Kunst als Echo der Na­tur

Der Künst­ler Tho­mas Kohl bringt Na­tur­er­eig­nis­se in Abs­trak­ti­on auf die Lein­wand. Als Stu­dent ar­bei­te­te er für Ger­hard Rich­ter.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF­ER KULTUR - VON AN­NET­TE BOSETTI

Als Tho­mas Kohl sich 1981 in der be­rühm­ten Kunst­aka­de­mie ein­schrieb in der noch be­rühm­te­ren Klas­se von Ger­hard Rich­ter, da hät­te man schon ah­nen kön­nen, dass ein­mal was aus dem Düs­sel­dor­fer wer­den wür­de. Sein Meis­ter­klas­sen­um­feld war ge­spickt mit heu­te be­deu­ten­den Na­men. Ka­rin Kn­ef­fel, Tho­mas St­ruth, Micha­el van Ofen und Lud­ger Ger­des gal­ten als die Wort­füh­rer, Tho­mas Schüt­te war der „gro­ße Bru­der, der mit Ma­le­rei nichts an­fan­gen konn­te“. Und als Leh­rer hat­te er den wort­kar­gen Rich­ter, der sich selbst für ei­nen schlech­ten Leh­rer hielt. Kohl (59) hat­te sich für Kunst im Aus­schluss­ver­fah­ren ent­schie­den, Ar­chi­tek­tur wä­re noch in Fra­ge ge­kom­men, was sich vi­el­leicht an der un­ge­wöhn­lich prä­zi­sen Sta­tik sei­ner Bil­der ab­le­sen lässt. Man könn­te ei­ne Kon­struk­ti­on da­hin­ter ver­mu­ten. Er hat­te viel ge­zeich­net, fast im­mer drau­ßen. Dass sei­ne Bil­der auf den ers­ten Blick den­noch wie aus der Zeit ge­fal­len wir­ken, kom­men­tier­te er da­mals schon selbst­be­wusst mit dem Satz: „Das ist eben mein Stil.“

Das Schick­sal woll­te es so, dass Kohl zu Stu­di­en­be­ginn am Schwar­zen Brett Rich­ters Stel­len­ge­such nach ei­nem Ate­lie­r­as­sis­ten­ten fand. Im ers­ten An­lauf ge­lang­te er in die größ­te Nä­he des meis­ter­haf­ten Ma­lers, den er für sehr sen­si­bel und gleich­zei­tig kon­struk­tiv hält. Des­sen kost­ba­re Wor­te hät­ten ihn bei die­sem Stu­di­um au­ßer­halb der Aka­de­mie­mau­ern wei­ter­ge­bracht, wenn auch die Zeit nicht kon­flikt­frei war. Wäh­rend Rich­ter da­mals graue Qua­dra­te auf die Lein­wand brach­te, mal­te sein Schü­ler Kohl heim­lich wei­ter auf sei­ne Art. Land­schaf­ten. Hart­nä­ckig. 20 Jah­re spä­ter gab es ein­mal Lob aus be­ru­fe­nem Mun­de. Al­le Bil­der der ers­ten acht Jah­re sei­nes künst­le­ri­schen Schaf­fens hat Kohl zer­ris­sen und ver­nich­tet.

Die­se Eckdaten sind wich­tig, um das Werk des heu­te in gro­ßen Mu­se­en prä­sen­ten Ma­lers in sei­ner Zeit zu ver­ste­hen. Das Werk, das Land­schafts­ma­le­rei be­haup­tet, sehr frei, abs­trakt mit zwit­ter­haf­ten Zü­gen aus Aqua­rell und Öl. So hat es in sei­nem Ge­spür für die Na­tur­haf­tig­keit, für das Er­eig­nis­haf­te ei­ne sehr spe­zi­el­le Au­s­prä­gung. Bil­der und Land­schaf­ten sind Ve­hi­kel, das fer­ti­ge Werk ist ei­ne Kom­po­si­ti­on mit klang­li­chen Wer­ten, ein Echo der Na­tur, der Nach­hall von ei­nem Fleck­chen Er­de. Gar nicht alt­mo­disch ist das al­so, son­dern ver­rät­selt und ge­heim­nis­voll ab­stra­hiert, so dass die Be­schäf­ti­gung mit dem Bild leb­haf­te As­so­zia­ti­ons­ket­ten aus­löst. Das ist doch ein­deu­tig ein Fluss mit Boo­ten drauf – meint der Be­trach­ter und wird von ge­gen­sätz­li­chen Deu­tun­gen über­rascht. Könn­te auch das Meer oder ei­ne Qu­el­le sein, die Boo­te nennt ein an­de­rer ei­ne Pap­pel­al­lee. Der Ma­ler selbst will bei sei­nem gro­ßen „Ou­zoud“ge­nann­ten Bild nicht von to­po­gra­phi­scher Ge­nau­ig­keit re­den, son­dern von As­so­zia­ti­ons­ket­ten. „Was das Bild an­rich­tet mit mir“, sagt er, „das zählt.“

