Über die Angst

Für vie­le Frau­en (und be­stimmt auch ei­ni­ge Män­ner) ge­hört Angst zum Le­ben in der Stadt. Wie sol­len wir da­mit um­ge­hen?

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - DÜSSELDORF - VON HE­LE­NE PAWLITZKI

Groß­stadt­dschun­gel. Das Wort ist im Jour­na­lis­mus ver­bo­ten. Es hat sich ab­ge­nutzt. Das ist scha­de, denn es passt so gut. Ich ge­he in der Dun­kel­heit vom Sport nach Hau­se in Ober­bilk, acht Mi­nu­ten Fuß­weg nur, aber ich se­he, hö­re, rie­che so viel, als wä­re ich im tiefs­ten Ur­wald. Die­un­ter­füh­rung am Min­tropplatz, Vul­kan­stra­ße, ei­ser­ne Brü­cken­trä­ger wie Bäu­me, Fahr­rad­fah­rer sau­sen an mir vor­bei wie tief­flie­gen­de Vö­gel, Urin­ge­stank. Man­che Grup­pen jun­ger oder al­ter Män­ner be­neh­men sich wie ei­ne Hor­de Af­fen, so laut und un­ge­stüm. An­de­re hu­schen vor­bei wie Na­ge­tie­re.

Ich ha­be kei­ne Angst. Nicht auf dem Nach­hau­se­weg in Ober­bilk, meist auch nicht in an­de­ren Si­tua­tio­nen. Gern ge­he ich zwar nicht durch dunk­le Parks und tue es dem­ent­spre­chend sel­ten, wür­de aber auch kei­nen wei­ten Um­weg ma­chen. Ein­mal hat­te ich Angst, das war in Shang­hai und ich muss­te durch ei­ne Un­ter­füh­rung vol­ler Män­ner in ei­nem In­dus­trie­ge­biet. Kein Mensch auf der Welt, der mich kann­te, wuss­te zu die­sem Zeit­punkt ge­nau, wo ich war, und ich dach­te: Wenn mich jetzt ei­ner hier über­fällt und tot­schlägt oder als Skla­vin ver­schleppt, fin­det mich nie­mals, nie­mals je­mand. Die­se Angst dau­er­te et­wa ei­ne Mi­nu­te, dann be­trat ich am En­de der Un­ter­füh­rung die Ga­le­rie, die ich be­su­chen woll­te.

Ich fah­re nachts al­lei­ne U-bahn, ich lau­fe durch die Alt­stadt und ge­he tags­über ent­spannt durchs Ma­ghreb-vier­tel. Ei­ner­seits bin ich froh, dass ich das kann. An­de­rer­seits hal­te ich die­se Ab­we­sen­heit von Angst letzt­lich für un­klug. Aber man kann ein Ge­fühl eben nicht her­bei­wün­schen.

Ich den­ke an mei­ne Mut­ter, die vor vie­len Jah­ren in ei­ner ost­deut­schen Kle­in­stadt mal fast hef­tig ver­dro­schen wor­den wä­re. Auf dem Platz vor der Kir­che, ei­nes son­ni­gen Sonn­tag­mit­tags. Ein Typ hat­te sich mit ei­nem an­de­ren ge­strit­ten und als der da­von­lief, nahm er sie ins­vi­sier. Sie ret­te­te sich in die Kir­che. Er trat fast die Tür ein. Ich den­ke an die Ber­li­ner Jour­na­lis­tin, die 2010 hei­ter und be­schwingt am Abend durch ihr Vier­tel lief und dann un­ver­mu­tet von ei­nem Holz­knüp­pel am Kopf ge­trof­fen wur­de, ge­schwun­gen von ei­nem ju­gend­li­chen Kri­mi­nel­len. Spä­ter hat sie die Ge­schich­te fürs Ma­ga­zin der Zeit auf­ge­schrie­ben.

