Das Mons­ter im Spie­gel

Mar­cel ist En­de 20 und steht auf jun­ge Mäd­chen. Sei­nem Ver­lan­gen nach­zu­ge­ben, kommt für ihn aber nicht in Fra­ge, sagt er. Seit fast drei Jah­ren macht er beim Pro­jekt „Kein Tä­ter wer­den“ei­ne The­ra­pie.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON MARLEN KESS

DÜS­SEL­DORF Als er das ers­te Mal ge­merkt hat, dass et­was nicht stimmt, war er 18. In der Schu­le wur­den Fo­tos von Por­no­star Gi­na Wild her­um­ge­zeigt, pla­t­in­blon­de Haa­re, gro­ße Brüs­te, pro­vo­ka­ti­ve Po­sen. Doch bei Mar­cel reg­te sich: nichts. Er schau­te lie­ber den jün­ge­ren Mäd­chen auf dem Schul­hof hin­ter­her, 13, 14 Jah­re alt, kind­li­che Zü­ge. Lan­ge ha­be er ge­dacht, er sei halt ein Spät­zün­der, sagt er, das sei be­stimmt nur ei­ne Pha­se. Doch ir­gend­wann sei klar ge­we­sen: Das ist nicht nor­mal, er ist nicht nor­mal. „Ich wur­de äl­ter, aber die un­te­re Al­ters­gren­ze mei­nes se­xu­el­len In­ter­es­ses blieb ste­hen“, sagt Mar­cel, der ei­gent­lich an­ders heißt, sei­nen Na­men aber zum Schutz nicht nennt. „Und ich ha­be mich ab­grund­tief da­für ge­hasst.“

Mar­cel ist heu­te En­de 20 und kommt aus ei­ner Groß­stadt im Ruhr­ge­biet. Er ist Ein­zel­kind, die El­tern sind be­rufs­tä­tig, „obe­re Mit­tel­schicht“. Er hat stu­diert und ei­nen Bü­ro­job. Mehr will er nicht sa­gen. Das Ge­spräch fin­det in ei­nem Raum der Uni­k­li­nik Düs­sel­dorf statt. Hier macht er seit Ok­to­ber 2016 ei­ne The­ra­pie, als Teil­neh­mer ei­nes Prä­ven­ti­ons­pro­jekts am Kli­ni­schen In­sti­tut für Psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin und Psy­cho­the­ra­pie. Düs­sel­dorf ist ei­ner von elf Stand­or­ten des bun­des­wei­ten Netz­werks „Kein Tä­ter wer­den“.

Des­sen Ziel ist es, Straf­ta­ten wie Kin­des­miss­brauch zu ver­hin­dern, sagt der kom­mis­sa­ri­sche Di­rek­tor des In­sti­tuts für Psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin, Mat­thi­as Franz: „Wir hel­fen pä­do­phil emp­fin­den­den Men­schen, Lei­den zu min­dern und nicht straf­fäl­lig zu wer­den.“2011 wur­de das Pro­jekt ge­grün­det, in Düs­sel­dorf wer­den seit fünf Jah­ren Men­schen be­han­delt, die ei­ne pä­do­phi­le Stö­rung ha­ben, al­so durch den Kör­per von Kin­dern er­regt wer­den – und die dar­un­ter lei­den.

Be­trof­fe­ne, ge­gen die der­zeit et­wa we­gen Kin­des­miss­brauchs er­mit­telt wird, be­kom­men kei­nen The­ra­pie­platz. Das Pro­jekt ist auf das Dun­kel­feld aus­ge­legt, al­so Be­trof­fe­ne, die die Nei­gung ha­ben, aber noch nicht mit der Jus­tiz in Kon­takt ge­kom­men sind. So wie Mar­cel, der sagt, ein se­xu­el­ler Über­griff sei für ihn un­vor­stell­bar – er wüss­te ja schließ­lich, dass es falsch sei, Kin­der zu be­geh­ren, falsch, sich kin­der­por­no­gra­fi­sche Auf­nah­men im In­ter­net an­zu­se­hen, weil die­se nur durch Miss­brauch ent­ste­hen kön­nen. In der The­ra­pie hat er nicht nur ge­lernt, sich sol­che Bil­der und Fil­me nicht mehr an­zu­schau­en, son­dern auch, die­se als Miss­brauchs­dar­stel­lun­gen zu be­zeich­nen.

