Pflicht­be­wuss­te Klas­si­ker­ver­fil­mung

Die Ki­no­fas­sung der „Deutsch­stun­de“nach dem Ro­man von Sieg­fried Lenz bleibt all­zu nah an der Vor­la­ge. Das ist scha­de.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KINO - VON MAR­TIN SCHWICKERT

„Deutsch­stun­de“von Sieg­fried Lenz gilt als ei­nes der wich­tigs­ten li­te­ra­ri­schen Wer­ke der al­ten Bun­des­re­pu­blik und ge­hört auch heu­te noch zur Schul­lek­tü­re. Mit sei­nem Ro­man be­gab sich Lenz ge­zielt an die Pe­ri­phe­rie des Lan­des und er­zähl­te vor der Ku­lis­se ei­nes nord­frie­si­schen Küs­ten­dor­fes von der Freund­schaft ei­nes Po­li­zis­ten und ei­nes Ma­lers, die an den po­li­ti­schen Ver­hält­nis­sen im Drit­ten Reich zer­bricht. Zwi­schen den bei­den Män­nern steht ein elf­jäh­ri­ger Jun­ge, aus des­sen Per­spek­ti­ve die Ge­schich­te re­tro­spek­tiv er­zählt wird. Schon bei sei­nem Er­schei­nen im Jah­re 1968 wur­de der Ro­man ei­ner­seits als Welt­li­te­ra­tur ge­fei­ert, an­de­rer­seits die all­zu zag­haf­te Art kri­ti­siert, in der sich Lenz mo­ra­lisch, aber nicht po­li­tisch mit der Ns-ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­set­ze. Die Erst­ver­öf­fent­li­chung fiel in die Zeit der Stu­den­ten­re­vol­te, die sich ei­ne un­nach­gie­bi­ge Abrech­nung mit dem Fa­schis­mus auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat­te.

Vor fünf Jah­ren ge­riet der Ro­man er­neut in die Dis­kus­si­on. Über­aus deut­lich hat­te Lenz die Fi­gur des ver­folg­ten Künst­lers Nan­sen an den Ma­ler Emil Nol­de an­ge­lehnt, des­sen Wer­ke von den Na­zis in gro­ßer Zahl als „ent­ar­te­te Kunst“kon­fis­ziert wur­den. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg hat­te sich Nol­de als ver­folg­ter Künst­ler in Sze­ne ge­setzt, und auch nach sei­nem Tod ha­ben die Nach­lass­ver­wal­ter die­se Er­zäh­lung auf­recht er­hal­ten. Erst die Öff­nung der Ar­chi­ve 2014 und die dies­jäh­ri­ge Aus­stel­lung im Ham­bur­ger Bahn­hof brach­ten die Wahr­heit ans Licht: Nol­de war ein be­ken­nen­der Na­tio­nal­so­zia­list und glü­hen­der An­ti­se­mit, der sich im­mer wie­der dem Re­gime an­zu­bie­dern ver­such­te. Da­mit ge­riet auch die „Deutsch­stun­de“in die Dis­kus­si­on, denn auch wenn es sich bei dem Ro­man um ein fik­tio­na­les Werk han­delt, hat er im kul­tu­rel­len Dis­kurs Nol­des selbst­in­sze­nier­te Le­gen­den­bil­dung ent­schei­dend be­för­dert.

50 Jah­re nach sei­nem Er­schei­nen bringt Chris­ti­an Sch­wo­chow „Deutsch­stun­de“auf die Ki­n­o­lein­wand und lässt sich von den ak­tu­el­len Dis­kus­sio­nen nicht be­ir­ren. Ab­ge­se­hen von der not­wen­di­gen Ver­knap­pung ori­en­tiert sich sei­ne Ad­ap­ti­on eng am Geist der Vor­la­ge und ver­stärkt den ex­em­pla­ri­schen Cha­rak­ter der Er­zäh­lung. Al­lein die Uni­form des Dorf­po­li­zis­ten Jens Ole Jep­sen (Ul­rich Noe­then) scheint die Hand­lung im kon­kre­ten his­to­ri­schen Rah­men zu ver­or­ten. Ha­ken­kreuz­fah­nen blei­ben au­ßen vor.

