Der neue Streit um das al­te Krie­ger­denk­mal

Seit 1939 steht das Denk­mal am Ree­ser Platz – jetzt be­wegt es mal wie­der die Ge­mü­ter. Über ei­nen um­strit­te­nen Ge­denk­ort.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF - VON AR­NE LIEB

Man­fred Jung will am Volks­trau­er­tag wie­der ei­nen Kranz in das Krie­ger­denk­mal le­gen – wie in je­dem Jahr. „In eh­ren­dem Ge­den­ken, Freun­des­kreis der Ka­me­rad­schaft der ehe­ma­li­gen 39er“, soll dar­auf ste­hen. Rund 25 Teil­neh­mer, vie­le hoch­be­tagt, wer­den am 17. No­vem­ber auf dem Ree­ser Platz zu­sam­men­kom­men. Es wird ei­ne An­spra­che ge­ben, dann wird „Ich hat­te ei­nen Ka­me­ra­den“ge­sun­gen. An­schlie­ßend kehrt man auf ei­nen Kaf­fee ein.

Es könn­te das letz­te Mal sein. Die Rats­mehr­heit aus SPD, Grü­nen und FDP will Jung den Schlüs­sel zu dem Git­ter­tor mit dem ei­ser­nen Kreuz ab­neh­men – oder ver­mut­lich eher das Schloss aus­tau­schen las­sen. Denn der 82-Jäh­ri­ge will sich vom Schlüs­sel nicht tren­nen. Und auch nicht von der Tra­di­ti­on. Seit vie­len Jah­ren pflegt der pen­sio­nier­te Be­stat­ter das Denk­mal. In­zwi­schen hilft Schwie­ger­toch­ter Na­di­ne. Und seit noch viel län­ge­rer Zeit kom­men ehe­ma­li­ge Sol­da­ten vor dem Mo­nu­ment aus der Na­zi-zeit zu­sam­men.

Zu­letzt lief das fast un­be­merkt. Dann brach­te der Lin­ken-po­li­ti­ker Frank Werk­meis­ter in der Be­zirks­ver­tre­tung die Idee ei­nes „Ge­gen­denk­mals“ein – und stieß bei SPD und Grü­nen auf of­fe­ne Oh­ren. „Das ist mir ein Her­zens­an­lie­gen“, sagt et­wa Spd-be­zirks­bür­ger­meis­te­rin Ma­ri­na Spill­ner. Beim An­blick der Sol­da­ten, die aus der Gruft in den nächs­ten Krieg zö­gen, be­kom­me sie im­mer wie­der ei­ne Gän­se­haut. Ein Künst­ler soll nun ei­nen Ge­gen­punkt set­zen.

Seit­dem wird plötz­lich über das al­te Mo­nu­ment neu dis­ku­tiert. Wie soll Düs­sel­dorf wei­ter mit die­sem Zeit­zeu­gen aus dem Jahr 1939 um­ge­hen, der im­mer wie­der die Ge­mü­ter in der Stadt er­hitzt hat?

Man­fred Jung be­tont, sein Ge­den­ken gel­te al­len Sol­da­ten, nicht nur den deut­schen und schon gar nicht nur de­nen im Zwei­ten Welt­krieg. „Wir sind kei­ne Rechts­ra­di­ka­len.“Dar­auf legt auch Hel­mut Bos­se Wert, pen­sio­nier­ter Bun­des­wehr-sol­dat und frü­he­rer Cdu-rats­herr. Die bei­den Män­ner ge­hö­ren zu Grup­pen, die auf Ka­me­rad­schaf­ten von Sol­da­ten zu­rück­ge­hen. Dass das Denk­mal in der Ns-zeit ge­stal­tet und er­öff­net wor­den ist, ist für Jung kein Hin­de­rungs­grund. Auch für Bos­se ist es mit Blick auf die lan­ge sol­da­ti­sche Tra­di­ti­on eher ei­ne Rand­no­tiz. „Was ist schon ein Auf­marsch im Jahr 1939 ge­gen tau­sen­de Wit­wen, die dort ge­trau­ert ha­ben?“

Aber kann man das Ge­den­ken von der Ge­schich­te des Denk­mals tren­nen? Nicht nur die Rats­po­li­ti­ker be­zwei­feln das, son­dern auch der Künst­ler Jörg-tho­mas Al­ver­mann. Er ist der Vor­sit­zen­de der Kunst­kom­mis­si­on, ein Gre­mi­um aus Künst­lern und Po­li­ti­kern, das den Kul­tur­aus­schuss un­ter­stützt. Die Kom­mis­si­on hat die Auf­ga­be er­hal­ten, den Wett­be­werb für das „Ge­gen­denk­mal“aus­zu­lo­ben. Da­für ha­ben Al­ver­mann und sei­ne Mit­strei­ter viel zur Ge­schich­te des Werks zu­sam­men­ge­tra­gen.

Sie be­ginnt 1925, al­so vor der NSZeit. Da­mals ha­ben Sol­da­ten für ei­nen Er­in­ne­rungs­ort an die vie­len 39er-fü­si­lie­re ge­sam­melt, die im Ers­ten Welt­krieg ge­stor­ben sind. Das Re­gi­ment war in De­ren­dorf sta­tio­niert. Den Zu­schlag er­hält der Düs­sel­dor­fer Künst­ler Jupp Rüb­sam, Mit­glied des Jun­gen Rhein­lands und 39er-ve­te­ran.

