An­ders­sein ist ei­ne „Su­per­kraft“

ANA­LY­SE Gre­ta Thun­berg hat Asper­ger, ei­ne Form von Au­tis­mus. Sie hat ge­schafft, was Wis­sen­schaft­ler lan­ge ver­geb­lich ver­such­ten: Men­schen in­ter­es­sie­ren sich heu­te für den Kli­ma­wan­del. Wie ist der 16-Jäh­ri­gen das ge­lun­gen?

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS - VON RE­GI­NA HARTLEB

Wenn ich mei­nen acht­jäh­ri­gen Sohn bit­te, in sei­nem Zim­mer das Licht aus­zu­ma­chen, be­vor er nach drau­ßen zum Spie­len geht, ist es rei­ne Glücks­sa­che, ob das funk­tio­niert. Ehr­lich ge­sagt: Meis­tens ver­gisst er es. Ener­gie­ver­schwen­dung? Ist ihm herz­lich egal, wenn die Freun­de vor der Tür war­ten.

Bei Gre­ta Thun­berg war das an­ders: Sie hör­te im Al­ter von acht Jah­ren das ers­te Mal et­was von Er­der­wär­mung und Kli­ma­wan­del – und stell­te gleich im ge­sam­ten El­tern­haus das Licht ab. Für sie die ein­zig lo­gi­sche Kon­se­quenz. Sie ver­stand schon da­mals nicht, war­um der Rest der Welt die­ses Thema nicht ge­nau­so wich­tig fand wie sie. Sie sah ein­deu­tig Hand­lungs­be­darf. Der Rest der Ge­schich­te ist be­kannt.

Heu­te fol­gen Zig­tau­sen­de Men­schen auf al­len Kon­ti­nen­ten der 16-jäh­ri­gen Schwe­din, die ihr Le­ben seit rund an­dert­halb Jah­ren ganz dem Er­halt des Kli­mas wid­met. Mit Akri­bie, Strin­genz und Aus­dau­er ver­folgt sie ihr Ziel, die Mensch­heit wach­zu­rüt­teln und vor al­lem die Po­li­ti­ker die­ser Welt zum Han­deln zu zwin­gen.

Wo­her nimmt das Mäd­chen mit dem erns­ten Blick die­se Ener­gie? „Un­ter den rich­ti­gen Um­stän­den ist an­ders zu sein ei­ne Su­per­kraft“, sagt Gre­ta Thun­berg über sich selbst. Mit „an­ders sein“meint sie das Asper­ger-syn­drom, ei­ne Form des Au­tis­mus, die bei ihr vor Jah­ren dia­gnos­ti­ziert wur­de.

„Au­tis­mus ist aus me­di­zi­ni­scher Sicht ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung“, sagt Le­on­hard Schil­bach, Psych­ia­ter und Ober­arzt an den Lvr-kli­ni­ken Düsseldorf. Das Asper­ger-syn­drom ist ei­ne mil­de Va­ri­an­te des Au­tis­mus. „Au­tis­mus fällt in der Re­gel schon sehr früh auf und wird im Al­ter von zwei bis drei Jah­ren dia­gnos­ti­ziert. Meist mer­ken es zu­erst die El­tern, weil ihr Kind sie nie an­schaut. Men­schen mit Asper­ger-syn­drom blei­ben lan­ge un­auf­fäl­lig und ha­ben ei­ne nor­ma­le Sprach­ent­wick­lung“, so Schil­bach. Au­tis­ten sind we­der zwangs­läu­fig hoch­in­tel­li­gent noch geis­tig zu­rück­ge­blie­ben. „Es gibt kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Au­tis­mus und In­tel­li­genz“, be­tont Schil­bach. Die gro­ße Mehr­heit der Au­tis­ten sei nor­mal in­tel­li­gent – mit Aus­nah­men in bei­de Rich­tun­gen.

Es gibt ei­ni­ge cha­rak­te­ris­ti­sche Ei­gen­schaf­ten, die bei al­len Au­tis­ten, auch bei den­je­ni­gen mit dem Asper­ger-syn­drom, mehr oder we­ni­ger aus­ge­prägt vor­han­den sind. Ganz ty­pisch ist das Ver­fol­gen ir­gend­wel­cher Spe­zial­in­ter­es­sen. Das kön­nen Au­tos sein, Di­no­sau­ri­er oder eben das Kli­ma. Hat ei­nen Au­tis­ten ein­mal ein Thema ge­packt, lässt es ihn vor­erst nicht mehr los. Ne­ga­tiv aus­ge­drückt könn­te man es als „Hin­ein­stei­gern“be­zeich­nen. Sei­ne Ge­dan­ken krei­sen um die­ses ei­ne Ziel. Der Au­tist kann Ab­wechs­lung nicht lei­den. Po­si­tiv be­trach­tet häuft er in sei­nem Lieb­lings­ge­biet mit der Zeit Un­men­gen an Wis­sen an.