Viel­mehr ver­schmel­zen hier der wei­te, wol­ki­ge Him­mel, die Watt­land­schaf­ten, die ein­sa­men Dei­che der Nord­see­küs­te zu ei­ner ei­ge­nen apo­ka­lyp­ti­schen Na­tur­ku­lis­se, über der die Mö­wen ge­le­gent­lich wie Sturz­kampf­bom­ber krei­sen. Noch stär­ker als der Ro­man kon­zen­triert sich der Film auf die Er­zähl­per­spek­ti­ve des elf­jäh­ri­gen Sig­gi Jep­sen (Le­vi Ei­sen­blät­ter), des­sen Va­ter auf dem nörd­lichs­ten Po­li­zei­stütz­punkt des Lan­des sei­nen Di­enst ver­rich­tet. Aus der Reichs­kul­tur­kam­mer in Ber­lin kommt der Be­fehl, der dem ört­li­chen Künst­ler Max Lud­wig Nan­sen ( To­bi­as Mo­ret­ti) ein Mal­ver­bot er­teilt. Des­sen Ge­mäl­de wur­den als „ent­ar­tet“klas­si­fi­ziert und der Dorf­po­li­zist soll die Ein­hal­tung des Ver­bo­tes über­wa­chen.

Jep­sen ist ein pflicht­ver­ses­se­ner Mann. Auch wenn er seit sei­ner Kind­heit mit Nan­sen be­freun­det ist, bleibt er fest ent­schlos­sen den Be­fehl aus Ber­lin in die Tat um­zu­set­zen. Er ver­sucht den ei­ge­nen Sohn, der bei sei­nem Pa­te­n­on­kel Nan­sen ein- und aus­geht, als Spi­on ein­zu­set­zen. „Brauch­ba­re Men­schen müs­sen sich fü­gen“sagt Jep­sen.

Aber der klei­ne Sig­gi kommt in Loya­li­täts­kon­flik­te zwi­schen dem Va­ter, dem er ge­hor­chen soll, und dem Ma­ler, des­sen Bil­der gro­ße Fas­zi­na­ti­ons­kraft auf ihn aus­üben. Er wird hin­ein­ge­zo­gen in den Kon­flikt der Män­ner, die als An­ti­po­den auf­ge­baut sind. Nur ge­le­gent­lich bricht die Pla­ka­ti­vi­tät der Ge­gen­sät­ze auf.

All­zu werk­ge­treu sind auch die weib­li­chen Cha­rak­te­re ge­ra­ten, die als Schmer­zens­frau­en das männ­li­che (Fehl-)ver­hal­ten weit­ge­hend ta­ten­los spie­geln. Sch­wo­chow in­sze­niert die dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­se im dörf­li­chen Mi­kro­kos­mos mit re­du­zier­tem Per­so­nal­auf­wand fast schon als Kam­mer­spiel, um dann den scharf kon­tu­rier­ten Cha­rak­te­ren und en­gen In­nen­räu­men im­mer wie­der ge­wal­ti­ge Land­schafts­und Na­tur­auf­nah­men ge­gen­über zu stel­len, wel­che die Ge­scheh­nis­se me­ta­pho­risch re­flek­tie­ren.

Ge­ra­de in vi­su­el­ler Hin­sicht ist „Deutsch­stun­de“ein Film, der für die gro­ße Ki­n­o­lein­wand ge­macht ist – und das kann man zur Zeit nur

von we­ni­gen deut­schen Pro­duk­tio­nen be­haup­ten. Mit of­fen­si­ver Werk­treue und fil­mi­scher Kraft be­steht Sch­wo­chow auf die ex­em­pla­ri­sche Fik­tio­na­li­tät des Stof­fes und schirmt die Fi­gur des Ma­lers Nan­sen ge­zielt vom ak­tu­el­len Nol­de-dis­kurs ab. Die Ge­mäl­de, die für den Film an­ge­fer­tigt wur­den, wei­sen kei­ner­lei Ähn­lich­kei­ten zu Nol­des Werk auf. Vi­el­leicht ist die­se Dis­tan­zie­rung vom Vor­bild für ei­ne Ver­fil­mung der ein­zig gang­ba­re Weg. Trotz­dem bleibt das Ge­fühl, dass un­ter der Ober­flä­che ein an­de­rer, in­ter­es­san­te­rer Film schlum­mert. Ein Film, der Emil Nol­de als Op­por­tu­nis­ten zeich­net, des­sen Lie­be zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus von der Ob­rig­keit nicht er­wi­dert wur­de. Ein Film, der das Kal­kül zeigt, mit dem sich der Ma­ler nach dem Krieg als Op­fer in­sze­nier­te.

Deutsch­stun­de, Deutsch­land 2019 – Re­gie: Chris­ti­an Sch­wo­chow, mit Ul­rich Noe­then, To­bi­as Mo­ret­ti, Le­vi Ei­sen­blät­ter, 125 Min.

FO­TO: DPA

To­bi­as Mo­ret­ti (l.) als Ma­ler Max Lud­wig Nan­sen und Ul­rich Noe­then als Po­li­zist Jens Ole Jep­sen „Deutsch­stun­de“.

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