See­ho­fers Asyl­kom­pro­miss

ANA­LY­SE Der In­nen­mi­nis­ter hat zu­ge­sagt, Deutsch­land wer­de je­den vier­ten ge­ret­te­ten Mit­tel­meer-flücht­ling auf­neh­men. Plötz­lich wird um die Asyl­po­li­tik wie­der hef­tig ge­strit­ten – aber mit ver­kehr­ten Fron­ten. Kommt jetzt der Sys­tem­wech­sel?

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS - VON GRE­GOR MAYNTZ

Die baye­ri­sche CSU schäumt über die Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung. Wich­ti­ge Csu-leu­te wer­fen dem In­nen­mi­nis­ter vor, zu leicht­fer­tig die Auf­nah­me von Mi­gran­ten zu bil­li­gen. Der Csu-vor­sit­zen­de Mar­kus Sö­der sorgt sich vor ei­ner nen­nens­wer­ten Zahl von Par­tei­aus­trit­ten aus Pro­test ge­gen die neue Asyl­po­li­tik. Was sich wie ei­ne Wie­der­auf­füh­rung der schwe­ren Ver­wer­fun­gen zwi­schen den Uni­ons­par­tei­en in den Jah­ren 2015 bis 2018 liest, be­leuch­tet in­des ei­nen be­mer­kens­wer­ten Rol­len­tausch. Es ist EX-CSU-CHEF Horst See­ho­fer, der jetzt als zu ge­ne­rös von sei­nen ei­ge­nen Leu­ten mas­siv kri­ti­siert wird. Was steckt da­hin­ter? Ver­lust der Bo­den­haf­tung durch ei­nen ein­sa­men Po­lit-wolf? Oder nutzt er, wie er meint, tat­säch­lich ein „his­to­ri­sches Zeit­fens­ter“?

Die ers­te The­se scheint be­leg­bar zu sein durch den Um­stand, dass See­ho­fer sei­nen für ei­nen Csu-po­li­ti­ker atem­be­rau­ben­den Kurs­wech­sel of­fen­bar mit nie­man­dem ge­nau­er ab­ge­stimmt hat. Nicht mit sei­ner Par­tei, nicht mit sei­ner Lan­des­grup­pe. So­gar die Bun­des­kanz­le­rin soll vor­her nicht im De­tail ein­ge­bun­den ge­we­sen sein, als er die Be­reit­schaft Deutsch­lands ver­kün­de­te, künf­tig ge­ne­rell 25 Pro­zent der aus See­not im Mit­tel­meer ge­ret­te­ten Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men.

Kri­ti­ker be­fürch­te­ten als Fol­ge so­gleich ei­nen Pull­fak­tor, al­so ei­ne Ein­la­dung an die Mil­lio­nen, die in Nord­afri­ka nur auf ei­ne Ge­le­gen­heit war­ten, den ge­fahr­vol­len Weg nach Eu­ro­pa an­zu­tre­ten. Er­in­ne­run­gen an das Jahr 2015 wer­den wach, als am En­de 890.000 Flücht­lin­ge nach Deutsch­land ka­men. See­ho­fers baye­ri­scher Amts­kol­le­ge Joa­chim Herr­mann warn­te: „Das Po­ten­zi­al ist sehr groß.“Er mein­te nicht nur das Po­ten­zi­al der Mi­gra­ti­on, son­dern auch das der Un­ru­he in der Be­völ­ke­rung.

Ei­ne ak­tu­el­le Um­fra­ge zeigt, dass nur et­wa je­der Drit­te See­ho­fers An­kün­di­gung un­ter­stüt­zen wür­de. Das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut In­sa be­frag­te mehr als 2000 Per­so­nen: 31 Pro­zent stimm­ten dem Vor­ha­ben des In­nen­mi­nis­ters zu, 43 Pro­zent lehn­ten es ab. 25 Pro­zent der Be­frag­ten ha­ben sich ei­ner Aus­sa­ge ent­hal­ten. Un­ter den Grü­nen-wäh­lern re­agie­ren 59 Pro­zent zu­stim­mend re­agiert, 88 Pro­zent der Afd-wäh­ler leh­nen ab.

Doch die­ses Mal steht See­ho­fer auf der an­de­ren Sei­te. „Es ist un­glaub­lich, dass man sich als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter für die Ret­tung von Men­schen vor dem Er­trin­ken recht­fer­ti­gen muss“, blaff­te er nach mas­si­ver Kri­tik zu­rück. Das ist se­man­tisch sehr nah dran an der sei­ner­zei­ti­gen Mer­kel-re­ak­ti­on: „Wenn wir jetzt an­fan­gen, uns noch ent­schul­di­gen zu müs­sen da­für, dass wir in Not­si­tua­tio­nen ein freund­li­ches Ge­sicht zei­gen, dann ist das nicht mein Land.“