Ich den­ke an den Mann, über den ich mal für die Rhei­ni­sche Post ge­schrie­ben ha­be. Mor­gens auf dem Weg zur Ar­bei­tet war­te­te er in Bilk an ei­ner Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le, als ihm (aus im­mer noch un­ge­klär­ten Grün­den) ein an­de­rer Mann ei­ne ver­passt. Zack, Faust­schlag mit­ten ins Ge­sicht. Er bricht sich den Schä­del. Ein Jahr dau­ert die Ge­ne­sung.

Ich den­ke an Jens Strucks, ei­nen Stu­den­ten An­fang 20, der von der Rh­ein­kir­mes nach Hau­se ra­deln will und von drei Tä­tern auf­ge­hal­ten, mit ei­nem Mes­ser be­droht, be­raubt und dann zu­rück­ge­las­sen wird. Er hat mir er­zählt, dass er zwi­schen­durch be­reits mit sei­nem Le­ben ab­ge­schlos­sen hat­te, dass er si­cher war, sie wür­den ihn um­brin­gen und in den Rhein wer­fen.

Kei­ner von de­nen hat­te Angst. Kei­ner hat es kom­men se­hen.

Das ist – muss man sa­gen – ei­ne Gna­de, denn Angst hät­te an min­des­tens zwei die­ser Ge­schich­ten nichts ge­än­dert. Men­schen ver­mei­den mög­li­cher­wei­se aus Angst, nachts durch dunk­le Stra­ßen oder an wüs­ten Kn­ei­pen vor­bei zu ge­hen. Aber sie las­sen sich in der Re­gel nicht da­von ab­hal­ten, mit­tags zum Kir­chen­dienst oder mor­gens zur Ar­beit zu ge­hen. Wä­re das so, wür­de un­ser al­ler Le­ben still­ste­hen.

Die Angst hat ih­ren Sinn, wie fast al­les auf der Welt: Sie schützt uns vor Ge­fahr. Aber vi­el­leicht ist es mit der Angst wie mit dem Hun­ger. Zu Ur­zei­ten hat der uns zu Höchst­leis­tun­gen an­ge­spornt, da­mit wir Nah­rung be­sor­gen. Weil das so furcht­bar müh­sam war, brauch­te es da­zu viel Mo­ti­va­ti­on. Mitt­ler­wei­le ha­ben wir in Eu­ro­pa eher zu viel Nah­rung zur Ver­fü­gung als zu we­nig. Der Hun­ger ist aber im­mer noch da und gau­kelt uns vor, wir müss­ten es­sen, es­sen, es­sen. Wir müs­sen ler­nen zu hun­gern, auch wenn Nah­rung da ist, sonst wer­den wir fett und krank.

Und die Angst? Das Le­ben in der Groß­stadt ist ge­fähr­lich, aber ganz be­stimmt nicht so ge­fähr­lich wie das Le­ben zu Ur­zei­ten. Die al­ler-al­ler­meis­ten Men­schen ster­ben im ho­hen Al­ter im Bett. ( Was sei­nen ganz ei­ge­nen Schre­cken birgt.) Je­den Tag wan­dern tau­sen­de Men­schen nachts durch Düs­sel­dorf und ih­nen pas­siert ab­so­lut gar nichts. In Nord­rhein-west­fa­len re­gis­trier­te die Po­li­zei 2018 140 Mor­de und Mord­ver­su­che so­wie et­wa 14.000 Se­xu­al­straf­ta­ten. Zum Ver­gleich: Durch Ver­kehrs­un­fäl­le star­ben 490 Men­schen, et­wa 14.000 wur­den schwer ver­letzt. Wir ha­ben aber kei­ne pa­ni­sche Angst vor dem Stra­ßen­ver­kehr. Je­den­falls die meis­ten von uns.

