Hong­kong er­lässt Ver­mum­mungs­ver­bot

Nach der Ge­walt bei den Pro­tes­ten ak­ti­viert die Re­gie­rung aus­ge­rech­net ein al­tes ko­lo­nia­les Not­stands­ge­setz. Doch wird es De­mons­tran­ten ab­schre­cken?

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - VON ERIN HA­LE, VIO­LA GAS­KELL UND ANDRE­AS LAND­WEHR

HONG­KONG (dpa) In ei­nem höchst kon­tro­ver­sen Rück­griff auf al­tes ko­lo­nia­les Not­stands­recht hat Hong­kongs Re­gie­rung ein Ver­mum­mungs­ver­bot bei Pro­tes­ten er­las­sen. „Die öf­fent­li­che Ord­nung ist in ei­nem sehr ge­fähr­li­chen Zu­stand“, be­grün­de­te Re­gie­rungs­che­fin Car­rie Lam am Frei­tag das ver­schärf­te Vor­ge­hen ge­gen die De­mons­tran­ten in der chi­ne­si­schen Son­der­ver­wal­tungs­re­gi­on. Das Ver­bot soll­te um Mit­ter­nacht in Kraft tre­ten. Wer da­ge­gen ver­stößt, muss mit bis zu ei­nem Jahr Haft rech­nen. Ak­ti­vis­ten ver­such­ten, ei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung vor dem Obers­ten Ge­richt zu er­rei­chen. Ei­ne Ent­schei­dung wur­de noch in der Nacht er­war­tet.

Die Ge­walt ha­be zu­ge­nom­men, ar­gu­men­tier­te Lam. Die Tä­ter hät­ten meis­tens ih­re Ge­sich­ter be­deckt. „Wir kön­nen nicht er­lau­ben, dass die Si­tua­ti­on im­mer schlim­mer wird.“Lams Vor­ge­hen ist aber um­strit­ten, weil erst­mals seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ein Not­stands­ge­setz aus der bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­zeit be­müht wird, das der Re­gie­rungs­che­fin noch viel mehr Voll­mach­ten ein­räumt. De­mons­tran­ten in Hong­kong tra­gen Mas­ken und dicht schlie­ßen­de Bril­len, um sich vor Trä­nen­gas oder Pfef­fer­spray zu schüt­zen. Au­ßer­dem wol­len sie nicht iden­ti­fi­ziert wer­den.

Das Ver­bot wird nach Ein­schät­zung von Bil­ly Li, Ob­mann der Grup­pe pro­gres­si­ver An­wäl­te, we­nig ab­schre­cken­de Wir­kung ha­ben. Schon die An­dro­hung von Haft­stra­fen für „un­ge­neh­mig­te Ver­samm­lun­gen“und „Auf­ruhr“ha­be Hong­kon­ger nicht dar­an ge­hin­dert, auf die Stra­ßen zu ge­hen, wenn die Be­hör­den be­an­trag­te Mär­sche un­ter­sagt hät­ten. Die Er­mäch­ti­gung über das Not­stands­ge­setz könn­te auch vor Ge­richt ge­bracht und über­prüft wer­den, ar­gu­men­tier­te Li. So ha­be Hong­kong seit 1922 vie­le in­ter­na­tio­na­le Men­schen­rechts­ab­kom­men un­ter­zeich­net wie die Un-kon­ven­ti­on über bür­ger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te, ge­gen die es ver­sto­ßen könn­te. Das Ver­mum­mungs­ver­bot an sich kön­ne hin­ge­gen schwe­rer in­fra­ge ge­stellt wer­den. So ha­ben vie­le Län­der sol­che Vor­schrif­ten, un­ter an­de­rem Deutsch­land.

Die Ar­gu­men­ta­ti­on der Re­gie­rungs­che­fin wirk­te wi­der­sprüch­lich. So be­ton­te Lam, dass sie nicht for­mell den Not­stand er­klä­re, auch wenn sie sich auf das Not­stands­recht stüt­ze. „Das be­deu­tet nicht, dass Hong­kong im Not­stand ist.“Ziel des Ver­bots sei, dass die sie­ben Mil­lio­nen Ein­woh­ner zäh­len­de Wirt­schafts- und Fi­nanz­me­tro­po­le wie­der zu Frie­den zu­rück­keh­re. Dem Par­la­ment wer­de der Bann auf sei­ner nächs­ten Sit­zung am 16. Ok­to­ber vor­ge­legt, um ihn zu ei­nem Ge­setz zu ma­chen. Grund­la­ge des Vor­ge­hens ist aus­ge­rech­net das Ge­setz „für Not­fäl­le und bei öf­fent­li­cher Ge­fahr“, das die bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­her­ren 1922 er­las­sen und seit­her nur zwei­mal an­ge­wandt wur­de: Um im sel­ben Jahr ei­nen Streik von See­leu­ten nie­der­zu­schla­gen, der den Ha­fen lahm­ge­legt hat­te, so­wie 1967 bei Un­ru­hen und Pro­tes­ten pro­kom­mu­nis­ti­scher Kräf­te ge­gen die bri­ti­sche Ko­lo­ni­al­herr­schaft.

Das Ge­setz un­ter Ka­pi­tel 241 er­mög­licht der Re­gie­rungs­che­fin wei­te­re Not­stands­maß­nah­men, „die als not­wen­dig im öf­fent­li­chen In­ter­es­se be­trach­tet wer­den“. Aus­drück­lich ge­nannt wer­den un­ter an­de­rem Zen­sur, er­leich­ter­te Fest­nah­men und Haft­stra­fen, Haus­durch­su­chun­gen, Be­schlag­nah­me und die Un­ter­bre­chung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­wer­ken. Die Re­gie­rungs­che­fin schloss auf Nach­fra­gen nicht aus, dass Zen­sur oder Aus­gangs­sper­ren ver­hängt wer­den könn­ten. Auch wenn die Re­gie­rung kei­ne wei­te­ren Maß­nah­men er­grei­fen wol­le, „muss sie an­ge­mes­se­ne We­ge fin­den, um mit der Si­tua­ti­on um­zu­ge­hen“, ant­wor­te­te Lam un­ter Hin­weis auf ei­ne wei­te­re Es­ka­la­ti­on der Ge­walt.

Em­pört de­mons­trier­ten wie­der Tau­sen­de Hong­kon­ger, dar­un­ter vie­le mit Ge­sichts­mas­ken. Die Pro­tes­te be­gan­nen schon ge­gen Mit­tag, als ers­te In­for­ma­tio­nen über das Ver­bot durch­si­cker­ten. Sie rich­ten sich ge­gen die Re­gie­rung und den wach­sen­den Ein­fluss der Pe­kin­ger Füh­rung in Hong­kong. Die De­mons­tran­ten for­dern ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung von Po­li­zei­ge­walt, ei­nen Straf­er­lass für die Fest­ge­nom­me­nen, ei­ne Rück­nah­me der Ein­stu­fung ih­rer Pro­tes­te als „Auf­ruhr“so­wie freie Wah­len.

FO­TO: IMAGO IMAGES

Die De­mons­tran­ten schüt­zen sich mit Mas­ken und Re­gen­schir­men vor Trä­nen­gas. Die Be­we­gung wird des­halb auch Re­gen­schirm-re­vo­lu­ti­on ge­nannt.

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