Mit 15 hat er zum ers­ten Mal im In­ter­net da­nach ge­sucht. Erst mit 24 hat er zum ers­ten Mal über sein Ver­lan­gen ge­spro­chen. Mar­cel schwieg, bis es nicht mehr ging, er dach­te täg­lich dar­an, sich das Le­ben zu neh­men. Schließ­lich ver­trau­te er sich ei­ner Freun­din an, die im In­ter­net auf das Pro­jekt in Düs­sel­dorf stieß. Sie rief so­gar für ihn in der Uni­k­li­nik an, wur­de aber ab­ge­wie­sen. „Je­der Teil­neh­mer muss sich selbst bei uns mel­den, muss selbst die Mo­ti­va­ti­on ha­ben, et­was zu tun“, sagt Kirsten Dam­mertz-höl­ter­hoff, die das Pro­jekt lei­tet. Sich ein­zu­ge­ste­hen, dass man ein Pro­blem hat, sei der ers­te Schritt zu ei­ner er­folg­rei­chen Be­hand­lung, er­klärt die Psy­cho­the­ra­peu­tin. Die Angst­schwel­le sei bei vie­len Be­trof­fe­nen au­ßer­or­dent­lich hoch.

Ge­nau wie der Lei­dens­druck. Die Pa­ti­en­ten kom­men aus ganz NRW, teil­wei­se neh­men sie meh­re­re St­un­den An­fahrt mit Bus und Bahn auf sich. Ein­mal pro Wo­che gibt es ei­ne Grup­pen­the­ra­pie­stun­de mit ma­xi­mal acht Teil­neh­mern, da­zu kom­men Ein­zel­be­ra­tungs­an­ge­bo­te, ei­ne An­ge­hö­ri­gen­grup­pe und Nach­sor­ge. Das ist für die Teil­neh­mer kos­ten­los – und pas­siert an­ony­mi­siert, zu ih­rem Schutz. Sie müs­sen ih­ren Na­men nicht nen­nen und kei­ne Kran­ken­kas­sen­kar­te ab­ge­ben. La­bor­un­ter­su­chun­gen wer­den pseud­ony­mi­siert durch­ge­führt. Fi­nan­ziert wird die The­ra­pie vom Spit­zen­ver­band der ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen, der pro Fall ei­ne Pau­scha­le zahlt. Auch der Ort der Tref­fen auf dem Kli­nik­ge­län­de wird ge­heim ge­hal­ten. „Das ist sehr wich­tig, mit die­ser Pa­ti­en­ten­grup­pe kommt man sonst kaum in Kon­takt“, sagt Mat­thi­as Franz. Zu groß ist die Angst, auf­zu­flie­gen, zu stark die dro­hen­de ge­sell­schaft­li­che Äch­tung. „Pä­do­phi­le wer­den oft mit Kin­der­schän­dern gleich­ge­setzt“, sagt Kirsten Dam­mertz-höl­ter­hoff, „das ge­schieht zu un­recht, Stu­di­en zu­fol­ge wird we­ni­ger als die Hälf­te der Über­grif­fe auf Kin­der von Men­schen mit pä­do­phi­ler Nei­gung ver­übt.“

Das ist auch Mar­cel wich­tig, der sagt, in sei­nen Fan­ta­si­en ge­be es kei­ne Ge­walt, al­les sei ein­ver­nehm­lich. In­tel­lek­tu­ell kann er sich so­wie­so nur ei­ne Be­zie­hung zu ei­ner Frau in sei­nem Al­ter vor­stel­len. Da­zu ge­kom­men ist es noch nie. Mar­cel hat we­der ei­ne Frau ge­küsst noch mit ei­ner Händ­chen ge­hal­ten. „Da gab es bis­her kei­nen Raum für.“

