Auf der Su­che nach dem per­fek­ten Sprung

Men­ta­le Pro­ble­me brach­ten den Hoch­sprung-eu­ro­pa­meis­ter des TSV Bay­er Le­ver­ku­sen zur Ver­zweif­lung. Dass er nun als deut­sche Me­dail­len­hoff­nung bei der WM in Do­ha star­tet, war vor ei­ni­gen Mo­na­ten noch un­denk­bar.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - SPORT - VON SE­BAS­TI­AN BERG­MANN

LE­VER­KU­SEN Für ein paar Mi­nu­ten ge­hör­te das Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on ihm. Völ­lig los­ge­löst und von sei­nen Ge­füh­len über­mannt, sprang Ma­teusz Pr­zy­byl­ko auf der blau­en Tart­an­bahn um­her, der Ju­bel der mehr als 60.000 Zu­schau­er schien nicht en­den zu wol­len. 2,35 Me­ter hat­te der Hoch­sprin­ger des TSV Bay­er Le­ver­ku­sen an die­sem Tag im Au­gust 2018 über­quert und da­mit als ers­ter Deut­scher seit Diet­mar Mö­gen­burg 1982 Em-gold ge­won­nen. Vie­le sa­hen im heu­te 27-Jäh­ri­gen be­reits das neue Aus­hän­ge­schild der Deut­schen Leicht­ath­le­tik. Doch auf die größ­te Ju­bel­nacht sei­ner Kar­rie­re folg­ten Mo­na­te des Zwei­felns und Ha­derns. Dass Pr­zy­byl­ko nun ab Di­ens­tag doch mit Me­dail­len­hoff­nun­gen bei der WM in Do­ha an den Start geht, schien noch vor kur­zem un­denk­bar.

„Ich bin top­fit in die Som­mer­vor­be­rei­tung ge­star­tet, zu mei­nem Trai­ner ge­gan­gen und ha­be ihm ge­sagt, dass wir die­ses Jahr voll ro­cken wer­den, so­gar noch mehr als letz­tes Jahr“, sagt Pr­zy­byl­ko. Doch beim ge­bür­ti­gen Bie­le­fel­der funk­tio­nier­te plötz­lich nichts mehr. Die Leich­tig­keit des Vor­jah­res war da­hin. Oft über­quer­te der für sei­ne ho­he An­lauf­ge­schwin­dig­keit und spek­ta­ku­lä­re Sprung­tech­nik be­kann­te Sohn pol­ni­scher El­tern die 2,20 Me­ter nur mit Mü­he. Bock-, kraft- und mut­los prä­sen­tier­te sich der Schütz­ling des in Dins­la­ken ge­bo­re­nen Hoch­sprung-bun­des­trai­ners Hans-jörg Tho­mas­kamp. „Ich war kör­per­lich top­fit, aber mein Kopf war es über­haupt nicht. Ich hat­te ei­nen Wurm drin und wuss­te nicht, wie ich ihn her­aus­be­kom­me“, be­rich­tet der Le­ver­ku­se­ner. Er ließ nichts un­ver­sucht, such­te Rat bei ei­nem Men­tal­trai­ner, fuhr mit sei­nem 200-Ps-mo­tor­rad durchs Rhein­land und pro­bier­te sich zur Ablen­kung im Weit­sprung.

Nach­dem er die Norm für die WM in Ka­tar An­fang Ju­ni in Garb­sen ab­ge­hakt hat­te, ging es für ihn aber wei­ter berg­ab. „Ich wur­de von Wett­kampf zu Wett­kampf schlech­ter.“Der 1,95-Me­ter-hü­ne spiel­te mit dem Ge­dan­ken, die Sai­son ab­zu­bre­chen. Erst nach­dem Tho­mas­kamp, zu dem Pr­zy­byl­ko ei­ne Va­ter-sohn-be­zie­hung pflegt, be­schwich­ti­gend auf sei­nen Ath­le­ten ein­re­de­te, ihm die Sai­son als „Lern­jahr“er­klär­te, mach­te die­ser wei­ter. Es war der Wen­de­punkt ei­ner schwie­ri­gen Sai­son. Beim In­ter­na­tio­na­len Sta­di­on­fest in Ber­lin An­fang Sep­tem­ber – dem Ort, an dem er vor ei­nem Jahr sei­nen bis da­to größ­ten Er­folg fei­er­te – über­zeug­te Pr­zy­byl­ko zu­letzt mit 2,30 Me­tern. Jetzt soll es auch bei der WM aufs Po­dest ge­hen. „Ich füh­le mich gut. Wenn ich es schaf­fe, den Kopf aus­zu­schal­ten, ist ei­ne Me­dail­le mög­lich“, sagt er.

