War­um die Ge­gen­wart Par­tei­en über­for­dert

GASTBEITRA­G Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie ge­hört zu den Er­folgs­ge­schich­ten des 20. Jahr­hun­derts in Eu­ro­pa. Doch an­ge­sichts des Welt­wan­dels wir­ken Par­tei­en hilf los. Denn ihr Ver­spre­chen, das Ge­sche­hen po­li­tisch zu kon­trol­lie­ren, er­scheint kaum noch ein­lös­bar.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KULTUR - VON SA­SCHA LOBO

Im Sep­tem­ber 2019 wird be­kannt, dass im hes­si­schen Al­ten­stadt ein 33-jäh­ri­ger Neo­na­zi zum Orts­vor­ste­her be­stimmt wur­de. Der Mann ist lang­jäh­ri­ges Mit­glied der rechts­ex­tre­men NPD und wur­de mehr­fach na­ment­lich im Ex­tre­mis­mus­be­richt des hes­si­schen Ver­fas­sungs­schut­zes er­wähnt. Trotz­dem wird er vom Orts­bei­rat ein­stim­mig ge­wählt – mit den Stim­men von CDU, SPD und FDP. Dem bun­des­wei­ten Auf­schrei folgt ei­ne Er­klä­rung der Ver­ant­wort­li­chen, die das kaum für mög­lich Ge­hal­te­ne schafft. Sie macht al­les noch et­was schlim­mer: „Da wir kei­nen an­de­ren ha­ben – vor al­lem kei­nen Jün­ge­ren, der sich mit Com­pu­tern aus­kennt, der Mails ver­schi­cken kann.“Die bür­ger­li­chen Par­tei­en er­schei­nen – an­ge­fan­gen bei den

„Das er­folg­rei­che Sys­tem Par­tei­en­de­mo­kra­tie hat sich (bei­na­he) ka­putt­ge­siegt“

höchs­ten Äm­tern bis in die lo­ka­len Nie­de­run­gen hin­ein – von der Ge­gen­wart über­for­dert.

Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie in ih­rer heu­ti­gen, li­be­ra­len Form ge­hört zu den größ­ten Er­folgs­ge­schich­ten des 20. Jahr­hun­derts. In Mit­tel- und We­st­eu­ro­pa, Tei­len des Com­mon­wealth und den USA ga­ran­tier­te sie Sta­bi­li­tät, Rechts­staat und Wachs­tum. Man sag­te „De­mo­kra­tie“und mein­te das Han­deln von Par­tei­en. Die­se wa­ren so er­folg­reich, weil sie sich in den Staa­ten des Wes­tens gut auf die da­ma­li­gen Pro­blem­la­gen ein­stel­len konn­ten. Im In­ter­view mit der „Zeit“sagt der ehe­ma­li­ge ita­lie­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi En­de Sep­tem­ber 2019: „Ich glau­be, die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en sind tot. Oder zu­min­dest schwer krank. Das gilt mehr oder we­ni­ger für ganz Eu­ro­pa.“

Der Rea­li­täts­schock der Par­tei­en be­steht im Kern aus ih­rer Hilf­lo­sig­keit im An­ge­sicht des Welt­wan­dels. Das Ge­fühl, vor al­lem die gro­ßen Par­tei­en sei­en hilf­los, wird links wie rechts, von Pro­gres­si­ven wie von Kon­ser­va­ti­ven ge­teilt. Selbst Sym­pa­thi­san­ten dia­gnos­ti­zie­ren ei­ne Starr­heit, in Zei­ten des ex­plo­si­ven Wan­dels vi­el­leicht die schlech­tes­te Vor­aus­set­zung für po­li­ti­sche Er­fol­ge. Die ge­sun­de Skep­sis ge­gen­über den Mäch­ti­gen ist ei­nem Zwei­fel ge­wi­chen, ob die klas­si­schen Par­tei­en über­haupt noch in der La­ge sind, ih­re Auf­ga­ben wahr­zu­neh­men. Die­sen Zwei­fel spü­ren auch über­zeug­te De­mo­kra­ten. Die po­li­ti­sche Un­zu­frie­den­heit re­sul­tiert un­ter an­de­rem dar­aus, dass das Ver­spre­chen po­li­ti­scher Kon­trol­le über das Ge­sche­hen im­mer we­ni­ger ein­lös­bar er­scheint. Die Es­senz ei­ner de­mo­kra­ti­schen Wahl ist die Über­tra­gung von Gestal­tungs­macht an ei­ne Par­tei, das im­pli­zi­te Ver­spre­chen, die Din­ge im Griff zu ha­ben. Aber Di­gi­ta­li­sie­rung, Glo­ba­li­sie­rung und un­ge­zü­gel­ter Ka­pi­ta­lis­mus ha­ben den Par­tei­en spür­bar Macht und Mög­lich­kei­ten ent­zo­gen.

