Deutsch­land ver­liert di­gi­tal den An­schluss

Die Ver­wal­tung zu alt­mo­disch, die In­ter­net­an­schlüs­se zu sel­ten mit Glas­fa­ser und die Mit­tel­ständ­ler zu zö­ger­lich bei der Di­gi­ta­li­sie­rung – so fasst ein neu­er Think Tank den Zu­stand der Bun­des­re­pu­blik zu­sam­men. Wel­chen Zweck ver­folgt er?

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RINKE

DÜS­SEL­DORF Die fünf wert­volls­ten deut­schen Un­ter­neh­men sind im Schnitt 114 Jah­re alt, die fünf Spit­zen­rei­ter der USA kom­men auf durch­schnitt­lich 30 Jah­re. Man kann das als Aus­weis der An­pas­sungs­fä­hig­keit von deut­schen Tra­di­ti­ons­kon­zer­nen wie Sie­mens, Lin­de, Volks­wa­gen und Co. se­hen. Oder als Be­leg da­für, dass Deutsch­lands Wirt­schafts­struk­tur ver­greist und ver­krus­tet ist.

Vie­le füh­ren­de Köp­fe der Di­gi­tal­sze­ne in Deutsch­land sind eher von letz­te­rem über­zeugt – denn das Durch­schnitts­al­ter ist aus ih­rer Sicht ja längst nicht der ein­zi­ge Be­leg da­für, dass Deutsch­land die di­gi­ta­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit fehlt. Da­her wur­de nun an der ESCP Eu­ro­pe Bu­si­ness School Ber­lin ein neu­er Think Tank be­schäf­tigt, der sich ge­nau mit die­ser The­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen soll.

„Die Si­che­rung der di­gi­ta­len Wett­be­werbs­fä­hig­keit im Ver­gleich zu Chi­na und den USA ist zen­tral, um den Wohl­stand in Deutsch­land und Eu­ro­pa auch für die nächs­ten Jahr­zehn­te zu si­chern“, sagt Phi­lip Meiss­ner, Di­rek­tor des neu ge­grün­de­ten In­sti­tuts.

Doch in vie­len Be­rei­chen sieht es aus sei­ner Sicht eher schlecht aus. In ei­nem „Fact­book“ha­ben Meiss­ner und sei­ne Kol­le­gen 20 Bei­spie­le zu­sam­men­ge­tra­gen, die ge­gen Deutsch­land als Stand­ort be­deu­ten­der Tech­no­lo­gie-fir­men spre­chen.

So wür­den zu we­nig Mit­tel­ständ­ler die Di­gi­ta­li­sie­rung ent­schlos­sen vor­an­trei­ben, nur 30 Pro­zent von ih­nen ha­ben be­reits ent­spre­chen­de Pro­jek­te ab­ge­schlos­sen. 86 Pro­zent al­ler in­ter­na­tio­na­len Fi­nan­zie­rungs­run­den in Hö­he von mehr als zehn Mil­lio­nen Eu­ro fin­den oh­ne eu­ro­päi­sche – und da­mit deut­sche – Be­tei­li­gung statt. Auch bei der Hö­he des in­ves­tier­ten Ri­si­ko­ka­pi­tals, den In­ves­ti­tio­nen in künst­li­che In­tel­li­genz und Quan­ten­com­pu­ter lie­gen Deutsch­land und Eu­ro­pa weit ab­ge­schla­gen hin­ter Asi­en (ins­be­son­de­re Chi­na) und den USA zu­rück.

Ri­si­ko­ka­pi­tal­ge­ber wie Klaus Hom­mels kri­ti­sie­ren schon lan­ge, dass in Deutsch­land zu we­nig in Start-ups in­ves­tiert wird. In den USA ge­be es Hoch­schu­len wie Har­vard, die Mil­li­ar­den-ver­mö­gen ver­wal­ten und in Ri­si­ko­ka­pi­tal-fonds in­ves­tier­ten, da­zu noch Pen­si­ons­kas­sen und Ver­si­che­run­gen, hat er vor ei­ni­gen Mo­na­ten mal in ei­nem Ge­spräch ge­sagt: „Das gibt es in Eu­ro­pa nicht. Um das Rad hier in Be­we­gung zu set­zen, müs­sen wir des­halb ei­nen staat­li­chen An­schub ge­ben.“

Hom­mels, der mit sei­ner Fir­ma La­ke­star ge­ra­de an­geb­lich ei­nen rund 700 Mil­lio­nen Eu­ro schwe­ren Fonds auf­ge­legt hat, un­ter­stützt das Cen­ter für di­gi­ta­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit genau­so wie die Grün­der der Düs­sel­dor­fer Ho­tel­such­ma­schi­ne Tri­va­go und Ver­tre­ter des Köl­ner Über­set­zungdiens­tes Deepl. Sie al­le ha­ben ein In­ter­es­se dar­an, dass sich an der Si­tua­ti­on et­was än­dert.

Ein Pro­blem ist aus Hom­mels Sicht auch, dass Di­gi­talthe­men in der öf­fent­li­chen De­bat­te kei­ne aus­rei­chen­de Rol­le spie­len. Laut dem Cen­ter liegt das auch dar­an, dass im Bun­des­tag die Fach­kom­pe­tenz fehlt. Nur zwölf Pro­zent der Ab­ge­ord­ne­ten ha­ben ei­nen tech­no­lo­gi­schen bzw. na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund.

An­de­rer­seits ist auch die Be­völ­ke­rung eher des­in­ter­es­siert bis skep­tisch. Bei der Eu­ro­pa­wahl spiel­te das The­ma für die deut­schen Wäh­ler kei­ne Haupt­rol­le – da wa­ren Kli­ma­schutz, so­zia­le Si­cher­heit, Frie­dens­si­che­rung und Zu­wan­de­rung wich­ti­ger. Noch fa­ta­ler ist: Nicht mal die Hälf­te der Deut­schen (46 Pro­zent) fin­det laut ei­ner Um­fra­ge, dass sich ihr Le­ben durch die Di­gi­ta­li­sie­rung nach­hal­tig ver­bes­sern wird. Än­dert sich dar­an nichts, dürf­te das Durch­schnitts­al­ter der Fir­men wei­ter stei­gen.

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