STADTGESPR­ÄCH

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF­ER STADTPOST - Stefanie Th­run

Markus Goos­mann ist Stumm­film­pia­nist.

Stumm­fil­me ge­hö­ren zu ei­ner längst ver­gan­ge­nen

Ära, zu ei­ner Zeit, in der die ers­ten Ki­nos ih­re Tü­ren öff­ne­ten, in der Hu­mor teils völ­lig an­ders in­ter­pre­tiert wur­de und in der Mu­sik ei­ne viel grö­ße­re Rol­le spiel­te – näm­lich durch ei­ne Li­ve-ver­to­nung der ge­zeig­ten Fil­me. Ei­ne an­spruchs­vol­le Auf­ga­be, der heu­te kaum noch ein Mu­si­ker nach­geht. Ei­ne der we­ni­gen Aus­nah­men ist der Düs­sel­dor­fer Mu­si­ker Markus Goos­mann.

Ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts hielt der Stumm­film in We­st­eu­ro­pa und Ame­ri­ka Ein­zug und war bis zum Auf­stieg des Ton­films in den 1920ern die wohl auf­re­gends­te Form der Un­ter­hal­tung. Manch­mal be­glei­tet von Zwi­schen­ti­teln wur­de der Film zwar kom­men­tiert, muss­te al­ler­dings völ­lig oh­ne Dia­lo­ge aus­kom­men. Was vie­len jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen gar nicht be­wusst ist, ist die Tat­sa­che, dass Stumm­fil­me nur in den sel­tens­ten Fäl­len wirk­lich stumm wa­ren. Dia­lo­ge gab es nicht, je­doch wur­den die Strei­fen ver­tont, um den Bil­dern auf der Lein­wand mehr Le­ben ein­zu­hau­chen. Die Mu­sik kam nicht vom Band, son­dern wur­de li­ve vor Ort ge­spielt. Manch­mal wur­den da­bei zu­vor aus­ge­wähl­te Lie­der ge­spielt, oft lag die Mu­sik aber voll­kom­men in den Hän­den des Künst­lers und sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on der Hand­lung.

Für Markus Goos­mann ist die­se Im­pro­vi­sa­ti­on auch heu­te noch ei­ne span­nen­de Auf­ga­be, der er hin und wie­der im Film­mu­se­um nach­ge­hen kann. Die zu ver­to­nen­den Fil­me sieht er meist nur ein­oder zwei­mal, be­vor er sie ver­tont. „Da ist die Lein­wand – hier bin ich“, er­zählt er und meint da­mit, dass er bei sei­ner Kunst in ei­ner Art Dia­log mit dem ge­zeig­ten Film steht. Wäh­rend er spielt, fliegt sein Blick zwi­schen Lein­wand und sei­nen No­ti­zen hin und her. Zwar kon­zen­triert er sich auf das In­stru­ment un­ter sei­nen Fin­gern, er steht da­bei aber im stän­di­gen Kon­takt zum Film. Die Blät­ter auf dem No­ten­hal­ter vor ihm be­inhal­ten No­ten, teil­wei­se aber auch bloß No­ti­zen, die er sich zu ein­zel­nen Sze­nen im Film ge­macht hat. No­ti­zen zum In­halt, zu der Emo­ti­on des Mo­ments oder aber Mu­sik­kurz­schrif­ten.

Zu­letzt be­glei­te­te er Fil­me von

Ger­mai­ne Du­lac. Bei ei­ner Ver­an­stal­tung im Düs­sel­dor­fer Film­mu­se­um ver­ton­te er un­ter an­de­rem den Film „An­toi­net­te Sa­b­rier“, den er am sel­bi­gen Ta­ge zum ers­ten Mal zu se­hen be­kam. Drei­mal sah er sich den Schwarz-wei­ßStrei­fen am Vor­mit­tag an. Ein­mal, um sich grund­le­gen­de Hand­lungs­punk­te her­aus­zu­schrei­ben und dann zwei wei­te­re Ma­le, um mit der Mu­sik „her­um­zu­spie­len“. Wie er selbst er­zählt, sind sei­ne Hän­de da­bei für die Tas­ten zu­stän­dig, sei­ne Fü­ße für die Pe­da­le, sei­ne Au­gen je­doch sind mit der Hand­lung auf der Lein­wand be­schäf­tigt. „Das, was die Au­gen auf­neh­men, geht di­rekt in den Be­we­gungs­ap­pa­rat über“, so Groos­mann. Ihn be­ein­flusst aber nicht nur das Ge­sche­hen im Film. Wäh­rend ei­ner Auf­füh­rung mit Pu­bli­kum re­agiert er auch im­mer auf die Men­schen, die ihn um­ge­ben.

Für ihn be­deu­tet das Spie­len im Ki­no­saal, fle­xi­bel zu blei­ben für die Re­ak­tio­nen des Pu­bli­kums, aber auch zu ver­su­chen, sie da­bei zu un­ter­stüt­zen, das Ge­se­he­ne zu ver­ste­hen. Denn Mu­sik kann da­bei hel­fen, trau­ri­ge Sze­nen deut­lich emo­tio­na­ler wahr­zu­neh­men, oder lus­ti­ge Mo­men­te durch gut plat­zier­te Ton­fol­gen als noch wit­zi­ger zu ver­ste­hen. Da­ran hat sich auch heu­te nichts ge­än­dert. Auch wenn der Be­darf an Stumm­film­pia­nis­ten sehr ge­schrumpft ist, und Goos­mann deut­lich öf­ters da­mit be­schäf­tigt ist, als Kla­vier­leh­rer sei­ne Schü­ler zu un­ter­rich­ten und ih­nen auch Im­pro­vi­sa­ti­on mit Mu­sik nä­her­zu­brin­gen.

In den ver­gan­ge­nen 16 Jah­ren ar­bei­te­te er eng mit dem Düs­sel­dor­fer Film­mu­se­um zu­sam­men, war selbst 14 Jah­re lang Vor­sit­zen­der des För­der­ver­eins. Et­wa 30 Fil­me ver­ton­te er in die­ser Zeit – ei­nen Groß­teil da­von in Düsseldorf. 2014 und 2016 be­kam er schließ­lich die Mög­lich­keit, mo­nat­li­che Film­vor­füh­run­gen zu be­glei­ten. Ein For­mat, das er ger­ne wie­der­ho­len wür­de.

RP-FO­TO: ANDRE­AS ENDERMANN

Markus Goos­mann ge­hört zu den we­ni­gen Stumm­film­pia­nis­ten der heu­ti­gen Zeit. Häu­fig tritt er im Düs­sel­dor­fer Film­mu­se­um auf.

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