Rüb­sams Werk mit zwei sphinx­haft ho­cken­den Sol­da­ten stößt auf wü­ten­de Ab­leh­nung bei Na­tio­na­lis­ten, un­ter an­de­rem beim Hit­ler-mit­strei­ter Erich Lu­den­dorff, der die 39er kom­man­diert hat. Der Ent­wurf gilt ih­nen als zu we­nig straff sol­da­tisch. Nach der Macht­über­nah­me der Na­zis 1933 wird das Werk zer­stört, die Über­res­te ste­hen heu­te vor der Ton­hal­le.

Al­ver­mann ver­weist dar­auf, dass der zwei­te Wett­be­werb 1935 ganz im Geist der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten steht. Es heißt in der Aus­schrei­bung: „Das Eh­ren­mal soll vor­wärts und auf­wärts wei­sen. Ein trau­ern­des Zu­rück­schau­en wür­de dem Geist un­se­rer Ka­me­ra­den nicht ge­recht! Sie kämpf­ten und star­ben im Glau­ben an Deutsch­lands gro­ße und heh­re Auf­ga­be in der Welt.“Be­mer­kens­wert fin­det Al­ver­mann auch die Vor­ga­be, dass die Na­men der Ge­fal­le­nen nicht an­ge­bracht wer­den müs­sen – of­fen­bar fürch­tet man den ab­schre­cken­den Ein­druck.

Die Ju­ry ent­schei­det sich für den Ent­wurf von Bild­hau­er Richard Kuöhl, das Werk wird schließ­lich mit der ver­sam­mel­ten Na­zi-pro­mi­nenz der Stadt ein­ge­weiht. Schon we­ni­ge Jah­re spä­ter ist es ein um­strit­te­nes Über­bleib­sel ei­ner an­de­ren Zeit: 1946 ent­schei­det sich der Stadt­rat ein­stim­mig für den Ab­riss, der aber nicht er­folgt. Zugleich nut­zen ehe­ma­li­ge Sol­da­ten ab dann den Ge­denk­ort. Ein 39er-re­gi­ment hat es auch im Zwei­ten Welt­krieg ge­ge­ben. Spä­ter be­tei­ligt sich die Bun­des­wehr an den Ter­mi­nen.

Für Künst­ler Al­ver­mann ist das in­zwi­schen denk­mal­ge­schütz­te Werk ein „Schul­buch-bei­spiel“für die Ge­denk­kul­tur der Ns-zeit: der To­ten­kult mit dem ver­klär­ten re­li­giö­sen Mo­tiv der Auf­er­ste­hung, der Auf­marsch­platz, die gleich­för­mi­ge Ge­stal­tung der Sol­da­ten, die Al­ver­mann eher an Pro­to­ty­pen als an In­di­vi­du­en er­in­nern. Auch der His­to­ri­ker Bas­ti­an Fleer­mann, der Lei­ter der Mahn- und Ge­denk­stät­te, kommt in ei­nem Gut­ach­ten zum Er­geb­nis, das Werk sei „nach Ent­ste­hungs­zeit, Kon­text und Nut­zung als na­tio­nal­so­zia­lis­tisch ein­zu­stu­fen“.

In den 1970er und 1980er Jah­ren wächst der Pro­test ge­gen das Ge­den­ken am Ree­ser Platz. Nach ei­nem Neo­na­zi-auf­marsch drängt die Stadt 1988 dar­auf, dass die Bun­des­wehr auf den Nord­fried­hof wech­selt. Dort fin­det ein Ge­den­ken mit brei­ter ge­sell­schaft­li­cher Be­tei­li­gung statt – an dem nach dem Wunsch der Po­li­tik auch die Grup­pe aus Golz­heim teil­neh­men soll­te. Es spre­che nichts da­ge­gen, dass die Grup­pe to­ten Sol­da­ten ge­denkt, be­tont His­to­ri­ker Fleer­mann. „War­um muss es am Ree­ser Platz sein?“

Wäh­rend um das jähr­li­che Ge­den­ken ge­strit­ten wird, sol­len zugleich die Künst­ler Ide­en ent­wi­ckeln. Der Wett­be­werb ist laut Al­ver­mann be­wusst of­fen: Das Ge­gen­denk­mal muss kei­ne Skulp­tur sein. So­gar Stadt­pla­ner dür­fen sich be­tei­li­gen – und brin­gen vi­el­leicht Vor­schlä­ge mit, wie sich der ver­wais­te Platz be­le­ben lässt. Be­zirks­bür­ger­meis­te­rin Spill­ner könn­te sich auch Tö­ne oder Far­ben vor­stel­len – war­um im­mer Stein? Der bes­te Ent­wurf wird mit 20.000 Eu­ro prä­miert. Da­von muss noch nicht die Um­set­zung fi­nan­ziert wer­den. Über die muss die Po­li­tik ge­son­dert ent­schei­den. Das 80 Jah­re al­te Denk­mal wird noch lan­ge die Stadt be­schäf­ti­gen.

RP-FO­TO: AR­NE LIEB

Das Denk­mal am Ree­ser Platz stammt aus der Ns-zeit. Es be­schäf­tigt die Düs­sel­dor­fer im­mer wie­der.

RP-FO­TO: ARL

Ein Blick in die ver­wit­ter­ten Ge­sich­ter der Sol­da­ten­fi­gu­ren, die rechts ne­ben der Gruft nach oben mar­schie­ren.

FO­TO: STADTARCHI­V DÜS­SEL­DORF

Am 9. Ju­li 1939, we­ni­ge Wo­chen vor dem Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs, wur­de das Denk­mal ein­ge­weiht.

RP-FO­TO: ARL

Na­di­ne und Man­fred Jung pfle­gen das Denk­mal.

RP-F: ARL

Künst­ler Jörg-tho­mas Al­ver­mann mit der Aus­schrei­bung von 1935.

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