An­dern­orts um­to­sen im­po­san­te Wel­len ein Nichts auf der Lein­wand, viel Blau in Fol­ge, drei­tei­lig ist die „Wo­ge“, die auch mal gelb oder ro­sa chan­giert. In zwei Tei­len, auf ei­nem fla­chen wuch­ti­gen Di­pty­chon, hat er ei­nen gan­zen Tag in sei­nen drei

un­ter­schied­lich leuch­ten­den Ab­schnit­ten von Mor­gen, Mit­tag und Abend il­lu­mi­niert.

Stark ver­dünn­te Mohn­öl­far­be ist vi­el­leicht ein Ge­heim­nis die­ser al­che­mis­ti­schen Tö­nung des Ma­lers, der am En­de ver­sucht, die Na­tur zu ver­to­nen.

Von mir zu dir – so könn­te man mei­nen, will er er­zäh­len, will er be­rich­ten, schön­fär­ben. Doch nicht eins zu eins, son­dern über raf­fi­nier­tes Far­be­schich­ten, fet­te und ma­ge­re­re Stri­che. Tho­mas Kohl gibt das wie­der, was er emp­fin­det beim Drau­ßen­sein an ver­schie­de­nen Or­ten der Welt. Da­für fin­det er groß­ar­ti­ge ma­le­ri­sche Par­ti­tu­ren. 1200 bis 40.000 Eu­ro kos­ten die bei Hans St­re­low ver­sam­mel­ten 15 Aqua­rel­le und 30 Öl­bil­der, die in den lich­ten Räu­men am Lueg­platz farb­lich per­fekt strah­len.

Die­sen Künst­ler zu ent­de­cken, be­rei­chert das Seh­ge­dächt­nis. Kohl ist ein un­kon­ven­tio­nel­ler Kon­ser­va­ti­ver, ein Land­schafts­ma­ler, der die Jahr­zehn­te über­dau­ert, be­harr­lich bei sei­nem The­ma bleibt und die­ses un­er­schöpf­lich va­ri­iert und ab­stra­hiert.

„Wenn man drau­ßen ist und zeich­net, ist man ganz auf sich zu­rück­ge­wor­fen“, er­zählt er und dass dies für ihn das at­trak­tivs­te Feld sei, wenn er sich dann nicht zeit­nah, son­dern mit dem An­spruch der Zeit­lo­sig­keit in der Land­schaft ver­lie­re. Sein An­hal­ten der Welt­uhr und der Trans­fer in die Ge­gen­wart neh­men viel Zeit in An­spruch.

Mit sei­ner Fa­mi­lie lebt er an ei­nem ru­hi­gen Ort bei Lim­burg im Lahn­tal, zwei Kin­der hat er und ei­ne Frau, die sich mit Spra­che be­fasst.

Die­se Ru­he ver­strö­men sei­ne Bil­der mehr als Un­ru­he. Man spürt das tie­fe Ein- und lan­ge Aus­at­men, Dich­te, Ent­schie­den­heit in stei­len Zä­su­ren. Dann wie­der das Auf­bre­chen die­ses State­ments mit Leer­stel­len. Wei­ße Stel­len, blin­de Fle­cken, la­gern im Di­ckicht der Far­be. Weg­ge­las­se­ne Wer­te.

Schon sehr jung, 1998, ge­lang­te er als Ben­ja­min der Kunst­sze­ne mit drei Wer­ken in den Ber­li­ner Reichs­tag. „Frost“hei­ßen die­se Öl­ge­mäl­de, „und es sind of­fe­ne Bil­der“, sagt Kohl, „die viel preis­ge­ben in ei­nem nicht so of­fe­nen Sys­tem“.

FO­TOS: GA­LE­RIE HANS ST­RE­LOW

Ein Fluss mit Boo­ten? Ei­ne Pap­pel­al­lee? Land­schafts­ma­le­rei „Ou­zoud“von Tho­mas Kohl.

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