Ge­hört Goe­the in den Abi-ka­non?

PRO UND KONTRA „ Na­than der Wei­se“statt „ Faust“: Goe­thes Klas­si­ker fällt von 2021 an aus der Lis­te der ob­li­ga­to­ri­schen Wer­ke fürs Deutsch-abitur. Für die ei­nen ist das kul­tur­ver­ges­sen, für die an­de­ren halb so schlimm.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS -

Jo­hann Wolf­gang von Goe­thes „Faust“ist ein Werk sui ge­ne­ris. Ein un­ver­gleich­li­ches Stück Welt­li­te­ra­tur, wie es vi­el­leicht nur ein­mal in Jahr­hun­der­ten ge­schaf­fen wird. Es ist zugleich ein un­ver­brüch­li­cher Be­stand­teil der deut­schen Kul­tur: Wer über die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät der Deut­schen spricht und sie ver­ste­hen will, kommt am „Faust“kaum vor­bei.

Dass Deutsch­land als „Land der Dich­ter und Den­ker“gilt, ist ins­be­son­de­re auch Goe­the zu ver­dan­ken. Nicht um­sonst tra­gen die Goe­the-in­sti­tu­te, die auf der gan­zen Welt deut­sche Spra­che und Kul­tur ver­mit­teln sol­len, die­sen Na­men.

Al­lein vor die­sem Hin­ter­grund ist es bei­na­he un­denk­bar, dass aus­ge­rech­net der „Faust“aus dem Prü­fungs­ka­non für das Abitur ge­stri­chen wird. Üb­ri­gens: In Frank­reich kennt je­des Grund­schul­kind die Na­men der gro­ßen fran­zö­si­schen Ma­ler.

Hin­zu kommt: Bis heu­te be­ein­flusst die Spra­che die­ses Wer­kes das Den­ken und Füh­len der Deut­schen. Ob des „Pu­dels Kern“oder das be­rühm­te Zi­tat „Dass ich er­ken­ne, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält“– kaum ein Kind wird in Deutsch­land oh­ne Faust groß. Die Bril­lanz der Ver­se, die sich in vie­le Spra­chen nur un­zu­rei­chend über­tra­gen lässt, bringt Stu­die­ren­de an Uni­ver­si­tä­ten in al­ler Welt da­zu, Deutsch zu ler­nen. Nur um den „Faust“ein­mal im Ori­gi­nal le­sen zu kön­nen. Und aus­ge­rech­net deut­schen Schü­le­rin­nen und Schü­lern soll die­ses Werk vor­ent­hal­ten wer­den?

Die Spra­che mag sich vi­el­leicht 17bis 18-jäh­ri­gen Schü­lern zu­nächst nicht leicht er­schlie­ßen. Aber ge­nau hier ist Schu­le ge­for­dert. Wer als Schü­ler nicht den Zu­gang zu die­sem Klas­si­ker er­öff­net be­kommt, dem wird es im Er­wach­se­nen­al­ter nur sel­ten ge­lin­gen.

Gu­ten Leh­rern dürf­te das nicht schwer­fal­len. Es gibt ge­nug Mög­lich­kei­ten, die Kin­der auch für den „Faust“zu be­geis­tern. War­um bei­spiels­wei­se nicht auch mit dem Film „Fack ju Göh­te“? (Der Strei­fen ist üb­ri­gens ein wei­te­rer Be­leg da­für, wie ge­gen­wär­tig Goe­thes Werk ist.)

Wenn es die­sen Be­leg über­haupt braucht. Denn die Fi­gur des Dok­tor Faus­tus ist ein mo­der­ner Mensch. Ei­ner, der nie zu­frie­den ist, von al­lem im­mer mehr will: mehr Wis­sen, mehr Geld, mehr Sex. Er setzt sich über Ge­set­ze und mo­ra­li­sche Gren­zen hin­weg, er has­tet rast­los auf der Su­che nach dem nächs­ten Kick von ei­ner Ver­gnü­gung, ei­ner Sen­sa­ti­on, zur nächs­ten und denkt da­bei nur an sich. Ge­wis­sen­los zer­stört er an­de­re Men­schen, Glau­ben und Na­tur. Selbst das, was ihm einst wich­tig war. Ein Mensch, wie es auch heu­te man­che gibt.

Si­cher, es gibt ge­nug mo­der­ne Li­te­ra­tur, die sich mit es­sen­zi­el­len Fra­gen be­schäf­tigt. Für Goe­thes „Faust“gilt aber, was auf al­le Wer­ke zu­trifft, die zum Kul­tur­gut der Mensch­heit ge­wor­den sind wie et­wa die an­ti­ke My­tho­lo­gie oder auch die Bi­bel: Die mo­der­ne Li­te­ra­tur lässt sich oft nur dann wirk­lich ver­ste­hen, wenn der Le­ser die­se Schlüs­sel-wer­ke kennt. An­sons­ten lau­fen vie­le Be­zü­ge ins Lee­re.

