua­li­fi­zie­rung nut­zen soll­ten.

Wenn wir schon bei Re­for­men sind: Brau­chen wir ei­ne Re­form der Hartz-ge­set­ze?

SCHÖ­NE­FELD

Grund­sätz­lich ha­ben sich die Hartz-ge­set­ze be­währt, ins­be­son­de­re an der oft dis­ku­tier­ten Be­zugs­dau­er beim Ar­beits­lo­sen­geld I soll­ten wir fest­hal­ten. Aber auch die Hartz-ge­set­ze wer­den sich wei­ter­ent­wi­ckeln.

Et­wa bei der Be­rück­sich­ti­gung von Ver­mö­gen?

SCHÖ­NE­FELD

Das ist ein wich­ti­ger Punkt. Die Vor­stel­lung, dass sie ihr für den Ru­he­stand ge­spar­tes Ver­mö­gen an­tas­ten oder aus ih­rem Haus aus­zie­hen müs­sen, macht vie­len Men­schen Angst. Ich be­grü­ße Plä­ne, in den ers­ten Jah­ren der Ar­beits­lo­sig­keit noch nicht auf das Ver­mö­gen zu schau­en. Wer in das Ar­beits­lo­sen­geld II rutscht, soll zwei Jah­re lang auch dann in sei­ner Woh­nung blei­ben dür­fen, wenn die nach heu­ti­gen Stan­dards zu groß wä­re.

Und jen­seits der Im­mo­bi­len?

SCHÖ­NE­FELD

Es ist grund­sätz­lich rich­tig, dass Bür­ger, die Für­sor­ge­leis­tun­gen vom Staat wol­len, ihr Ver­mö­gen of­fen­le­gen und ge­ge­be­nen­falls auch erst nut­zen müs­sen. Doch hier wä­re es sinn­voll, ein hö­he­res Schon­ver­mö­gen als bis­her fest­zu­le­gen, das Lang­zeit­ar­beits­lo­se nicht an­tas­ten müs­sen.

Dis­ku­tiert wird über 100.000 Eu­ro.

SCHÖ­NE­FELD

Zum Bei­spiel. Es macht we­nig Sinn, Ar­beits­lo­se vor­zei­tig zum Ver­zehr ih­rer Al­ters­vor­sor­ge zu zwin­gen. Das be­deu­tet nur mehr Al­ters­ar­mut in der Zu­kunft.

Die Zahl der Ar­beits­lo­sen hat sich ge­gen­über 2005 mehr als hal­biert. War­um hat die BA noch fast ge­nau­so vie­le Mit­ar­bei­ter?

SCHÖ­NE­FELD

Auch die Bun­des­agen­tur muss sich ver­än­dern und das tut sie auch be­reits. Zum ei­nen ha­ben wir schon vor Jah­ren ei­nen Per­so­nal­ab­baupfad ver­ein­bart, bis zum Jahr 2025 wer­den 10.000 Stel­len weg­fal­len durch Fluk­tua­ti­on, zum Bei­spiel durch Ab­gän­ge in den Ru­he­stand. Zum an­de­ren wird die Ar­beit an­ders, aber nicht we­ni­ger. Die Men­schen müs­sen le­bens­lang ler­nen und da­bei wol­len wir sie mit le­bens­be­glei­ten­der Be­ra­tung un­ter­stüt­zen.

Um Ih­re Vor­gän­ge­rin hat es vie­le Que­re­len ge­ben. Was be­deu­tet das für Sie?

SCHÖ­NE­FELD

Wir schau­en jetzt nach vor­ne und wol­len ge­mein­sam die „Bun­des­agen­tur der Zu­kunft“bau­en. Wir wol­len un­se­re Ar­beit noch mehr auf die Be­dürf­nis­se des Kun­den aus­rich­ten.

Und pri­vat – fürch­ten Sie Heim­weh nach dem Rhein­land?

SCHÖ­NE­FELD

(lacht) Mei­ne Woh­nung in Düs­sel­dorf wer­de ich be­hal­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.