Das letz­te Wort

Bo­ris John­son setzt – zu­min­dest rhe­to­risch – beim Br­ex­it al­les auf ei­ne Kar­te: Sein Deal oder kein Deal. Beim Par­tei­tag der Kon­ser­va­ti­ven reißt sei­ne Re­de die Mas­sen mit.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - VON JO­CHEN WITTMANN

MAN­CHES­TER Frü­her tauch­te er auf Par­tei­ta­gen auf, um an­de­ren die Schau zu steh­len. Jetzt ist Bo­ris John­son selbst die Haupt­num­mer, der He­ad­liner, der un­um­strit­te­ne Pu­bli­kums­lieb­ling. Die Jah­res­kon­fe­renz der bri­ti­schen Kon­ser­va­ti­ven in Man­ches­ter wur­de zu ei­nem ein­zi­gen Ju­bel­fest für den neu­en Vor­sit­zen­den. Das ist kein Wun­der, wur­de er doch im Ju­li in ei­ner Ur­wahl von der Ba­sis mit gro­ßem Vor­sprung ge­wählt. Tee­be­cher mit John­sons Kon­ter­fei und der Auf­schrift „Un­ter­stützt Bo­ris“wa­ren in Man­ches­ter schnell aus­ver­kauft. De­le­gier­te im Ren­ten­al­ter be­ka­men glän­zen­de Au­gen und ge­rie­ten in Ver­zü­ckung, wenn der Blond­schopf in der Nä­he war. Sei­ne par­tei­in­ter­nen Kri­ti­ker zo­gen es da­ge­gen vor, gar nicht erst in Man­ches­ter zu er­schei­nen. John­sons Ab­schluss­re­de am Mitt­woch peitsch­te die Par­tei­ge­nos­sen noch ein­mal rich­tig auf.

„Lasst uns den Br­ex­it schaf­fen!“, rief er ein ums an­de­re Mal, und die Hal­le brach je­des Mal in Ap­plaus aus. Nichts ist jetzt wich­ti­ger als der Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on, das The­ma do­mi­nier­te al­les an­de­re, selbst die drän­gends­ten Sachthe­men. John­son be­kräf­tig­te sei­ne Ent­schlos­sen­heit, die Uni­on am 31. Ok­to­ber zu ver­las­sen, „kom­me, was wol­le!“Er wer­de der EU „kon­struk­ti­ve und ver­nünf­ti­ge Vor­schlä­ge“ma­chen, kün­dig­te John­son an.

Groß­bri­tan­ni­en ha­be da­bei Kom­pro­mis­se ge­macht und er­war­te, dass auch die EU kom­pro­miss­be­reit sei. Doch soll­te es zu kei­ner Ver­ein­ba­rung kom­men, droh­te John­son mit dem har­ten Br­ex­it: „Dann lasst uns kei­nen Zwei­fel dar­an ha­ben, dass die Al­ter­na­ti­ve ein ,No Deal’ ist.“Auch da hat­te John­son die Men­schen im Saal hin­ter sich. Nicht we­ni­ge der Br­ex­it-hard­li­ner un­ter den Kon­ser­va­ti­ven wün­schen sich so­gar den schar­fen Schnitt, den un­ge­re­gel­ten Aus­tritt aus der EU.

Zu­vor wa­ren De­tails be­kannt ge­wor­den, wie sich Lon­don ei­nen neu­en Aus­tritts­ver­trag vor­stellt; John­son hat das am Mitt­woch auch in ei­nem Brief an die EU dar­ge­legt. Der Knack­punkt ist der so­ge­nann­te Back­stop, der voll­stän­dig ent­fal­len soll. Der Back­stop stellt ei­ne Ver­si­che­rung dar: Soll­te es zu kei­ner an­der­wei­ti­gen Re­ge­lung kom­men, wür­de Groß­bri­tan­ni­en in der Zoll­uni­on mit der EU ver­blei­ben, da­mit Kon­trol­len zwi­schen Nord­ir­land und Ir­land ver­mie­den wer­den kön­nen. John­son möch­te den Back­stop durch ein kom­pli­zier­tes Ar­ran­ge­ment er­set­zen. Da­bei bleibt Nord­ir­land vor­erst im Bin­nen­markt, ver­lässt aber die Zoll­uni­on.

