OB kann­te Plä­ne für Ob­dach­lo­sen­la­ger

Tho­mas Gei­sel hat kri­ti­siert, dass sei­ne Mit­ar­bei­ter Stei­ne ge­gen Ob­dach­lo­se aus­ge­legt ha­ben. Aber wel­che Rol­le spiel­te der OB selbst? Ein in­ter­nes Pa­pier zeigt: Das Auf­lö­sen von La­gern wur­de lan­ge vor­be­rei­tet, Gei­sels Bü­ro war in­for­miert.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - VORDERSEIT­E - VON ARNE LIEB

Tho­mas Gei­sel hat die Maß­nah­men der Stadt ge­gen Ob­dach­lo­se kri­ti­siert. Ein in­ter­nes Pa­pier zeigt aber, dass Gei­sels Bü­ro in­for­miert war.

Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel (SPD) hat die ei­ge­nen Mit­ar­bei­ter öf­fent­lich ab­ge­watscht – und da­für am Frei­tag Ap­plaus bei ei­ner Ver­an­stal­tung der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Fif­ty­fif­ty er­hal­ten. Gei­sel nann­te es „tö­richt“, dass Wa­cker­stei­ne un­ter ei­nem Auf­gang der Knie­brü­cke aus­ge­legt wor­den wa­ren, um Ob­dach­lo­se zu ver­trei­ben. Das hat­te Düs­sel­dorf ei­nen Ha­gel der Kri­tik ein­ge­bracht. Der Ort sei nicht als Schlaf­stät­te ge­eig­net ge­we­sen. Aber das ge­wähl­te Sym­bol sei „un­an­ge­mes­sen“und „Blöd­sinn“, so Gei­sel, der zu­dem an­gab, von den St­ei­nen erst „aus der Zei­tung“er­fah­ren zu ha­ben.

So über­rascht hät­te der Stadt­chef aber nicht ge­we­sen sein müs­sen. Wie ein in­ter­nes Pro­to­koll zeigt, das un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, wa­ren das Ver­trei­ben der Ob­dach­lo­sen und das Blo­ckie­ren der Flä­che lan­ge ge­plant – und breit ab­ge­stimmt. Be­reits am 6. Au­gust hat­ten sich Ver­tre­ter aus di­ver­sen Äm­tern ver­stän­digt, je­ne La­ger zu räu­men, die zum Bei­spiel we­gen ex­tre­mer Ver­schmut­zung nicht mehr to­le­riert wer­den soll­ten. Da­zu zähl­te der Fuß­gän­ger­auf­gang zur Knie­brü­cke, der auch we­gen der Brand­ge­fahr durch La­ger­feu­er un­ter dem Auf­gang im Fo­kus stand. Bei dem Tref­fen da­bei: Ver­tre­ter von drei De­zer­na­ten, sechs Äm­tern – und ein Re­fe­rent aus Gei­sels Bü­ro.

Bei der Zu­sam­men­kunft war auch ex­pli­zit The­ma, dass Flä­chen blo­ckiert wer­den soll­ten. „Die durch die Räu­mung frei­ge­wor­de­nen Flä­chen sol­len, so mög­lich, (...) un­mit­tel­bar durch ei­ne sinn­vol­le Nach­nut­zung be­legt wer­den“, heißt es im Er­geb­nis­pro­to­koll. So sei zu prü­fen, ob Fahr­rad­stän­der „oder sons­ti­ge Raum neh­men­de Ge­gen­stän­de“in­stal­liert wer­den könn­ten. Wel­che Ge­gen­stän­de ge­eig­net sind, wur­de of­fen­bar nicht fest­ge­legt.

Als Vor­bild wur­de der an­de­re Auf­gang zur Brü­cke ge­nannt. Er war be­reits ei­ni­ge Wo­chen zu­vor durch Rad­stän­der blo­ckiert wor­den. Nach dem Tref­fen wur­de ge­prüft, dies auch un­ter dem an­de­ren Auf­gang zu tun. Al­ler­dings war der Bo­den un­ge­eig­net. Dar­auf­hin ka­men Mit­ar­bei­ter auf Ba­sis der Ab­spra­chen of­fen­bar selbst­stän­dig auf die Idee, die schnell ver­füg­ba­ren Stei­ne zu neh­men – und wur­den vom obers­ten Vor­ge­setz­ten da­für scharf kri­ti­siert.

