Nie­der­lan­de strei­ten übers Gol­de­ne Zeit­al­ter

Das Ams­ter­dam Mu­se­um will die Blü­te­zeit im 17. Jahr­hun­dert nicht mehr beim Na­men nen­nen. Un­sinn, fin­det der Pre­mier.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KULTUR - VON PHIL­IPP JA­COBS

AMS­TER­DAM Mark Rut­te ver­zieht schon das Ge­sicht, be­vor der Re­por­ter sei­ne Fra­ge zu En­de ge­stellt hat. Ob der Mi­nis­ter­prä­si­dent die Be­zeich­nung „Gol­de­nes Zeit­al­ter“wei­ter­hin ver­wen­den wer­de, will der Jour­na­list wis­sen. „Ja na­tür­lich, was für ein Un­sinn ist das?“, fragt Rut­te em­pört in Rich­tung der Ka­me­ra, die auf ihn ge­rich­tet ist. Er wer­de den Be­griff selbst­ver­ständ­lich wei­ter ver­wen­den, so wie bis­her auch.

Rut­te ist His­to­ri­ker. Und die Ent­schei­dung, die das Ams­ter­dam Mu­se­um jüngst kund­ge­tan hat, wi­der­spricht dem Pre­mier wohl so ein­deu­tig, dass der sei­ne Fas­sungs­lo­sig­keit nicht ver­ber­gen kann. Das Ams­ter­dam Mu­se­um hat sich da­zu ent­schie­den, beim Ver­such, „po­ly­phon und in­te­gra­tiv“zu sein, die ge­mein­sa­me Be­schrei­bung des Jahr­hun­derts, in dem die Nie­der­lan­de die Welt­büh­ne be­stie­gen, aus ih­ren Aus­stel­lun­gen zu ver­ban­nen. Künf­ti­ge Ver­öf­fent­li­chun­gen wür­den eben­falls oh­ne den Be­griff aus­kom­men müs­sen.

Tom van der Mo­len, Ku­ra­tor des 17. Jahr­hun­derts am Mu­se­um, sag­te: „Das Gol­de­ne Zeit­al­ter nimmt ei­nen wich­ti­gen Platz in der west­li­chen Ge­schichts­schrei­bung ein, der stark mit dem Na­tio­nal­stolz ver­bun­den ist. Doch der Be­griff igno­riert die vie­len ne­ga­ti­ven Sei­ten des 17. Jahr­hun­derts wie Ar­mut, Krieg, Zwangs­ar­beit und Men­schen­han­del.“Für Mi­nis­ter­prä­si­dent Rut­te ist das nicht nach­voll­zieh­bar. Das „Gol­de­ne Zeit­al­ter“sei ein wun­der­vol­ler Be­griff, was je­doch nicht be­deu­te, dass man nicht auch über die schlim­men Sei­ten die­ser Ge­schicht­s­epo­che spre­chen kön­ne. „Aber wir müs­sen nicht sa­gen: ,Wir ha­ben all die Jah­re den fal­schen Be­griff be­nutzt‘.“Mi­chel Rog, Spre­cher der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei CDA, sag­te: „Die­se Na­mens­än­de­rung ist ei­ne hy­per­kor­rek­te Vor­stel­lung der Ams­ter­da­mer Eli­te und ei­gent­lich zu lä­cher­lich, um dar­auf zu re­agie­ren.“

Der­lei Dis­kus­sio­nen sind in den Nie­der­lan­den nicht neu. Im­mer wie­der lie­fert die Ge­schich­te des Lan­des den Zünd­stoff für Strei­te­rei­en. So soll­ten ver­gan­ge­nes Jahr auch man­che Na­men his­to­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten, die am Skla­ven­han­del be­tei­ligt wa­ren oder da­mals Kriegs­ver­bre­chen be­gin­gen, von den Stra­ßen­schil­dern ver­schwin­den. Eben­so stan­den die Sta­tu­en ei­ni­ger See­hel­den in­fra­ge. In die­se Ka­te­go­rie fällt auch die jähr­lich auf­flam­men­de De­bat­te über den „Zwar­te Piet“, das nie­der­län­di­sche Pen­dant zum deut­schen Knecht Ru­precht. Der Hel­fer des Ni­ko­laus wird in den Nie­der­lan­den tra­di­tio­nell dun­kel­häu­tig und mit ori­en­ta­li­scher Ab­stam­mung dar­ge­stellt. Seit 2013 meh­ren sich des­halb Ras­sis­mus-vor­wür­fe.

Dass sich ein Mi­nis­ter­prä­si­dent so deut­lich po­si­tio­niert, wie es nun ge­sche­hen ist, ist al­ler­dings un­ge­wöhn­lich. Rut­te for­der­te die Men­schen auch da­zu auf, stolz auf das ge­mein­sa­me Gol­de­ne Zeit­al­ter zu sein. „Das ist ge­nau das, was wir nicht wol­len“, sag­te Ima­ra Li­mon, Kon­ser­va­to­rin am Ams­ter­dam Mu­se­um, der Zeitung „Het Pa­rool“: „Men­schen zu sa­gen, was sie über Ge­schich­te den­ken soll­ten und wie sie dar­über den­ken soll­ten.“Es ge­he nicht dar­um, ei­nen Be­griff zu ver­schrot­ten, son­dern das Phä­no­men des Gol­de­nen Zeit­al­ters zu ei­nem Dis­kus­si­ons­the­ma zu ma­chen. „Wir müs­sen ei­nen ge­nau­en und kri­ti­schen Blick dar­auf wer­fen, war­um das Gol­de­ne Zeit­al­ter als ,gol­den‘ be­zeich­net wird, und Platz für an­de­re Ge­schich­ten über die­ses Zeit­al­ter schaf­fen“, sag­te Li­mon, selbst Toch­ter von Ein­wan­de­rern aus Su­ri­na­me.

FO­TO: DPA

Wäh­rend des Gol­de­nen Zeit­al­ters stie­gen die Nie­der­lan­de zur Han­dels­macht auf. Das Bild stammt von dem Ma­ler Abra­ham Storck (1644 – 1708).

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