Seit ei­ni­gen Mo­na­ten ist er Mit­glied ei­ner Nach­sor­ge­grup­pe, die sich ein­mal im Mo­nat trifft. Die The­ra­pie, sagt er, hat sein Le­ben ge­ret­tet. Er sagt das, wie so vie­les, ru­hig und re­flek­tiert, er stockt nicht, auch nicht bei Sät­zen, die nur schwer zu er­tra­gen sind. „Das kind­li­che Kör­per­sche­ma er­regt mich“et­wa, oder dass er sich als he­be­phil be­zeich­nen wür­de, al­so „mit ei­ner Vor­lie­be für Mäd­chen ab der Pu­ber­tät“. Ir­gend­wann, sagt Mar­cel, ha­be er in den Spie­gel ge­schaut und nur noch das Mons­ter ge­se­hen.

In­zwi­schen hat er ge­lernt, die Nei­gung als Teil von sich zu ak­zep­tie­ren. „Die Nei­gung ist Schick­sal, kei­ne Wahl“, sagt Kirsten Dam­mertz-höl­ter­hoff, „wir ver­ur­tei­len sie nicht, aber wir wer­ten das Ver­hal­ten.“Die­se vor­ur­teils­freie Hal­tung ist wich­tig, um im Pro­jekt ar­bei­ten zu kön­nen. Im Zen­trum der Be­hand­lung steht die Psy­cho­the­ra

„Wenn ich wüss­te, wo es in mei­nem Kopf ist, wür­de ich es raus­schnei­den“Mar­cel

pie, aber auch ei­ne me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie ist mög­lich. Ent­schei­dend sei, dass die Be­trof­fe­nen die Ver­ant­wor­tung für ihr Tun über­neh­men, zum Bei­spiel kei­ne Miss­brauchs­dar­stel­lun­gen mehr kon­su­mie­ren. Der Be­griff Kon­sum ist be­wusst ge­wählt, das An­schau­en der Bil­der und Fo­tos sei teil­wei­se wie ei­ne Sucht ge­we­sen, sagt Mar­cel, da­von los­zu­kom­men wie ein Ent­zug. „Mitt­ler­wei­le kann ich da­mit um­ge­hen, wenn das Ver­lan­gen steigt, und tue mir wo­an­ders et­was Gu­tes“, sagt er. An sei­nem Au­to bas­teln, Freun­de tref­fen.

Wich­tig da­für sei so­wohl die Er­fah­rung ge­we­sen, sei­ne Ge­schich­te mit an­de­ren zu tei­len, de­nen es genau­so geht, als auch das Ver­ständ­nis der The­ra­peu­ten. „Dass je­mand zu­hört, an­statt ab­leh­nend zu re­agie­ren“, sagt er, „und das Ge­fühl ver­mit­telt: Wir wol­len hel­fen.“ In­sti­tuts­lei­ter Mat­thi­as Franz be­schreibt die­sen An­satz so: „Ge­dan­ken und Ge­füh­le wer­den ak­zep­tiert, Han­deln re­gle­men­tiert.“

Bei Mar­cel funk­tio­niert das bis­lang gut. Es geht ihm bes­ser, er hat mit sei­nen El­tern über sei­ne Nei­gung ge­spro­chen, hat Freun­de ein­ge­weiht. Nie­mand hat sich von ihm ab­ge­wen­det, auch wenn das Ge­spräch mit den El­tern schwie­rig war. Zur Nach­sor­ge­grup­pe will er trotz­dem erst ein­mal wei­ter kom­men. Pä­do­phi­lie ist nicht heil­bar, aber kon­trol­lier­bar. Mar­cel wird sein gan­zes Le­ben lang ge­gen sei­ne Nei­gung kämp­fen müs­sen. Ei­gent­lich wür­de er ger­ne hei­ra­ten und ei­ne Fa­mi­lie grün­den. Ob das für ihn je­mals mög­lich sein wird, weiß er nicht. Aber ei­nes weiß er be­stimmt: „Wenn ich wüss­te, wo es in mei­nem Kopf ist, wür­de ich es raus­schnei­den.“

FO­TOS: IS­TOCK (2) | MON­TA­GE: KREBS, FERL

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