Das wird Kon­trol­len in zwei­er­lei Hin­sicht not­wen­dig ma­chen: Zum ei­nen re­gu­la­to­ri­sche Checks in bri­ti­schen Hä­fen, da­mit kei­ne Le­bens­mit­tel und Agrar­pro­duk­te nach Nord­ir­land ge­lan­gen, die nicht den Bin­nen­markt-stan­dards ge­nü­gen. Zum an­de­ren muss es für den Wa­ren­ver­kehr zwi­schen Nord­ir­land und Ir­land Kon­trol­len ge­ben, die aber laut John­son nicht an oder na­he der Gren­ze statt­fin­den sol­len. Die Sa­che wird noch kom­pli­zier­ter, weil das Ar­ran­ge­ment vor­sieht, dass Nord­ir­lands Mit­glied­schaft im Bin­nen­markt bis 2025 dau­ern soll. Da­nach kann die Re­gio­nal­re­gie­rung ent­schei­den, ob sich Nord­ir­land wei­ter an der EU ori­en­tie­ren oder bri­ti­schen Re­gu­la­ri­en fol­gen will.

Ein Re­gie­rungs­spre­cher hat­te die Vor­schlä­ge als „fi­na­les An­ge­bot“be­zeich­net, das ent­we­der an­ge­nom­men oder ab­ge­lehnt, aber nicht wei­ter ver­han­delt wer­den kann. In sei­ner Re­de ließ John­son kei­nen Zwei­fel an sei­ner Ent­schlos­sen­heit, not­falls auch ei­nen har­ten Br­ex­it an­zu­steu­ern. „Die Re­gie­rung ist dar­auf vor­be­rei­tet“, sag­te er.

Ers­te Re­ak­tio­nen aus Du­blin wa­ren nicht er­mu­ti­gend. „Die Men­schen hier“, sag­te der iri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Leo Va­ra­dkar, „wol­len kei­ne Zoll­gren­ze, und kei­ne bri­ti­sche Re­gie­rung soll­te ver­su­chen, Zoll­pos­ten ge­gen den Wil­len der Men­schen auf der iri­schen In­sel ein­zu­füh­ren.“Die bri­ti­schen Vor­schlä­ge wer­den in Brüs­sel von ei­ni­gen Be­ob­ach­tern als Ka­mi­ka­ze-tak­tik ge­se­hen: John­son wol­le ei­ne Ei­ni­gung un­mög­lich ma­chen, um ei­nen No-deal-br­ex­it zu er­rei­chen. In die­se Ker­be hieb auch La­bour. De­ren fi­nanz­po­li­ti­scher Spre­cher John Mcdon­nell sag­te, John­sons Vor­schlä­ge sei­en „we­der glaub­wür­dig, noch trag­fä­hig. Sie sind ein zy­ni­scher Ver­such, ei­nen No-deal-br­ex­it durch­zu­pau­ken.“

Vi­el­leicht ist Bo­ris John­sons Ul­ti­ma­tum, hof­fen Op­ti­mis­ten, doch nur ein Er­öff­nungs­bluff. Vi­el­leicht wird er sich ver­hand­lungs­be­reit zei­gen. Im­mer­hin ist auch für John­son die bes­te Lö­sung ein neu­es Aus­tritts­ab­kom­men und der Voll­zug des Br­ex­it am 31. Ok­to­ber. Denn da­mit könn­te er in den kom­men­den Wahl­kampf zie­hen; die Wahl da­nach dürf­te er klar ge­win­nen. Doch John­sons Rhe­to­rik weist eher dar­auf hin, dass er al­les auf ei­ne Kar­te setzt. Nach dem Mot­to: Die EU braucht ei­nen Deal drin­gen­der als er selbst und wird zu­erst ein­len­ken.

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