Das Gu­te steht un­ter Ver­dacht

MEI­NUNG Im­mer mehr Men­schen ver­spü­ren den Zwang, das zu hin­ter­fra­gen und zu be­män­geln, was ih­nen als mora­lisch gu­tes Han­deln er­scheint. Doch wer über­all ei­nen Ha­ken ver­mu­tet, ver­ein­samt emo­tio­nal.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS - VON STE­FAN KLÜTTERMAN­N

Und dann geht die­ser rund­li­che, freund­li­che Opa mit dem lan­gen wei­ßen Rau­sche­bart und dem ro­ten Man­tel hin und be­schenkt ein­mal im Jahr die Kin­der. Ein­fach so. Oh­ne er­kenn­ba­ren Grund. Und Nut­zen. Das könn­te dem Weih­nachts­mann zum Ver­häng­nis wer­den. Denn die Sym­bol­fi­gur weih­nacht­li­cher Un­ei­gen­nüt­zig­keit ist in ei­ner Zeit an­ge­kom­men, in der vie­le Men­schen ganz of­fen­sicht­lich den Zwang ver­spü­ren, al­les, was mora­lisch gut er­scheint, um­ge­hend zu hin­ter­fra­gen und kri­ti­sie­ren.

Was al­so steckt hin­ter der Ge­schen­ke­flut des Weih­nachts­man­nes? Wel­che Lei­chen hat er im Kel­ler? Kann er die Ge­schen­ke nicht doch steu­er­lich ab­set­zen? Wie kann er sich bei sei­ner Ren­te die Prä­sen­te über­haupt leis­ten? Und wer steu­ert ihn im Hin­ter­grund? Der Weg zum Arg­wohn ist kurz ge­wor­den.

Wer Gu­tes zu lan­ge gut fin­det, gilt als na­iv. Denn er ha­be nicht be­grif­fen, dass es am Gu­ten ei­nen Ha­ken ge­ben muss. Oder dass nichts Gu­tes aus sich selbst ent­ste­hen kann. Schon Fried­rich Nietz­sche fand, der Mensch sei „voll­kom­men un­fä­hig, zu ei­ner Sa­che an­ders zu stehn, als ab­gründ­lich-ver­lo­gen, un­schul­dig-ver­lo­gen, treu­her­zig-ver­lo­gen, tu­gend­haft ver­lo­gen“. In je­dem Fall ver­lo­gen al­so. Wer Gu­tes tut, so ver­mu­ten die­je­ni­gen in Nietz­sches Nach­fol­ge, wird am En­de doch von bö­sen Mäch­ten ge­steu­ert. Ver­schwö­rungs­theo­ri­en sind in Mo­de. Wer sich ih­nen wi­der­setzt, ist am En­de selbst Teil der Ver­schwö­rung. Und wenn sich die Geg­ner des Weih­nachts­manns auch noch in kei­ner Face­book-grup­pe ver­sam­meln, se­hen sich doch vie­le im All­tag Zweif­lern ge­gen­über, bloß weil sie es gut mei­nen. Und aus Zwei­fel wird in un­se­ren Ta­gen schnell Hä­me und oft ge­nug Hass. Auch die­ser Weg ist dank der so­zia­len Me­di­en ein leich­ter ge­wor­den.

Wenn Schü­ler über­all auf der Welt da­für de­mons­trie­ren, dass die Mäch­ti­gen end­lich et­was Sub­stan­zi­el­les ge­gen den Kli­ma­wan­del un­ter­neh­men, dann lässt sich schwer­lich et­was Ver­werf­li­ches dar­an fin­den. Wer sich um die Zu­kunft un­se­res Pla­ne­ten sorgt, tut doch et­was ob­jek­tiv Gu­tes, soll­te man mei­nen. Mei­nen aber eben vie­le nicht. Sie mei­nen viel, die Ju­gend­li­chen hät­ten es eher aufs Schu­le­schwän­zen ab­ge­se­hen als auf die Weltret­tung. Und vor al­lem: Kin­der sind na­iv, da müs­se im Hin­ter­grund doch je­mand sein, der sie steu­ert und ma­ni­pu­liert. Gre­en­peace. Die Uno. Die Frei­mau­rer. Die Ju­den. Gu­tes kön­ne nicht oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken ent­ste­hen, son­dern nur als Ab­fall­pro­dukt bö­ser In­ter­es­sen – da­von ist ein wach­sen­der Teil der Ge­sell­schaft über­zeugt.

Ge­gen et­was zu sein, ist viel ein­fa­cher als für et­was. Was für ei­ne Ge­nug­tu­ung, wenn es ge­lingt, ver­meint­li­chen Wohl­tä­tern Dreck am Ste­cken, zu­min­dest aber Schein­hei­lig­keit nach­zu­wei­sen – et­wa weil Gre­ta Thun­berg die Um­welt we­ni­ger mit Treib­haus­ga­sen be­las­tet hät­te, wenn sie mit ih­rem Va­ter in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­flo­gen wä­re, statt mit dem Boot über den At­lan­tik zu fah­ren. Oder wenn die­se „Fri­days for Fu­ture“-schü­ler doch in den Fe­ri­en mit Ma­ma und Pa­pa wie­der in die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik flie­gen.

