Al­te Glo­cke mit neu­er Funk­ti­on

Aus der his­to­ri­schen Glo­cke wur­de ein Frie­dens­denk­mal auf dem Ge­län­de der Gus­tav-adolf-kir­che.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STADTTEILE NORD / OST - VON STEFANIE TH­RUN

GERRESHEIM Wäh­rend bei­der Welt­krie­ge war es üb­lich, Kir­chen­glo­cken zu be­schlag­nah­men, um die­se ein­zu­schmel­zen und schließ­lich zu Waf­fen um­zu­wan­deln. Nicht nur für Gläu­bi­ge ist das ei­ne er­schre­cken­de Vor­stel­lung, ha­ben die­se Glo­cken doch zu­vor jahr­zehn­te­lang zum Got­tes­dienst ge­ru­fen. Nicht an­ders er­ging es den drei Bron­zeg­lo­cken aus dem Kirch­turm der Gus­tav-adolf-kir­che an der Hey­e­stra­ße in Gerresheim.

1917 wur­den die Glo­cken be­schlag­nahmt und im Fol­gen­den auf gro­tes­ke Wei­se zweck­ent­frem­det. In­mit­ten der Nach­kriegs­zeit sam­mel­ten Men­schen in Gerresheim jah­re­lang Geld­spen­den und so­gar Alt­me­tall, um 1924 end­lich neue Glo­cken wei­hen zu kön­nen. Zwar konn­te man sich „nur“Stahl­glo­cken für ei­nen Preis von 5570 Gold­mark leis­ten, doch war man da­mals ein­fach froh, wie­der Glo­cken im Kirch­turm klin­gen zu hö­ren.

Über Jahr­zehn­te hin­weg leis­te­ten die­se schließ­lich ih­ren Di­enst, bis sie 2010 durch die vier Bron­zeg­lo­cken der nie­der­ge­leg­ten Apos­tel­kir­che er­setzt wur­den. Die drei Stahl­glo­cken der Kir­che wur­den so nicht mehr be­nö­tigt. Zwei der Glo­cken wur­den ver­kauft, ei­ne je­doch, die kleins­te der drei, mit der Auf­schrift „Uns zur Se­lig­keit“hat das Kir­chen­ge­län­de nie ver­las­sen. Die Glo­cke, die ei­ne ge­fühl­te Ewig­keit für den Ton fis zu­stän­dig war, lan­de­te nach den Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten des be­nach­bar­ten Kin­der­gar­tens auf des­sen Ge­län­de und war dort acht Jah­re lang der Wit­te­rung aus­ge­setzt.

Acht Jah­re lang freu­te man sich über den schö­nen Klang der vier Bron­zeg­lo­cken. „Bron­ze klingt ein­fach an­de­res als Stahl“, sagt Pfar­rer Olaf St­ei­ner. Stahl ha­be oft­mals ein ge­wis­ses Schep­pern an sich, wäh­rend Bron­ze ein­fach run­der klingt und vor al­lem auch län­ger nach­klingt, er­klärt St­ei­ner. Trotz al­ler Freu­de ge­riet die al­te Glo­cke auf dem Kir­chen­ge­län­de nicht in Ver­ges­sen­heit, denn bei ei­ner And­acht im Sep­tem­ber 2018 kam schließ­lich der Wunsch auf, die Glo­cke ei­nem neu­en Sinn zu­zu­füh­ren und man ent­schied sich da­zu, sie pro­mi­nent auf dem Kir­chen­platz am Pil­le­bach zu po­si­tio­nie­ren.

Die evan­ge­li­sche Stif­tung „Gerresheim Ge­mein­sam“er­klär­te sich im Ver­lauf der Pla­nung be­reit, das Pro­jekt fi­nan­zi­ell zu tra­gen, und fünf en­ga­gier­te Ge­mein­de­glie­der bau­ten ei­gen­hän­dig ein Fun­da­ment für die 1100 Ki­lo­gramm schwe­re Glo­cke, po­lier­ten sie, und die St­ein­metz­fir­ma Pe­ter Grau­el ver­setz­te die­se mit ih­rem Kran an den neu­en Platz ne­ben der Gus­tav-adolf-kir­che.

Ge­nau ein Jahr spä­ter, pünkt­lich zum in­ter­na­tio­na­len Frie­dens­tag, ist Gerresheim nun um ein kul­tur­his­to­ri­sches Denk­mal rei­cher: Ei­ne Glo­cke aus der Zeit zwi­schen den Welt­krie­gen, die da­ran er­in­nern soll, dass Frie­den nie­mals selbst­ver­ständ­lich ist, son­dern im­mer Men­schen be­nö­tigt, die sich ak­tiv da­für ein­set­zen, in der gro­ßen Po­li­tik und im All­tags­le­ben vor Ort.

RP-FO­TO: BAU­ER

Die al­te Glo­cke am neu­en Platz (v.l.): Hans Ulrich Krug, Chris­ti­ne Rach­ner, Ulrich Bie­der­mann, Bar­ba­ra Schulz, Olaf St­ei­ner und Bernd Schul­ze.

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