Dass sei­ne Um­welt we­der sei­ne spe­zi­el­le Lei­den­schaft noch die Kennt­nis­se teilt, ver­steht der Au­tist oft nicht. „So­zia­le In­ter­ak­tio­nen fal­len ihm oft schwer“, er­klärt Schil­bach. Sie kön­nen sich we­der gut ver­stel­len noch in an­de­re Men­schen hin­ein­ver­set­zen. Fein­ge­fühl oder Di­plo­ma­tie sind ih­nen fremd. Was ge­dacht wird, wird ge­sagt. Was lo­gisch ist, wird ge­macht. Mit „Wenn und Aber“kön­nen sie nichts an­fan­gen. Des­halb kann Gre­ta Thun­berg auch nicht ver­ste­hen, war­um die Mensch­heit nicht längst auf­ge­stan­den ist, um die Er­de zu ret­ten. Die Fak­ten lie­gen schließ­lich seit Jah­ren auf dem Tisch. Des­halb wirkt sie bis­wei­len ver­bis­sen und schleu­dert ih­re Wahr­heit mit düs­te­rem Blick in die Welt – ob und wem sie da­bei auf die Fü­ße tritt, ist ihr egal. Schließ­lich ist es wich­tig!

Den­noch müss­te der Gang in die Öf­fent­lich­keit für Thun­berg ei­gent­lich der blan­ke Hor­ror sein. Denn al­le Au­tis­ten has­sen Ab­wechs­lung und Lärm. Sie kom­men schnell aus dem Gleich­ge­wicht, wenn ih­re Um­ge­bung zu laut, zu un­ru­hig ist. Das hängt mit ei­ner Be­ein­träch­ti­gung der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu­sam­men und dem Hang zu ste­reo­ty­pen Ver­hal­tens­wei­sen. Schil­berg: „Au­tis­ten lie­ben Re­geln, Ri­tua­le und Gleich­för­mig­keit. Sie wir­ken be­ru­hi­gend.“

Wie passt das zu­sam­men mit der Kli­maak­ti­vis­tin, die kei­nen Tag oh­ne Ka­me­ras er­lebt? „Bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad kön­nen Au­tis­ten be­wusst ge­gen ih­re Be­dürf­nis­se steu­ern“, so der Fach­mann. Gre­ta Thun­berg hat ge­lernt, sich ein Stück weit an­zu­pas­sen. Sie weiß et­wa, dass sie Leu­te beim Spre­chen an­schau­en soll­te, dass sie ge­wis­se Re­geln der Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­hal­ten muss. Ihr Um­feld hat aus ihr ein Stück weit ei­nen Me­di­en­pro­fi ge­macht: „Ich se­he die Welt et­was an­ders, aus ei­ner an­de­ren Per­spek­ti­ve. Ich ha­be ein be­son­de­res In­ter­es­se“, sag­te sie kürz­lich in ei­nem In­ter­view.

Auch wenn Au­tis­mus rein me­di­zi­nisch als Krank­heit ein­ge­stuft ist, mag man ihn nicht ger­ne als sol­che be­zeich­nen. Das räumt Psych­ia­ter Le­on­hard Schil­bach ein. „Au­tis­ten ha­ben vie­le po­si­ti­ve Ei­gen­schaf­ten. Die­se Fä­hig­keit, sich für ein spe­zi­el­les In­ter­es­se der­art auf­zu­op­fern und es mit Akri­bie und schier end­lo­ser Aus­dau­er zu ver­fol­gen, ist ei­ne gro­ße Ga­be.“

Der Me­di­zi­ner wirbt auch auf Vor­trä­gen da­für, Au­tis­ten als Ar­beits­kräf­te ein­zu­stel­len. „Sie sind zu­ver­läs­sig und aus­schließ­lich auf das Sach­li­che fo­kus­siert. Das ist ih­re gro­ße Stär­ke.“Al­lein we­gen ih­rer Di­rekt­heit hät­ten sie oft Pro­ble­me im All­tag und im Job. „Au­tis­ten sa­gen, was sie den­ken. Im­mer. Das muss man als Kol­le­ge und Vor­ge­setz­ter wis­sen und aus­hal­ten kön­nen.“

Auch Gre­ta Thun­berg muss in die­sen Ta­gen ei­ni­ges aus­hal­ten. Kein Tag ver­geht, an dem sich in den so­zia­len Netz­wer­ken nicht kü­bel­wei­se Müll über der 16-Jäh­ri­gen ent­lädt. An­fein­dun­gen, Ver­let­zun­gen, Be­lei­di­gun­gen. Es ist ihr zu wün­schen, dass es ihr schlicht egal ist, was die­se Men­schen über sie den­ken. Dass sie sich wei­ter auf das We­sent­li­che fo­kus­siert. Und dass ihr die Su­per­kraft nicht aus­geht.

„Es gibt kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Au­tis­mus und In­tel­li­genz“Le­on­hard Schil­bach Psych­ia­ter

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