Die ei­ner­seits tat­säch­lich vor­han­de­ne und an­de­rer­seits me­di­al über­trie­be­ne Schwä­che der Par­tei­en ist zur Esta­blish­ment­mü­dig­keit ge­ron­nen. Kein Zu­fall, dass mit Do­nald Trump ein Kan­di­dat zum US-PRÄ­si­den­ten ge­wählt wur­de, der zugleich ge­gen die De­mo­kra­ten und das Esta­blish­ment der Re­pu­bli­ka­ner an­trat. Wer je ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger über „Wa­shing­ton“hat schimp­fen hö­ren, konn­te die Ba­sis des Rea­li­täts­schocks der Par­tei­en er­le­ben – die Ge­ring­schät­zung des Esta­blish­ments. Die­ser Nähr­bo­den des Po­pu­lis­mus ist ei­ne mas­si­ve Ge­fahr für die li­be­ra­le De­mo­kra­tie.

Wer über­zeugt ist, dass li­be­ra­le De­mo­kra­tie oh­ne­hin nur ein schlech­tes Schau­spiel ist, wählt be­den­ken­los die un­ter­halt­sams­te Op­ti­on. Das gilt kei­nes­falls nur für rechts, Sa­ti­re­po­li­ti­ker er­fül­len für Lin­ke ei­ne ver­gleich­ba­re Funk­ti­on, in­dem sie als wähl­ba­res Sym­bol der Ge­ring­schät­zung der Po­li­tik in der li­be­ra­len De­mo­kra­tie fun­gie­ren. Die Wahl von Do­nald Trump und Bo­ris John­son ist eben­so wie die Wahl von Mar­tin Son­ne­born und sei­ner „Par­tei“ein Aus­weis der pri­vi­le­gi­en­blin­den Pri­vi­le­giert­heit ih­rer Wäh­ler. Man muss es sich leis­ten kön­nen, die ei­ge­ne Stim­me der Show zu op­fern. Trump und John­son ha­ben sich zwar als De­mo­kra­tie­ver­äch­ter er­wie­sen, aber sie sind Ga­ran­ten des Spek­ta­kels, weil sie sich auf un­ter­halt­sa­me Wei­se nicht um Fak­ten sche­ren. Sie pro­du­zie­ren im­mer neue Auf­re­ger, die kaum noch mit klas­si­schen Maß­stä­ben der Par­tei­po­li­tik ge­mes­sen wer­den kön­nen und sich durch Ab­sur­di­tät je­der Dis­ku­tier­bar­keit ent­zie­hen. Auf Trumps Vor­schlä­ge, Grön­land zu kau­fen oder Atom­bom­ben auf Wir­bel­stür­me zu wer­fen, lässt sich nicht mehr sinn­voll re­agie­ren. Par­tei­en die­nen in der po­li­ti­schen De­bat­te auch als Mä­ßi­gungs­in­stru­ment, bei der Bin­nen­plu­ra­lis­mus ei­ne zu ex­tre­me Po­li­tik ver­hin­dern soll. Aber sol­che Par­tei­funk­tio­nen sto­ßen durch der­ar­ti­gen Aber­witz an ih­re Gren­zen, und das ist Ab­sicht. So wer­den an­de­re, miss­lie­bi­ge Dis­kus­sio­nen aus der öf­fent­li­chen Auf­merk­sam­keit ge­drängt, weil die gro­ßen, re­dak­tio­nel­len Me­di­en sich re­gel­recht ha­cken las­sen, denn sie sind nicht in der La­ge, sol­che Nach­rich­ten aus­zu­blen­den. Und gleich­zei­tig wir­ken die vie­len Lü­gen der De­mo­kra­tie­ver­äch­ter nur noch wie Bei­werk zum Feu­er­werk der spek­ta­ku­lä­ren Wor­te. In sei­ner Brand­schrift „Ge­sell­schaft des Spek­ta­kels“schreibt Guy De­bord pas­sen­der­wei­se schon 1967: „Das gan­ze Le­ben der Ge­sell­schaf­ten er­scheint als ei­ne un­ge

heu­re Samm­lung von Spek­ta­keln. Die Lü­ge, die nicht mehr wi­der­legt wird, wird zum Wahn­sinn.“

In ge­wis­ser Wei­se hat sich das er­folg­rei­che Sys­tem Par­tei­en­de­mo­kra­tie (bei­na­he) ka­putt­ge­siegt. Es kann an­ge­sichts der im­mer drin­gen­de­ren Her­aus­for­de­run­gen durch den im­mer schnel­le­ren Wan­del der Welt nicht mehr in ge­wohn­ter Wei­se den Ein­druck ver­mit­teln, das po­li­ti­sche Ge­sche­hen un­ter Kon­trol­le zu ha­ben. Der jahr­zehn­te­lan­ge Wett­streit der Par­tei­en lässt sich ver­dich­ten auf die Be­haup­tung: Wir kön­nen gut re­gie­ren, un­se­re Geg­ner kön­nen es nicht. Im­pli­zit wur­de da­mit trans­por­tiert, dass die Kon­trol­lier­bar­keit des Ge­sche­hens al­lein an den Fä­hig­kei­ten der je­wei­li­gen Par­tei lie­ge. Die­se Il­lu­si­on lässt sich in­zwi­schen höchs­tens bis zum nächs­ten Rea­li­täts­schock auf­recht­er­hal­ten.

FO­TO: BRIT­TA PE­DER­SEN/DPA

Sa­scha Lobo auf der In­ter­net­kon­fe­renz re:pu­bli­ca über die di­gi­ta­le Ge­sell­schaft.

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