Be­su­cher aus ei­nem fer­nen Son­nen­sys­tem

Vor Kur­zem ent­deck­te der Ama­teur-as­tro­nom Gen­na­dy Bo­ri­sov ein selt­sa­mes Ob­jekt am Nacht­him­mel. Nun steht fest: Es ist ein va­ga­bun­die­ren­der Ko­met, der nicht aus un­se­rem Son­nen­sys­tem stammt. Es ist der zwei­te sei­ner Art in zwei Jah­ren.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - PANORAMA - VON LUD­WIG JOVANOVIC

DÜS­SEL­DORF Es war am 30. Au­gust, als Gen­na­dy Bo­ri­sov auf der Krim-halb­in­sel mit sei­nem selbst ge­bau­ten 65-Zen­ti­mer-te­le­skop in den Nacht­him­mel blick­te. Da­bei sah er et­was Selt­sa­mes. Ein Ob­jekt, das er zu­vor nicht be­ob­ach­tet hat­te – und das auch in kei­nem Ka­ta­log er­fasst war. Er schien ei­nen bis da­hin un­be­kann­ten Ko­met ent­deckt zu ha­ben. Bo­ri­sov do­ku­men­tier­te sei­nen Fund. Vor­läu­fig gab er ihm den Na­men „gb00234“. Dann ver­öf­fent­lich­te er sei­ne Ent­de­ckung im In­ter­net.

Wei­te­re Ama­teur- und auch Be­rufs­as­tro­no­men stie­gen in die Be­ob­ach­tung mit ein. Vor al­lem als ers­te Be­rech­nun­gen der Um­lauf­bahn nicht in das er­war­te Er­geb­nis pass­ten: As­te­ro­iden, Ko­me­ten und Pla­ne­ten be­we­gen sich auf­grund der Schwer­kraft in El­lip­sen (ge­dehn­te oder ge­stauch­te Krei­se) um die Son­ne. Doch der da­mals 450 Mil­lio­nen Ki­lo­me­ter ent­fern­te „gb00234“schien sich dar­an nicht zu hal­ten. Tat­säch­lich wür­den die Be­ob­ach­tun­gen eher zu ei­ner so­ge­nann­ten hy­per­bo­li­schen Bahn pas­sen – qua­si ei­ner Schwung­kur­ve. Und das wür­de nur ei­nen Schluss zu­las­sen: Das Ob­jekt kommt nicht aus un­se­rem Son­nen­sys­tem. Es wä­re ein in­ter­stel­la­rer Be­su­cher, der auf der Durch­rei­se ist.

Das wie­der­um elek­tri­sier­te die Wis­sen­schaft. Vor noch nicht ein­mal zwei Jah­ren hat­te man mit 1I/ Ou­mua­mua zum ers­ten Mal ei­nen Ko­me­ten ent­deckt, der nicht aus un­se­rem Son­nen­sys­tem stammt. Den hat­te man aber erst spät be­ob­ach­tet, als er uns be­reits wie­der ver­ließ. Soll­te man in kur­zer Zeit ein zwei­tes in­ter­stel­la­res Ob­jekt ge­fun­den ha­ben? Der neue Ko­met ist qua­si ge­ra­de erst an­ge­kom­men und be­wegt sich zur Son­ne hin, be­vor er wei­ter­fliegt zu den Ster­nen. Die Da­ten reich­ten an­fangs aber nicht aus, um das zu be­tä­ti­gen. Vol­ler Zwei­fel be­ob­ach­te­te man dar­um „gb00234“über meh­re­re Wo­chen. Nun hat die As­tro­no­mi­sche In­ter­na­tio­na­le Ver­ei­ni­gung be­stä­tigt, dass er nicht aus un­se­rem Son­nen­sys­tem stammt. Zu­dem gab man ihm ei­nen neu­en Na­men: 2I/ Bo­ri­sov – für zwei­tes „In­ter­stel­la­res Ob­jekt“und den Ent­de­cker.

