Al­le lie­ben No­wabo

Die SPD-TOUR hat NRW er­reicht. In Ka­men und Trois­dorf be­ju­beln die Ge­nos­sen Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken. Doch die Stim­mung wird rau­er.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - VON KIRSTEN BIALDIGA UND HEN­NING RA­SCHE

KA­MEN/TROIS­DORF Wer ver­ste­hen will, wie die Ge­nos­sen den­ken, muss sich mit ih­nen vor ei­nem Park­au­to­ma­ten an­stel­len. Die Stadt­hal­le in Trois­dorf ist mit Park­leit­sys­tem, Dis­ko­ku­gel und Fens­ter­front über­aus zeit­ge­mäß aus­ge­stat­tet. Doch weil im Park­haus ein Ti­cket­au­to­mat ka­putt ist, bil­det sich vor den ver­blie­be­nen Ge­rä­ten ei­ne Schlan­ge. Die SPD hat gera­de ih­re Mit­glie­der von der zwei­ten Re­gio­nal­kon­fe­renz in Nord­rhein-west­fa­len ent­las­sen, aber ab­ge­rech­net wird an der Kas­se. In der Schlan­ge sagt ei­ner: „Wenn der Olaf ge­winnt, tre­te ich aus.“Die Ge­sprächs­part­ne­rin er­gänzt: „Der ist so rechts.“

Die SPD kann sich zur­zeit nicht auf be­son­ders vie­le Din­ge ei­ni­gen. Dass sie „den Olaf“aber ir­gend­wie nicht mö­gen, da scheint sich ei­ne Mehr­heit der Ge­nos­sen si­cher zu sein. Der Olaf, Nach­na­me Scholz, ist haupt­be­ruf­lich Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter, Vi­ze­kanz­ler und stell­ver­tre­ten­der Bun­des­vor­sit­zen­der der SPD. Weil er das Ad­jek­tiv „stell­ver­tre­tend“ger­ne los­wer­den wür­de, be­wirbt er sich mit der Pots­da­mer Po­li­ti­ke­rin Kla­ra Gey­witz bei die­ser recht bi­zar­ren Spd-road­show. Sechs Wo­chen rei­sen Spd-po­li­ti­ker durch die Re­pu­blik, um sich bei 23 Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ih­rer Par­tei vor­zu­stel­len. Seit dem Wo­chen­en­de weiß Scholz, dass er auf den größ­ten Lan­des­ver­band in die­sem Wett­be­werb eher nicht zäh­len kann.

Am Sams­tag in Ka­men und am Sonn­tag in Trois­dorf ist die Käl­te zu spü­ren, mit der die Par­tei­ba­sis auf Gey­witz und Scholz re­agiert. Vie­le se­hen in dem Duo die große Ko­ali­ti­on, die sie so ver­ach­ten. Als wür­de Gey­witz das kör­per­lich füh­len, lässt sie sich nach gut 90 Mi­nu­ten in der Trois­dor­fer Stadt­hal­le von Kon­kur­ren­tin Ge­si­ne Schwan mit de­ren ro­tem Schal zu­de­cken. Schö­ner wird’s nicht.

Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken be­nö­ti­gen kei­ne Schals. Wäh­rend der frü­he­re Nrw-fi­nanz­mi­nis­ter gänz­lich auf ro­te Ac­ces­soires ver­zich­tet, trägt Es­ken im­mer­hin ei­nen ro­ten Bla­zer. Die Zeit, in der sich Spd-po­li­ti­ker durch ro­te Klei­dungs­stü­cke of­fen­bart ha­ben, ist noch nicht vor­bei. Bor­jans, ge­nannt No­wabo, 67, und Sas­kia Es­ken, 58, sind, geht man nach der Laut­stär­ke, die Ge­win­ner die­ses Nrw-wo­che­n­en­des.

In Trois­dorf reicht es aus, dass die bei­den die Büh­ne be­tre­ten, um den stärks­ten Ap­plaus al­ler sie­ben Du­os zu be­kom­men. Als Sas­kia Es­ken aber sagt: „Die Gro­ko hat kei­ne Zu­kunft“, flippt der Saal aus. Und auch ei­nen Tag zu­vor, in Ka­men, öst­lichs­tes Ruhr­ge­biet, weiß Nor­bert Wal­ter-bor­jans genau, was er sa­gen muss. „Ihr habt euch seit Jahr­zehn­ten den Arsch auf­ge­ris­sen“, ruft er sei­nen Ge­nos­sen zu, „und trotz­dem ver­rot­ten hier die Stra­ßen und die Schu­len.“Und weil das hier ein Wett­be­werb ist, den No­wabo zu ge­win­nen ge­denkt, ver­passt er „Olaf“ei­nen Sei­ten­hieb. Er sagt: „Ber­lin sieht das Ruhr­ge­biet ein­fach nicht.“Ber­lin ist in der SPD häu­fi­ger das Syn­onym für al­les Schlech­te, und hier eben für Olaf Scholz. Ap­plaus.

17 Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ha­ben die Kan­di­da­ten, de­ren sämt­li­che Na­men sich nicht ein­mal die In­ter­es­sier­ten mer­ken, schon vor die­sem Wo­chen­en­de hin­ter sich. Doch die­ses Wo­chen­en­de ist von be­son­de­rer Be­deu­tung. Es führt die Du­os nach NRW, in das Bun­des­land, in dem mehr als ein Vier­tel der über 430.000 Spd-mit­glie­der lebt. Sie sind es, die in we­ni­gen Wo­chen über das neue Spit­zen-tan­dem ent­schei­den. Die lau­ten Lie­bes­be­kun­dun­gen für Wal­ter-bor­jans und Es­ken sind gleich­wohl höchs­tens ein In­diz für den Aus­gang der Wahl. Denn zu den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen kommt nur ein Bruch­teil der Mit­glie­der, bun­des­weit wohl kaum mehr als 25.000. Der große Rest schaut kei­ne Li­vestreams, sitzt zu Hau­se und könn­te sich eher an be­kann­ten Na­men ori­en­tie­ren als an opu­len­ten Shows.