Ei­ner, der in den bei­na­he die Ko­ali­ti­on spren­gen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen viel für See­ho­fers har­te Hal­tung üb­rig hat­te, steht jetzt auch hin­ter ihm: Ar­min Schus­ter, Cdu-in­nen­ex­per­te und ge­lern­ter Bun­des­po­li­zist. Er ver­weist auf die ak­tu­ell für das Jahr 2019 zu er­war­ten­de Zahl von 160.000 Flücht­lin­gen, die schon deut­lich un­ter der Ober­gren­ze von 200.000 liegt – und will doch ei­ne neue aus­ge­ben. „Vie­le Bür­ger­meis­ter wei­sen dar­auf hin, dass 160.000 Flücht­lin­ge pro Jahr auf Dau­er nicht zu schaf­fen sind, des­halb soll­ten wir uns per­spek­ti­visch eher an ei­ner Zahl von 100.000 ori­en­tie­ren.“Die aber sei nur durch deut­lich kon­se­quen­te­re und aus­ge­wei­te­te Grenz­kon­trol­len zu er­rei­chen – und da­durch, dass es end­lich zu ei­ner „eu­ro­päi­schen so­li­da­ri­schen Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge“kom­me.

Was See­ho­fer bei ei­nem Tref­fen mit Amts­kol­le­gen aus Mal­ta, Ita­li­en und Frank­reich ab­ge­spro­chen hat, wer­tet Schus­ter als fun­da­men­ta­le Ve­rän­de­rung: „See­ho­fer hat es ge­schafft, mit ei­ner klei­nen, aber fei­nen Initia­tiv­staa­ten­grup­pe ei­ne di­plo­ma­ti­sche Tür ei­nen klei­nen Spalt breit zu öff­nen, die bis­her fest ver­schlos­sen war.“Das er­öff­ne die Chan­ce, von der klei­nen zur gro­ßen Lö­sung zu kom­men. Schon beim nächs­ten Tref­fen der In­nen- und Jus­tiz­mi­nis­ter An­fang Ok­to­ber kön­ne der klei­ne Kreis von Wil­li­gen um fünf oder sechs Län­der aus­ge­wei­tet wer­den. Des­halb ste­he der deut­sche An­teil auch noch nicht fest und kön­ne durch­aus un­ter 25 Pro­zent lie­gen.

Da­bei sind zwei Aspek­te zu be­rück­sich­ti­gen. Zum ei­nen han­delt es sich um sehr klei­ne Zah­len. Seit Mit­te letz­ten Jah­res sag­te Deutsch­land nach oft ta­ge­lan­gen Ver­hand­lun­gen die Auf­nah­me von 565 ge­ret­te­ten Flücht­lin­gen zu. 225 da­von ka­men tat­säch­lich an. Falls es zu „si­gni­fi­kant stei­gen­den Zah­len“kommt, wird das Ab­kom­men so­fort aus­ge­setzt, hat See­ho­fer ver­han­delt. Zum an­de­ren liegt der deut­sche An­teil bei an­de­ren Eu-ver­teil­me­cha­nis­men durch­weg bei 22 Pro­zent. Die Zu­sa­ge See­ho­fers liegt al­so oh­ne­hin ganz nah am deut­schen An­teil ei­ner „gro­ßen“Lö­sung.

Ar­min Schus­ter denkt als nächs­ten Schritt an die Hoff­nung, „dass Ita­li­en, Frank­reich und Deutsch­land ein klei­nes Asyl­zen­trum als Pro­to­typ ent­wi­ckeln, in dem an den Eu-au­ßen­gren­zen be­reits über Blei­be­per­spek­ti­ven ent­schie­den wird und nur die­je­ni­gen wei­ter­ver­teilt wer­den, die auch blei­ben kön­nen“. Hier nä­hert sich die Uni­on dem sprin­gen­den Punkt. Das al­te Sys­tem von Du­blin über­zeugt nicht mehr. Da­nach soll­te je­der Flücht­ling dort sein Asyl­ver­fah­ren durch­lau­fen und blei­ben, wo er zu­erst Eu-bo­den be­tritt. Das über­for­dert die Au­ßen­gren­zen­staa­ten, die des­halb ger­ne durch­win­ken.

Ein funk­tio­nie­ren­des neu­es Sys­tem müss­te be­reits weit außerhalb der EU le­ga­le Zu­gän­ge ei­ner­seits in den Ar­beits-, an­de­rer­seits in den Schutz­raum Eu­ro­pa er­öff­nen. Und an den Au­ßen­gren­zen müss­te die EU ge­mein­sam die Asyl­ver­fah­ren or­ga­ni­sie­ren und da­nach den Schutz für die Be­rech­tig­ten fair schul­tern. Nur wenn die­se drei Schrit­te – Zu­gang, Ver­fah­ren, Ver­tei­lung – Be­stand­teil wer­den, ist die his­to­ri­sche Chan­ce tat­säch­lich ge­ge­ben.

„Es ist un­glaub­lich, dass man sich für die Ret­tung von Men­schen recht­fer­ti­gen muss“Horst See­ho­fer (CSU) Bun­des­in­nen­mi­nis­ter

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