Mit mehr als 32 Ki­lo­me­ter pro Se­kun­de hat der Ko­met uns aus Rich­tung des Stern­bil­des Kas­sio­peia er­reicht. Der­zeit be­wegt er sich mit 41 Ki­lo­me­tern pro Se­kun­de zur Son­ne hin und wird durch ih­re Schwer­kraft wei­ter be­schleu­nigt. Mit 44 Ki­lo­me­tern pro Se­kun­de wird er dann un­ser Zen­tral­ge­stirn in ei­ner Ent­fer­nung von rund 300 Mil­lio­nen Ki­lo­me­tern am 7. De­zem­ber pas­sie­ren. Da­bei wird die Hel­lig­keit des Ko­me­ten so sehr zu­neh­men, dass er am Nacht­him­mel ge­se­hen wer­den kann. Zu­min­dest in der Süd-he­mi­sphä­re. Da­nach fliegt 2I/bo­ri­sov wei­ter in Rich­tung des Stern­bil­des „Te­le­skop“.

Sei­ne Grö­ße in­des lässt sich mit meh­re­ren Ki­lo­me­tern nur va­ge an­ge­ben: Der Kern wird be­reits von der Ko­ma ver­deckt. Das ist ei­ne Art neb­li­ge Hül­le, die ent­steht, wenn ein Ko­met sich der Son­ne nä­hert. Das Eis an der Ober­flä­che schmilzt im Va­ku­um nicht, son­dern es geht so­fort in ei­nen gas­för­mi­gen Zu­stand über.

Ei­ne ers­te Ana­ly­se des Ob­jekts hat da­bei ge­zeigt, dass die Zu­sam­men­set­zung un­se­ren „hei­mi­schen“Ko­me­ten äh­nelt. Das ist zu­min­dest ein In­diz da­für, dass sein ur­sprüng­li­ches Hei­mat-sys­tem mit ei­ner ähn­li­chen che­mi­schen Zu­sam­men­set­zung be­gann wie un­se­res. Aus un­be­kann­ten Grün­den wur­de 2I/bo­ri­sov dann aber hin­aus ge­schleu­dert. Seit­dem fliegt er zwi­schen den Ster­nen. Wo­her ge­nau er stammt, lässt sich in­des nicht sa­gen.

Um noch mehr über den Ko­me­ten zu er­fah­ren, müss­ten wir Son­den schi­cken. Er ist aber zu spät, um jetzt noch ei­ne Mis­si­on zu pla­nen, die auf Ab­fang­kurs ge­hen könn­te. Und wenn 2I/bo­ri­sov un­ser Son­nen­sys­tem ver­lässt, wird er mit mehr als 30 Ki­lo­me­tern pro Se­kun­de un­ter­wegs sein. Un­ser schnells­tes „Raum­schiff“Voya­ger 1 da­ge­gen hat nur knapp 17 Ki­lo­me­ter pro Se­kun­de er­reicht. Bei der Eu­ro­päi­schen Welt­raum­agen­tur ESA gibt es Plä­ne für ei­ne Son­de, die im All sta­tio­niert wird. Wenn ein Ko­met ge­sich­tet wird, kann sie auf Ab­fang­kurs ge­hen – um ihn aus der Nä­he zu un­ter­su­chen. Die Son­de könn­te even­tu­ell auch in­ter­stel­la­re Be­su­cher „ja­gen“. Vor 2028 wird der so­ge­nann­te „Co­met In­ter­cep­tor“aber nicht start­be­reit sein. Dann wird sich 2I/ Bo­ri­sov be­reits jen­seits der Um­lauf­bahn von Plu­to be­we­gen.

Sei­ne ho­he Ge­schwin­dig­keit ist das bes­te In­diz da­für, dass das Ob­jekt nicht aus un­se­rem Son­nen­sys­tem stammt. Es bleibt die Fra­ge, war­um wir in knapp zwei Jah­ren be­reits den zwei­ten in­ter­stel­la­ren Be­su­cher ent­de­cken? Ein Grund könn­te sein, dass wir in­ten­si­ver Ob­jek­te in un­se­rem Son­nen­sys­tem be­ob­ach­ten. Auch um früh­zei­tig Him­mels­kör­per zu ent­de­cken, die mit der Er­de kol­li­die­ren könn­ten. So wer­den Ob­jek­te ge­fun­den, die frü­her über­se­hen wur­den. Es kann sich aber auch nur um Zu­fall han­deln. Zu­mal der­zeit nie­mand sa­gen kann, wie vie­le Kör­per wie 2I/bo­ri­sov tat­säch­lich un­ser Son­nen­sys­tem kreu­zen.

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