For­scher for­dern Neu­ver­schul­dung

Die füh­ren­den Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te ra­ten der Bun­des­re­gie­rung zur Rück­kehr in die Neu­ver­schul­dung, um die schwa­che Kon­junk­tur zu stüt­zen. Die In­dus­trie sei be­reits in ei­ner Re­zes­si­on.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - VON BIR­GIT MARSCHALL

BER­LIN Die füh­ren­den Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te üben an­läss­lich ih­rer jüngs­ten Kon­junk­tur­pro­gno­se er­heb­li­che Kri­tik an der Wirt­schafts­und Fi­nanz­po­li­tik der schwarz-ro­ten Bun­des­re­gie­rung. Die Ko­ali­ti­on sol­le dem Ab­schwung nicht hin­ter­her spa­ren und da­her das Ziel der „schwar­zen Null“im Bun­des­haus­halt auf­ge­ben. „Ein Fest­hal­ten an der schwar­zen Null wä­re grund­falsch“, sag­te der Kon­junk­tur­chef des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Claus Mi­chel­sen. Die Re­gie­rung sol­le lie­ber den Spiel­raum für neue Schul­den und mehr In­ves­ti­tio­nen nut­zen, den die Schul­den­brem­se zu­lässt. Auch beim Kli­ma­schutz sol­le sie mu­ti­ger sein.

Die In­sti­tu­te se­hen Deutsch­land in ei­nem Ab­schwung, aber noch nicht in der Re­zes­si­on. Das Land wer­de knapp dar­an vor­bei kom­men, weil die wei­ter­hin star­ke pri­va­te Kon­sum­nach­fra­ge die Kon­junk­tur stützt. Für das lau­fen­de Jahr sa­gen die Öko­no­men nur noch ein Wirt­schafts­wachs­tum von 0,5 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr vor­aus, für das kom­men­de Jahr 1,1 Pro­zent. Das sind 0,3 und 0,7 Pro­zent­punk­te we­ni­ger als bis­her vor­aus­ge­sagt.

Die Ur­sa­chen des Ab­schwungs lie­gen im Aus­land. Die von US-PRÄ­si­dent Do­nald Trump an­ge­zet­tel­ten Han­dels­kon­flik­te so­wie die Un­klar­hei­ten über den Br­ex­it brem­sen die glo­ba­le Nach­fra­ge, was die ex­port­ori­en­tier­te deut­sche In­dus­trie be­son­ders zu spü­ren be­kommt. Seit gut ein­ein­halb Jah­ren ist die In­dus­trie­pro­duk­ti­on be­reits rück­läu­fig. Al­lein im Kraft­fahr­zeug­bau ging die Pro­duk­ti­on seit Mit­te 2018 um mehr als ein Fünf­tel zu­rück. Die In­dus­trie be­fin­de sich im Ab­wärts­sog. Falls der Han­dels­streit mit den USA es­ka­lie­re und ein har­ter Br­ex­it nicht ver­mie­den wer­den kön­ne, dürf­te die Ent­wick­lung deut­lich schlech­ter aus­fal­len als vor­her­ge­sagt, war­nen die Öko­no­men.

Es ge­be zwar kei­nen Grund für Alar­mis­mus oder neue Kon­junk­tur­pro­gram­me, so die For­scher. Doch soll­te die Po­li­tik die öf­fent­li­chen Haus­hal­te stär­ker „mit der Kon­junk­tur at­men las­sen“. Hier­zu bie­te die Schul­den­brem­se ex­pli­zit Spiel­raum. Die „schwar­ze Null“sei le­dig­lich ei­ne po­li­ti­sche Ziel­set­zung, die öko­no­misch ge­se­hen we­nig sinn­voll sei. Die Schul­den­brem­se lie­ße – ab­hän­gig vom Kon­junk­tur­ver­lauf – ei­ne Neu­ver­schul­dung des Bun­des von bis zu 0,35 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts zu. Die zu­läs­si­ge De­fi­zit­sum­me wird vom Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um jähr­lich neu er­rech­net. Ak­tu­ell be­trägt sie we­ni­ger als zehn Mil­li­ar­den Eu­ro.

Auch der Bun­des­ver­band der In­dus­trie (BDI) und wei­te Tei­le der Wirt­schaft sind für den Ver­zicht auf die „schwar­ze Null“. Doch für den Uni­ons­teil der Re­gie­rung ist sie un­ver­han­del­bar. Die CDU hat­te erst zu Wo­chen­be­ginn klar­ge­stellt, dass sie am Null­de­fi­zit fest­hal­ten will. Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) wies die For­de­rung der In­sti­tu­te ent­spre­chend zu­rück. „Wir ha­ben ak­tu­ell kei­ne Kon­junk­tur­kri­se“, sag­te Alt­mai­er. Ei­ne Kri­se dro­he auch wei­ter­hin nicht.

Beim Kli­ma­pa­ket nen­nen die In­sti­tu­te die für 2021 bis 2025 ge­plan­ten Kor­ri­do­re für den Co2-preis im Ver­kehrs- und Ge­bäu­de­sek­tor von zehn bis 35 Eu­ro pro Ton­ne „we­nig am­bi­tio­niert“. Sie emp­feh­len ei­ne hö­he­re Co2-be­prei­sung und gleich­zei­tig den Ver­zicht auf die vie­len „klein­tei­li­gen Be­stim­mun­gen“, die die Re­gie­rung sonst noch plant. Kli­ma­schutz ge­be es eben „nicht zum Null­ta­rif“, sag­te Oli­ver Hol­te­m­öl­ler vom In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung in Hal­le. Von Ab­wrack­prä­mi­en hal­ten die Öko­no­men nichts.

Am Ar­beits­markt macht sich die Kon­junk­tur­schwä­che laut der Pro­gno­se noch we­nig be­merk­bar. Zwar las­se die Dy­na­mik nach und Un­ter­neh­men woll­ten Stel­len ab­bau­en. Doch ins­ge­samt wür­den in die­sem Jahr 380.000 neue Jobs ge­schaf­fen.

Die Kon­junk­tur­schwä­che hat Fol­gen für die nächs­te Steu­er­schät­zung En­de Ok­to­ber. Die dürf­te schlech­ter aus­fal­len als die letz­te Pro­gno­se vom Mai. Nach ei­ner ers­ten über­schlä­gi­gen Rech­nung dürf­ten die ge­samt­staat­li­chen Ein­nah­men 2020 um et­wa fünf bis sechs Mil­li­ar­den Eu­ro ge­rin­ger aus­fal­len als im Mai pro­gnos­ti­ziert, hieß es in Steu­er­schät­zer­krei­sen.

„Im Ver­gleich zum Mai hat sich die kon­junk­tu­rel­le La­ge merk­lich ein­ge­trübt“, sag­te Jens Boy­sen-ho­g­re­fe vom Kie­ler In­sti­tut für Welt­wirt­schaft. „Das wird sich na­tür­lich auch auf die Steu­er­schät­zung En­de Ok­to­ber aus­wir­ken. Der Staat wird ab 2020 mit we­ni­ger Geld aus­kom­men müs­sen, als wir bis­her pro­gnos­ti­ziert ha­ben.“Aus heu­ti­ger Sicht sei zwar kein Ein­bruch bei den Steu­er­ein­nah­men zu er­war­ten, aber doch ein spür­ba­rer Rück­gang. „Bleibt die Kon­junk­tur wei­ter schwach, kann das im Wahl­jahr er­heb­li­che ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Haus­hal­te von Bund, Län­dern, Ge­mein­den und So­zi­al­ver­si­che­run­gen ha­ben.“

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