Thys­sen­krupp ver­gol­det Kerk­hoffs Ab­gang

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - VON ANT­JE HÖNING UND MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Der schei­den­de Chef soll ei­ne Ab­fin­dung von sechs Mil­lio­nen Eu­ro er­hal­ten. Das wä­re mehr, als sein Vor­gän­ger be­kom­men hat­te. ES­SEN Der Thy­sen­krupp-auf­sichts­rat hat sich mit Vor­stands­chef Gui­do Kerk­hoff über die Mo­da­li­tä­ten sei­nes Ab­gangs ver­stän­digt. Die Auf­he­bung des Ver­trags er­fol­ge ein­ver­nehm­lich, teil­te der Es­se­ner In­dus­trie­kon­zern am Mon­tag mit. Die Ab­fin­dungs­sum­me woll­te der Kon­zern auf Nach­fra­ge nicht nen­nen.

Wie un­se­re Re­dak­ti­on aus Auf­sichts­rats­krei­sen er­fuhr, soll Kerk­hoff je­doch sechs Mil­lio­nen Eu­ro be­kom­men. Das wä­re mehr als die Zah­lung an sei­nen Vor­gän­ger Heinrich Hie­sin­ger, der nach sei­nem über­ra­schen­den Ab­gang im Som­mer 2018 ins­ge­samt 4,2 Mil­lio­nen Eu­ro aus­ge­han­delt hat­te. Weil sich an die­ser Pra­xis mas­si­ve Kri­tik ent­zün­det hat­te – im­mer­hin war Hie­sin­ger ja frei­wil­lig ge­gan­gen –, sol­len die Ab­fin­dungs­re­geln an­ge­passt wor­den sein. Hät­te Kerk­hoff frei­wil­lig auf sein Amt ver­zich­tet, wä­re er wohl leer aus­ge­gan­gen.

Der frü­he­re Fi­nanz­vor­stand war zu­nächst nur als Zwi­schen­lö­sung ge­dacht. Der da­ma­li­ge Auf­sichts­rats­chef Ul­rich Leh­ner sag­te bei Be­kannt­ga­be der Per­so­na­lie: „Die Auf­sichts­rats­mit­glie­der sind sich ei­nig, dass Thys­sen­krupp vor al­lem Sta­bi­li­tät und Kon­ti­nui­tät braucht, um den ein­ge­schla­ge­nen Weg der Trans­for­ma­ti­on er­folg­reich fort­set­zen zu kön­nen. Da­für hat Gui­do Kerk­hoff das vol­le Ver­trau­en des Auf­sichts­rats.“Aus dem In­te­rims­ver­trag wur­de im Herbst 2018 der Fünf-jah­res-ver­trag bis 2023. Das Ver­trau­en reich­te aber nur bis ver­gan­ge­nen Di­ens­tag. Da gab der Kon­zern über­ra­schend be­kannt, dass Prä­si­di­um und Per­so­nal­aus­schuss dem Auf­sichts­rat ei­ne Tren­nung vom Thys­sen­krupp-chef emp­feh­len. Die ist nun un­ter Dach und Fach: Ab Di­ens­tag über­nimmt die bis­he­ri­ge Auf­sichts­rats­che­fin Mar­ti­na Merz den Vor­stands­vor­sitz. Ihr Man­dat sei auf ma­xi­mal zwölf Mo­na­te be­schränkt, an­schlie­ßend soll sie auf ih­re al­te Po­si­ti­on zu­rück­keh­ren. Mög­lich wur­de dies

erst, nach­dem Luft­han­sa-chef Carsten Sp­ohr sei­nen Rück­zug aus dem Thys­sen­krupp-auf­sichts­rat ver­kün­det hat­te. Merz ist Auf­sichts­rä­tin bei der Kra­nich-li­nie. Wäh­rend ih­res In­ter­mez­zos an der Kon­zern­spit­ze wird die frü­he­re Bosch-ma­na­ge­rin vom Ex-sie­mens-ma­na­ger Sieg­fried Russ­wurm ver­tre­ten.