Wer hat schon die Chuz­pe, ge­gen den Olym­pi­er aus Wei­mar sei­ne Stim­me zu er­he­ben! Si­cher, es gab mal ei­nen Ki­nofilm mit dem glei­cher­ma­ßen pro­vo­kan­ten wie ver­kauf­s­träch­ti­gen Ti­tel „Fack ju Göh­te“. Sechs Jah­re da­nach scheint das Land da­mit ernst zu ma­chen, in­dem „Göh­tes“Wer­ke nicht mehr zum Prü­fungs­ka­non ge­hö­ren sol­len. Al­so wer­den im­mer we­ni­ger Schü­ler den Ur­faust, Faust I oder II durch­aus mit hei­ßem Be­mü­hen stu­die­ren. Die Pro­tes­te der zu­letzt de­mons­tra­ti­ons­fro­hen Schü­ler­schaft wer­den sich arg in Gren­zen hal­ten, da vie­le mit dem Na­men Goe­the kaum et­was an­zu­fan­gen wis­sen. Na­tür­lich ist das kein Grund zur Ein­stel­lung al­ler päd­ago­gi­schen Be­mü­hun­gen; doch muss man auch nüch­tern se­hen, dass seit der Wei­ma­rer Klas­sik knapp 200 Jah­re ver­gan­gen sind.

Auch wenn klas­si­sche Li­te­ra­tur des­we­gen so ge­nannt wird, weil wir von ih­ren blei­ben­den, Epo­chen-über­grei­fen­den Wer­ten über­zeugt sind, so muss die ket­ze­ri­sche Fra­ge er­laubt sein, was wir an Li­te­ra­tur in den Schu­len im­mer noch mit­schlep­pen wol­len. Kann da­mit Le­se­för­de­rung bei ei­ner Ju­gend er­folg­reich be­trie­ben wer­den, die von di­gi­ta­len An­ge­bo­ten über­schüt­tet wird?

Vor ei­ni­ger Zeit wur­den Schü­ler be­fragt, wel­chen Lek­tü­re­tipps sie folg­ten. An ers­ter Stel­le stand der Freun­des­kreis; dann ka­men mit be­trächt­li­chem Ab­stand die El­tern, ab­ge­schla­gen am En­de stand die Schu­le. Das liegt nicht ein­mal an Goe­the. Das liegt vor al­lem an ver­ord­ne­ter Lek­tü­re, am Prü­fungs- und Bil­dungs­ka­non ei­ner In­sti­tu­ti­on, die ihr Re­per­toire sehr be­quem aus dem ab­ge­si­cher­ten Al­ten schöpft und sich nicht die Mü­he macht, nach neu­en, vi­el­leicht mo­der­nen, gar span­nen­den Qu­el­len zu su­chen. Ein solch mu­sea­les Li­te­ra­tur­ver­ständ­nis wi­der­spricht je­dem Aben­teu­er- und Ent­de­cker­geist, der Li­te­ra­tur in­ne­wohnt. Bü­cher sind im­mer An­ar­chie; auch des­halb wer­den sie bis heu­te von den De­s­po­ten die­ser Welt ge­fürch­tet, ver­bo­ten, ver­brannt.

Auf den wei­ter­füh­ren­den Schu­len wer­den Jun­gen und Mäd­chen nicht mehr zu gro­ßen Le­sern her­an­ge­zo­gen. Die­se So­zia­li­sa­ti­on ist näm­lich mit der Grund­schu­le ab­ge­schlos­sen, ge­nau­er ge­sagt: die Le­se­fä­hig­keit des Ge­hirns ist aus­ge­bil­det. Wer in jun­gen Jah­ren al­so nicht in­ten­siv an Bü­cher her­an­ge­führt wur­de, wird spä­ter sel­te­ner ei­nen Zu­gang zur Li­te­ra­tur fin­den. Das ist ei­ne Her­aus­for­de­rung, die Fan­ta­sie nö­tig macht und na­tür­lich auch den Mut, Neu­es, Zeit­ge­mä­ßes zu prä­sen­tie­ren. Goe­the hat mit den „Lei­den des jun­gen Wer­t­her“die Selbst­fin­dungs­nö­te sei­ner Ge­ne­ra­ti­on be­schrie­ben. Das The­ma hat nichts an Bri­sanz ver­lo­ren, aber es hat vi­el­leicht jün­ge­re Au­to­ren ge­fun­den, die leich­ter zu­gäng­lich sind wie Wolf­gang Herrn­dorf mit „Tschick“.

Goe­the ist mit dem Nrw-ent­scheid nicht tot. Vi­el­leicht kann er sich gar von sei­nem Da­sein als Lehr­plan-zom­bie er­ho­len. Wer viel liest, wird auch nach der Schul­zeit auf gro­ße Au­to­ren tref­fen. Et­wa auf Goe­the.

FO­TO: KREBS

Kirs­ten Bialdiga ist Chef­kor­re­spon­den­tin Lan­des­po­li­tik.

FO­TO: KREBS

Lothar Schrö­der ist Res­sort­lei­ter Kul­tur.

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