Öt­zi für al­le

Wenn Schü­ler ein Thema erst mal span­nend fin­den, kann es in gleich meh­re­ren Fä­chern im Un­ter­richt be­han­delt wer­den.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - SCHULE UND BILDUNG IN DÜSSELDORF -

Öt­zi im Che­mie-un­ter­richt? Klar, im­mer­hin hat­te der St­ein­zeit­ler ein Beil aus tos­ka­ni­schem Kup­fer­erz im Ge­päck, ein idea­ler Kon­text um Oxi­da­ti­ons- und Re­duk­ti­ons-re­ak­tio­nen zu be­spre­chen. Im Ge­schichts­un­ter­richt ist er ein Bei­spiel für das Le­ben in der St­ein­zeit, in Bio­lo­gie wird sein Erb­gut ana­ly­siert und in Phy­sik die Ra­dio­kar­bon­me­tho­de be­spro­chen.

Der Ge­gen­stand Öt­zi ist nur ein Bei­spiel da­für, wie sich fä­cher­ver­bin­den­der Un­ter­richt rea­li­sie­ren lässt. Wo­zu das Gan­ze? Es wirkt pa­ra­dox, aber je mehr Kon­text und In­for­ma­tio­nen ich zu ei­nem Ge­gen­stand ha­be, des­to leich­ter kann ich ihn mir mer­ken. Ge­dächt­nis-akro­ba­ten ver­knüp­fen zu ler­nen­de In­for­ma­tio­nen so­gar be­wusst mit nicht re­le­van­ten Kon­tex­ten, um sie sich bes­ser mer­ken zu kön­nen. Soll­te man al­so ver­su­chen, Schü­ler im Un­ter­richt mit In­for­ma­tio­nen zu er­schla­gen? Ein Bei­spiel: Im Che­mie-un­ter­richt wird das Ha­ber-bosch-ver­fah­ren als groß­in­dus­tri­el­les Ver­fah­ren zur Syn­the­se von Am­mo­ni­ak the­ma­ti­siert. Der größ­te Teil des Am­mo­niaks wird zu Dün­ge­mit­teln ver­ar­bei­tet und er­mög­licht da­durch über­haupt die mo­der­ne Land­wirt­schaft. Fritz Ha­ber war nicht nur No­bel­preis­trä­ger für Che­mie, son­dern auch als „Va­ter des Gas­kriegs“ein zeit­wei­lig als Kriegs­ver­bre­cher ge­such­ter deut­scher Flüchtling nach dem Ers­ten Welt­krieg. Ne­ben Che­mie gibt es al­so auch beim Ge­gen­stand Am­mo­ni­ak-syn­the­se zahl­rei­che An­knüp­fungs­punk­te in Ge­schich­te, Ethik und Erd­kun­de.

Zu fast je­dem Ge­gen­stand las­sen sich zahl­rei­che The­men fin­den. Das Pro­blem ist der Durch­blick: Je mehr The­men um ei­nen Ge­gen­stand krei­sen, des­to schwie­ri­ger ist es zu er­ken­nen, was das We­sent­li­che ist. Schü­lern fällt es schwe­rer, kom­ple­xe In­hal­te zu ver­ste­hen, wenn sie gleich­zei­tig mit Zu­satz­in­for­ma­tio­nen über­frach­tet wer­den. Ich ver­su­che im Un­ter­richt des­halb, nach fol­gen­der Faust­re­gel vor­zu­ge­hen: Je kom­ple­xer ein Thema ist, um so wert­vol­ler ist der fä­cher­ver­bin­den­de An­satz. Und schon wird schein­bar un­nüt­ze über­frach­ten­de Zu­satz­in­for­ma­ti­on ver­dammt wert­voll. Ver­net­zen lohnt sich eben doch!

Lutz To­ma­la un­ter­rich­tet am Wim-wen­ders-gym­na­si­um. F: ABR

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.