Kerk­hoff ver­tei­dig­te sei­nen Kurs: „Ich bin über­zeugt, dass die stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung, die wir im Mai an­ge­kün­digt ha­ben, zum Er­folg füh­ren wird.“Ge­meint ist un­ter an­de­rem der ge­plan­te Bör­sen­gang oder Ver­kauf der Auf­zug­s­par­te so­wie ein mas­si­ves Stel­len­ab­bau­pro­gramm.

Kerk­hoff hat­te wäh­rend sei­ner Zeit in Es­sen viel Un­mut auf sich ge­zo­gen. In Ar­beit­neh­mer­krei­sen wur­de schon sei­ne Eig­nung für den Pos­ten des Vor­stands­chefs hin­ter­fragt. Es ge­be kein ein­zi­ges er­folg­rei­ches Pro­jekt, was der Ma­na­ger vor­zu­wei­sen hät­te, ätz­te ei­ner hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Al­ler­dings tru­gen die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter die Per­so­na­lie Kerk­hoff am En­de mit.

Zu­nächst trieb der Thys­sen­krupp-chef die Auf­tei­lung des Un­ter­neh­mens in zwei ei­gen­stän­di­ge Tei­le vor­an: ei­nen Werk­stoff-kon­zern und ein In­dus­trie­gü­ter-ge­schäft. Als sich al­ler­dings ab­zeich­ne­te, dass die Eu-kom­mis­si­on die da­für not­wen­di­ge Stahl­fu­si­on mit Ta­ta Steel Eu­ro­pe un­ter­sa­gen wür­de, kas­sier­te Kerk­hoff den zu­vor als Be­frei­ungs­schlag skiz­zier­ten Plan und kün­dig­te statt­des­sen den Ab­bau von 6000 Stel­len ab. Auch soll­te die Auf­zug­s­par­te ver­sil­bert wer­den. Kerk­hoff be­rei­te­te ei­nen Bör­sen­gang vor, for­der­te je­doch auch Fi­nanz­in­ves­to­ren und Kon­kur­ren­ten da­zu auf, Kauf­an­ge­bo­te ab­zu­ge­ben. Im Auf­sichts­rat soll es un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über den Um­gang mit Ein­nah­men aus Ver­kauf oder Bör­sen­gang ge­ge­ben ha­ben. Wäh­rend Kerk­hoff das Geld im Kon­zern hal­ten und so wie­der mehr Spiel­raum be­kom­men woll­te, soll vor al­lem Groß­ak­tio­när Ce­vi­an auf ei­ne Son­der­di­vi­den­de ge­drängt ha­ben.

Die Krupp-stif­tung dank­te dem schei­den­den Vor­stands­vor­sit­zen­den da­für, „dass er in ei­ner schwie­ri­gen Pha­se für das Un­ter­neh­men Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat“. Die Stif­tung si­gna­li­sier­te, dass sie nicht auf ei­ne Son­der­di­vi­den­de aus sei: Ihr An­lie­gen sei es, An­teils­eig­ne­rin ei­nes wett­be­werbs- und di­vi­den­den­fä­hi­gen Un­ter­neh­mens mit zu­kunfts­si­che­ren Ar­beits­plät­zen zu sein. „Der Stif­tung ist die ak­tu­ell her­aus­for­dern­de La­ge des Un­ter­neh­mens be­wusst. Sie ver­steht sich vor die­sem Hin­ter­grund um­so mehr als ver­läss­li­che An­ker­ak­tio­nä­rin, so wie sie auch die zu­letzt di­vi­den­den­schwa­chen und so­gar die bei­den di­vi­den­den­lo­sen Ge­schäfts­jah­re im In­ter­es­se des Un­ter­neh­mens mit­ge­tra­gen hat.“Tat­säch­lich müss­te die Stif­tung ei­ne Son­der­di­vi­den­de um­ge­hend für För­der­zwe­cke zur Ver­fü­gung stel­len. Das wä­re zwar ein war­mer Re­gen für Kunst und Wis­sen­schaft, wür­de aber den Fort­be­stand des Kon­zerns ge­fähr­den – und des­sen Be­wah­rung ist Stif­tungs­zweck.

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