NRW streicht Goe­the aus Abitur

„Faust I“ge­hört von 2021 an nicht mehr zur Pflicht­lek­tü­re für Abitu­ri­en­ten. NRW schließt sich da­mit an­de­ren Bun­des­län­dern an. Leh­rer­prä­si­dent Mei­din­ger for­dert ein Um­den­ken.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - VORDERSEIT­E - VON KIRS­TEN BIALDIGA

DÜS­SEL­DORF Für Abitu­ri­en­ten in Nord­rhein-west­fa­len zählt Goe­thes „Faust“künf­tig nicht mehr zur Pflicht­lek­tü­re. Von 2021 an fal­le das Werk für min­des­tens drei bis vier Jah­re aus dem ver­bind­li­chen Prü­fungs­ka­non für das Fach Deutsch, be­stä­tig­te das Nrw-schul­mi­nis­te­ri­um ent­spre­chen­de In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on. An die Stel­le des „Faust“soll Les­sings „Na­than der Wei­se“tre­ten, wie es in den neu­en Abitur­vor­ga­ben heißt.

„Um über die Jah­re hin­weg die gan­ze Brei­te der Fä­cher im Abitur be­rück­sich­ti­gen zu kön­nen, wech­seln die Fo­kus­sie­run­gen in al­len Fä­chern re­gel­mä­ßig – in et­wa im Ab­stand von drei bis vier Jah­ren“, teil­te das Schul­mi­nis­te­ri­um hier­zu mit. Für das Abitur 2021 ste­he nun wie­der ein tur­nus­ge­mä­ßer Wech­sel an.

NRW ist nicht das ein­zi­ge Bun­des­land, das Goe­thes „Faust“ge­stri­chen hat, und dies auch nicht zum ers­ten Mal. Nach An­ga­ben des Deut­schen Leh­rer­ver­ban­des ist der Klas­si­ker ein­zig in Bay­ern noch ver­bind­li­cher Prü­fungs­stoff. Über die Abitur­vor­ga­ben ent­schei­den Kom­mis­sio­nen, die sich meist aus Ver­tre­tern der Schul­mi­nis­te­ri­en, aus Wis­sen­schaft­lern und Leh­rern zu­sam­men­set­zen. In NRW liegt die­se Ver­ant­wor­tung bei Qua­lis, ei­nem Lan­des­in­sti­tut, das im Auf­trag des Schul­mi­nis­te­ri­ums ar­bei­tet.

Die neue Re­ge­lung stößt auf har­sche Kri­tik. „Ich bin fas­sungs­los. Schu­le hat auch die Auf­ga­be, kul­tu­rel­le Iden­ti­tät zu ver­mit­teln, da ge­hört ein Werk wie Goe­thes ‚Faust‘ un­be­dingt da­zu“, sag­te Hans-pe­ter Mei­din­ger, Prä­si­dent des Deut­schen Leh­rer­ver­ban­des, un­se­rer Re­dak­ti­on. Dies müs­se auch bun­des­weit Kon­sens sein. Goe­the sei ein Hu­ma­nist und Uni­ver­sal­ge­nie; er müs­se je­dem Abitu­ri­en­ten na­he ge­bracht wer­den. Die im „Faust“be­han­del­ten Fra­gen sei­en zeit­los und stell­ten sich im Le­ben ei­nes je­den Men­schen. „Sie kön­nen jun­ge Men­schen da­zu an­re­gen, sich mit The­men zu be­schäf­ti­gen, die je­den an­ge­hen“, so Mei­din­ger.

Auch bei Päd­ago­gen, die im Aus­land Deutsch un­ter­rich­ten, stößt die Ent­schei­dung auf Un­ver­ständ­nis: „Vie­le Stu­die­ren­de hier ler­nen ei­gens Deutsch, um Goe­thes Klas­si­ker in der Ori­gi­nal­spra­che le­sen zu kön­nen“, sag­te Dör­the Uphoff, Chef­re­dak­teu­rin der Fach­zeit­schrift „Pan­da­e­mo­ni­um Ger­ma­ni­cum“der Uni­ver­si­tät São Pau­lo in Bra­si­li­en.

Mai­ke Fin­nern, Lan­des­che­fin der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW), hält den „Faust“zwar für ein „weg­wei­sen­des Werk“, aber den­noch für ver­zicht­bar im Abitur: „Es gibt ja auch vie­le an­de­re gu­te li­te­ra­ri­sche Wer­ke; da ist es in Ord­nung, wenn die The­men von Zeit zu Zeit wech­seln.“

Das Nrw-schul­mi­nis­te­ri­um weist dar­auf hin, dass es den Schu­len jen­seits der Pflicht­lek­tü­re frei­ste­he, Wer­ke von Goe­the im Un­ter­richt der Ober­stu­fe oder in den un­te­ren Klas­sen zu be­han­deln: „Die Abitur­vor­ga­ben le­gen le­dig­lich fest, wel­ches Werk zur Abitur­vor­be­rei­tung auf je­den Fall zu be­ar­bei­ten ist, da­mit lan­des­ein­heit­li­che Abitur­auf­ga­ben ge­stellt wer­den kön­nen.“

Wie aus in­for­mier­ten Krei­sen ver­lau­tet, ist ei­ne zu­sätz­li­che Lek­tü­re je­doch an­ge­sichts des en­gen Zeit­rah­mens vor dem Abitur die ab­so­lu­te Aus­nah­me. Im Schul­mi­nis­te­ri­um heißt es da­zu le­dig­lich: „Grund­sätz­lich ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Goe­the sei­nen fes­ten Platz im Deutsch­un­ter­richt der gym­na­sia­len Bil­dungs­gän­ge hat.“Die Lehr­plä­ne auch für die un­te­ren Klas­sen mach­ten aber be­reits seit Jahr­zehn­ten kei­ne ver­bind­li­chen Au­to­renoder Werk­vor­ga­ben mehr.

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