In der Mit­ar­bei­ter­schaft sorgt Gei­sels Vor­ge­hen für tie­fe Ver­är­ge­rung, auch aus der Po­li­tik kommt Kri­tik. Rü­di­ger Gutt (CDU) fin­det Gei­sels Auf­tritt „un­er­hört“. Die Ver­wal­tung ha­be ver­sucht, nach dem Är­ger ums Nrw-fo­rum ein ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen zur Be­treu­ung von Ob­dach­lo­sen zu fin­den, Düs­sel­dorf ha­be vie­le An­ge­bo­te ge­schaf­fen. „Das wird nun von Gei­sel kon­ter­ka­riert.“Grü­nen-frak­ti­ons­spre­che­rin An­ge­la He­be­ler sagt, ein sou­ve­rä­ner Rat­haus­chef hät­te an­ders re­agiert. Sie kri­ti­siert, Gei­sel ha­be erst über Ta­ge zu­ge­se­hen, wie sei­ne Mit­ar­bei­ter auf die hef­ti­ge Kri­tik re­agie­ren muss­ten und sich dann ge­gen die ei­ge­nen Leu­te ge­äu­ßert. „Das ist ganz schlech­ter Füh­rungs­stil.“

Gei­sel war nicht nur bei Fif­ty­fif­ty auf Dis­tanz ge­gan­gen. Er schrieb auch ei­nem Bür­ger, er hät­te sich „von den Ver­ant­wort­li­chen mehr Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und ei­ne trans­pa­ren­te In­for­ma­ti­on der Öf­fent­lich­keit im Vor­feld ge­wünscht“. Der OB sag­te am Mon­tag auf Nach­fra­ge, er sei im Ein­zel­nen nicht über das Vor­ge­hen un­ter­rich­tet ge­we­sen. „Aber das liegt na­tür­lich al­les in mei­ner Ver­ant­wor­tung.“Er be­tont, er ha­be nicht die Räu­mung kri­ti­siert, son­dern die Stei­ne. „Das er­in­nert mich an das Ver­grä­men von Tau­ben.“

Das in­ter­ne Pro­to­koll zeich­net dar­über hin­aus ein an­de­res Bild von Düs­sel­dorfs Ob­dach­lo­sen-po­li­tik, als die schar­fe Kri­tik von Fif­ty­fif­ty na­he­legt. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on kri­ti­siert ei­ne „men­schen­ver­ach­ten­de“Pra­xis und ei­ne Ver­trei­bung von Ob­dach­lo­sen. Al­ler­dings to­le­riert die Stadt in Wahr­heit et­li­che La­ger­plät­ze, ob­wohl La­ger­stät­ten im öf­fent­li­chen Raum grund­sätz­lich ver­bo­ten sind. Das liegt nicht an ei­nem Man­gel an Bet­ten in Ein­rich­tun­gen: Düs­sel­dorf ver­fügt über vie­le Über­nach­tungs­mög­lich­kei­ten, neu­er­dings so­gar für Men­schen mit Hun­den und für Eu-aus­län­der oh­ne So­zi­al­ver­sor­gung.

Die Äm­ter ver­stän­dig­ten sich bei dem Tref­fen im Au­gust den­noch dar­auf, das Über­nach­ten im Frei­en wei­ter zu to­le­rie­ren, „wenn hier­durch kei­ne wei­te­re Stö­rung wie Ver­mül­lung, Be­hin­de­rung Drit­ter oder Ver­un­rei­ni­gung des Um­felds mit Kot oder Urin ge­ne­riert wer­den.“Die als pro­ble­ma­tisch ein­ge­stuf­ten La­ger, dar­un­ter auch das vor dem Ra­tin­ger Tor, soll­ten zu­dem nicht so­fort ge­räumt wer­den: Street­wor­ker wie­sen auch im Fall Knie­brü­cke die Ob­dach­lo­sen vor­ab auf Un­ter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten hin und setz­ten ei­ne Frist, erst nach der Ab­rei­se wur­de die Flä­che blo­ckiert.

RP-FO­TO: ANDRE­AS KREBS

Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel reich­te am Frei­tag Fif­ty­fif­ty-chef Hu­bert Os­ten­dorf die Hand und ver­ab­re­de­te ein Ge­spräch. Zu­gleich ging Gei­sel auf Dis­tanz zu den ei­ge­nen Mit­ar­bei­tern – da­für wird er nun kri­ti­siert.

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