Hä­me ist das Min­des­te, was die Kri­ti­ker sol­chen „Gut­men­schen“ent­ge­gen­wer­fen. Über­haupt wächst Hä­me zum zen­tra­len Re­flex un­se­rer Zeit: Wer mit sich selbst und der Welt un­zu­frie­den ist, ist gleich ein biss­chen zu­frie­de­ner, wenn er an­de­ren Fehl­ver­hal­ten nach­wei­sen und so von ei­ge­nen Feh­lern ab­len­ken kann.

Es ge­hört zu den Ab­sur­di­tä­ten des mo­der­nen Dia­logs, dass der Be­griff „Gut­mensch“als Schimpf­wort gilt. So­gar der Du­den de­fi­niert ihn als nai­ven Men­schen, der sich in ei­ner als un­kri­tisch, über­trie­ben oder nerv­tö­tend emp­fun­de­nen Wei­se im Sin­ne der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit ver­hält. Den Gut­men­schen von sei­nem ho­hen Ross her­un­ter­zu­zer­ren, wird da schnell zum Volks­sport. Das ha­ben wir vor al­lem in der Flücht­lings­kri­se ge­se­hen.

Als An­ge­la Mer­kel 2015 ihr be­rühm­tes „Wir schaf­fen das“kund­tat, war das zu­nächst der Aus­druck für ein welt­of­fe­nes Deutsch­land, das sich sei­ner hu­ma­ni­tä­ren Auf­ga­be stellt und Men­schen aus Kriegs- und Kri­sen­re­gio­nen bei sich auf­nimmt. Doch in­zwi­schen ist Mer­kel für gan­ze Be­völ­ke­rungs­schich­ten ein Hass­ob­jekt. Das Hass­ob­jekt Gut­mensch. Sie und ih­re Flücht­lings­po­li­tik sei­en schuld an Über­frem­dung, Ar­beits­lo­sig­keit und an der Ver­ge­wal­ti­gung deut­scher Frau­en durch nord­afri­ka­ni­sche Män­ner. Da se­he man ja, wo­hin Gut­mü­tig­keit füh­re, lau­tet der Te­nor. Was vie­len Un­ken­ru­fern ent­ge­gen­kommt, ist die Tat­sa­che, dass Men­schen, die ein ver­ant­wor­tungs­vol­les Amt über­neh­men, Idea­lis­ten sein kön­nen und trotz­dem Re­al­po­li­tik be­trei­ben müs­sen.

Gut­mensch soll­te trotz­dem kein Schimpf­wort sein, for­der­te zwei Jah­re nach Mer­kels „Wir schaf­fen das“Mar­got Käß­mann. Die ehe­ma­li­ge Rats­vor­sit­zen­de der evan­ge­li­schen Kir­che galt bis Fe­bru­ar 2010 vie­len Deut­schen als ei­ne der zen­tra­len mo­ra­li­schen In­stan­zen. Als Stim­me des Ge­wis­sens, als die, die ei­nem die Richt­schnur gu­ten Han­delns reich­te, auch mit hei­li­gem Zorn („Nichts ist gut in Af­gha­nis­tan“). Das al­les zer­brach in der Öf­fent­lich­keit, als sie mit 1,54 Pro­mil­le Al­ko­hol ei­ne ro­te Am­pel miss­ach­te­te. Aus der Hei­li­gen wur­de schnell die Schein­hei­li­ge, an der sich die Öf­fent­lich­keit be­gie­rig ab­ar­bei­te­te.

Aus dem alt­be­kann­ten „Tu Gu­tes und re­de dar­über“wird heu­te ein „Sieh Gu­tes und kla­ge dar­über“. Doch das ist ge­fähr­lich. Für den Ein­zel­nen wie die Ge­sell­schaft. Kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen ge­hört zu ei­nem mün­di­gen Bür­ger. Wer aber bei al­lem ei­nen Hin­ter­ge­dan­ken ver­mu­tet, wer den Glau­ben an das Gu­te im Men­schen als kind­lich-na­iv emp­fin­det, der muss emo­tio­nal ver­ein­sa­men. Und ei­ne Ge­sell­schaft, die dem Gu­ten nur Skep­sis ent­ge­gen­hält, wird ir­gend­wann kei­ne Welt­ver­bes­se­rer mehr fin­den, die Ver­ant­wor­tung für an­de­re über­neh­men wol­len. Doch ge­nau das ist die Ba­sis un­se­res Zu­sam­men­le­bens. Hä­me ist es nicht.

Es ge­hört zu den Ab­sur­di­tä­ten des mo­der­nen Dia­logs, dass „Gut­mensch“als Schimpf­wort gilt

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