Dass Pr­zy­byl­ko nicht wie sein Bru­der Kacper, der in­zwi­schen in der höchs­ten Spiel­klas­se in den USA für Phil­adel­phia spielt, Pro­fi­fuß­bal­ler wur­de, liegt an sei­nem Hang zur Träu­me­rei, wie er selbst be­tont. „Ich bin nie dem Ball hin­ter­her­ge­lau­fen“, sagt Pr­zy­byl­ko, der in der Ju­gend das Tri­kot von Ar­mi­nia Bie­le­feld trug. Als Ein­zel­sport­ler kön­ne er sich nur auf sich al­lein und nie­man­den an­de­ren kon­zen­trie­ren. „Das ist für mich ein­fa­cher, als im Team zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.“

Ihm war früh be­wusst, dass er mit sei­nem fa­vo­ri­sier­ten Sport nie das gro­ße Geld ver­die­nen kön­nen wird. „Auf dem Ni­veau, auf dem ich ak­tu­ell bin, wä­re ich im Fußball in der Cham­pi­ons Le­ague – zwar kein Cris­tia­no Ro­nal­do, aber ein gu­ter Spie­ler. In der Leicht­ath­le­tik flie­ßen nur nicht die Mil­lio­nen.“Als

un­ge­recht emp­fin­det der Sport­sol­dat die­sen Um­stand aber nicht. Der Hoch­sprung sei eben sei­ne Pas­si­on. „Wir müs­sen zei­gen, dass auch Leicht­ath­le­tik cool sein kann und es mehr als nur Fußball gibt.“Sei­ne Rol­le in der Leicht­ath­le­tik will er den­noch nicht über­be­wer­ten. „Gi­na Lü­ckenk­em­per ist ak­tu­ell die deut­sche Bot­schaf­te­rin der Leicht­ath­le­tik. Ich bin nicht der­typ, der wie sie ger­ne Show­macht. Ich le­be mei­nen Sport. Sie macht ihr Ding, und das macht sie gut. Ich kann das nicht, zei­ge lie­ber Leis­tung und ver­su­che die Men­schen so, für mei­nen Sport zu be­geis­tern.“

Min­des­tens bis zu den Olym­pi­schen Spie­len in Pa­ris 2024 will der Le­ver­ku­se­ner Hoch­sprin­ger noch ak­tiv um Me­dail­len, Plät­ze und Re­kor­de an­tre­ten. Sein größ­tes Ziel? Den 1984 von Car­lo Thrän­hardt auf­ge­stell­ten deut­schen Re­kord von 2,37 Me­tern über­bie­ten. An Selbst­be­wusst­sein man­gelt es Pr­zy­byl­ko je­den­falls nicht mehr. „Ge­mein­sam mit mei­nem Trai­ner wer­de ich al­les er­rei­chen, was ich mir vor­ge­nom­men ha­be. Das weiß ich.“Der „per­fek­te Sprung“sei das ge­mein­sa­me Ziel. „Mir fehlt noch der Mo­ment, auf den ich am En­de mei­ner Kar­rie­re zu­rück­bli­cken und sa­gen kann: ‚Das war mein Sprung‘.“

Vi­el­leicht ist es ja schon bei der WM in Do­ha so­weit.

FO­TO: KAY NIET­FELD/DPA

Hö­hen­flie­ger: Heu­te ab 15.50 Uhr steigt Ma­teusz Pr­zy­byl­ko in die Qua­li­fi­ka­ti­on ein, das Fi­na­le der Welt­meis­ter­schaft steigt am 4. Ok­to­ber ab 19.10 Uhr.

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