Doch auch wenn es vor al­lem für Es­ken und No­wabo laut wird, sind die üb­ri­gen Sym­pa­thi­en nicht gera­de ein­deu­tig ver­teilt. Viel­mehr er­hält je­der Kan­di­dat, der sich ge­gen die schwar­ze Null, die Schul­den­brem­se, ge­gen Hartz IV – und na­tür­lich ge­gen die große Ko­ali­ti­on in Ber­lin po­si­tio­niert, be­geis­ter­ten Bei­fall. Al­so auch Ralf Steg­ner und Ge­si­ne Schwan, Ni­na Scheer und Karl Lau­ter­bach, Hil­de Matt­heis und Dierk Hir­schel oder Chris­ti­na Kamp­mann und Micha­el Roth. Ziem­lich vie­le al­so.

Kom­pli­zier­ter ha­ben es da die an­de­ren, wo­mög­lich weil sie selbst es sich et­was kom­pli­zier­ter ma­chen. We­nig über­ra­schend sind Olaf Scholz und Kla­ra Gey­witz nicht für ei­nen so­for­ti­gen Aus­stieg aus der Gro­ko, aber auch Pe­tra Köp­ping und Bo­ris Pis­to­ri­us tun sich da­mit schwer. Pis­to­ri­us, nie­der­säch­si­scher In­nen­mi­nis­ter, be­kennt je­den­falls, er ha­be kei­ne Lust, sich da­für zu schä­men, in der Re­gie­rung Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Ein biss­chen hat man das Ge­fühl, dass sich vie­le Ge­nos­sen aber da­für schä­men.

Chris­ti­na und Micha­el, die von sich sa­gen, ih­re Na­men klän­gen wie die ei­nes Schla­ger­du­os, pas­sen am bes­ten in das For­mat die­ses Kan­di­da­ten-cas­tings. Chris­ti­na Kamp­mann, ehe­ma­li­ge NRW-FA­MI­li­en­mi­nis­te­rin, und Micha­el Roth, Staats­se­kre­tär im Aus­wär­ti­gen Amt, sind nicht nur das jüngs­te Duo, sie klei­den sich auch so. Turn­schu­he, der Rest in Slim Fit. „Uns muss­te nie­mand über­re­den, wir ha­ben un­se­re Kan­di­da­tur als Ers­te be­kannt ge­ge­ben“, sagt Kamp­mann. Das geht ge­gen No­wabo, der vom NRW-LAN­des­vor­stand erst kurz vor knapp no­mi­niert wor­den war.

Oh­ne­hin ist der Ton et­was rau­er ge­wor­den. Wäh­rend es an­fäng­lich über­wie­gend har­mo­nisch zu­ging bei den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen, ist mitt­ler­wei­le Schär­fe zu spü­ren. Pis­to­ri­us ätzt ge­gen al­le, die schon län­ger im Par­tei­vor­stand oder im Bun­des­tag sit­zen. Lau­ter­bach ätzt zu­rück. Und so­wie­so ät­zen al­le mehr oder we­ni­ger in­ten­siv ge­gen Olaf Scholz. „Das Fest der in­ner­par­tei­li­chen De­mo­kra­tie im Rhein­land“, wie es der Mo­de­ra­tor ver­spro­chen hat, ist je­den­falls reich­lich we­nig fest­lich.

Auch wenn in Ka­men und Trois­dorf man­ches tat­säch­lich ko­misch ist, die Par­tei nimmt ih­re Pro­ze­dur sehr ernst. In den Rei­hen sit­zen Ge­nos­sen, die sich mit Ku­gel­schrei­bern No­ti­zen auf den Heft­chen mit al­len Kan­di­da­ten ma­chen. Ei­ner ope­riert mit Strich­lis­ten: pro gu­tem Punkt ein Strich; der mit den meis­ten Stri­chen wird ge­wählt. Nicht je­der, der ei­ne Fra­ge stellt, kennt den Na­men des be­tref­fen­den Kan­di­da­ten. Nicht je­der ver­steht über­haupt das Wahl­pro­ze­de­re. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass es reich­lich kom­pli­ziert ist. Dör­te Schall, stell­ver­tre­ten­de Nrw-vor­sit­zen­de, bringt das in Trois­dorf ganz gut zum Aus­druck. Sie sagt, als sie das Ver­fah­ren er­klärt: „Wir las­sen nicht den Par­tei­tag ent­schei­den – am En­de ent­schei­det na­tür­lich doch der Par­tei­tag.“Hä?

Jür­gen Lö­renz, seit 37 Jah­ren Spd-mit­glied, kommt aus Wi­cke­de an der Ruhr. Er ver­folgt das gan­ze Schau­spiel mit ei­ner ge­wis­sen Dis­tanz. Er weiß noch nicht, wel­ches Duo er an die Spit­ze wäh­len wird. Wem er das zu­traut, auf was es für ihn an­kommt? „Es muss ei­ne star­ke Per­sön­lich­keit sein, hin­ter der sich die Par­tei ver­sam­melt“, sagt er. Ei­ner, der auf den Tisch hau­en kann. So wie einst Wil­ly Brandt oder Her­bert Weh­ner. Nun denn.

FO­TO: DPA

Bei der Spd-re­gio­nal­kon­fe­renz in der Stadt­hal­le Trois­dorf er­hiel­ten Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans be­son­ders viel Ap­plaus.

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