Was das zeigt, ist ein­fach nur: Sta­tis­ti­ken ha­ben mit Angst ab­so­lut nichts zu tun. Angst ist nicht ra­tio­nal. Angst hat et­was mit Vor­stel­lungs­kraft zu tun. Ich ha­be zum Bei­spiel pa­ni­sche Angst vor men­schen­lee­ren Schwimm­be­cken. Ich has­se nichts mehr, als kurz vor En­de der Ba­de­zeit ins Schwimm­bad zu ge­hen, wenn fast kei­ner mehr im Was­ser ist. Wenn ich schwim­me, mit die­ser rie­si­gen Lee­re um mich her­um, den­ke ich: Haie! Kil­ler­wa­le! Ich kann sie vor mei­nem in­ne­ren Au­ge se­hen. Ich ha­be das Ge­fühl, da ist et­was hin­ter mir, un­ter mir. Seit ich „Free Wil­ly“und „Der wei­ße Hai“ge­se­hen ha­be, ha­be ich ein Bild für die­se Angst. Es ist kom­plett me­schug­ge, in ei­nem städ­ti­schen Schwimm­bad von Hai­en und Wa­len zu fan­ta­sie­ren, aber ich kann das ein­fach nicht ab­stel­len.

Es ist gar nicht nö­tig, schon mal ei­ne ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on er­lebt zu ha­ben. Es reicht, Ge­schich­ten ge­hört zu ha­ben – aus der Zei­tung, aus dem In­ter­net, von Freun­den. Frau­en und Män­ner, die Angst ha­ben, be­stimm­te Vier­tel auf­zu­su­chen; die nach Ein­bruch der Dun­kel­heit nicht mehr S-bahn fah­ren, auch wenn das heißt, dass ihr Part­ner sie im Win­ter mit dem Au­to von der Ar­beit ab­ho­len muss; die beim An­blick ei­ner Grup­pe jun­ger Män­ner ih­ren Schritt be­schleu­ni­gen oder die Stra­ßen­sei­te wech­seln – die ha­ben Ge­schich­ten ge­hört oder ge­se­hen, die sie nicht mehr los­las­sen. Sie wol­len auf kei­nen Fall, dass ih­nen ei­ne sol­che Ge­schich­te pas­siert. Das Ge­fühl ist so stark, dass es al­le an­de­ren Ge­dan­ken kurz­zei­tig un­wich­tig macht.

Und das ist auch voll­kom­men le­gi­tim. Angst ist im­mer le­gi­tim. Man kann sie nicht weg­dis­ku­tie­ren und er­war­ten, dass je­mand kei­ne Angst mehr hat, weil man fin­det, das sei sinn­los. Angst hat mit Fak­ten we­nig zu tun. Nie­mand kann uns ver­an­wort­lich da­für ma­chen, ob wir sie füh­len oder nicht. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist aber, wie wir mit ihr um­ge­hen. Wir sind sehr ver­ant­wort­lich da­für, ob und wie sehr die Angst un­ser Ver­hal­ten, un­se­ren Dis­kurs und un­se­re Ge­sell­schaft be­stimmt.

In der Dis­kus­si­on über Angs­träu­me wie den Hof­gar­ten – die wir seit kurz nach Pfings­ten wie­der in­ten­si­ver füh­ren, als be­kannt wur­de, dass ei­ne Frau dort bru­tal ver­ge­wal­tigt wur­de – spü­re ich häu­fig auch Wut. Die Wut de­rer, die Angst ha­ben, auf die, die kei­ne ha­ben. Ver­hält­nis­mä­ßig angst­freie Men­schen ver­ste­hen näm­lich häu­fig nicht, wie­so an­de­re Men­schen sich vor be­stimm­ten Si­tua­tio­nen fürch­ten. Sie ver­su­chen dann häu­fig, mit Fak­ten zu be­le­gen, dass Angst voll­kom­men un­nö­tig ist. Seht her, sa­gen sie. Seht die Sta­tis­tik. Es ist viel wahr­schein­li­cher, von ei­nem Last­wa­gen über­fah­ren, als in ei­nem Düs­sel­dor­fer Park ver­ge­wal­tigt zu wer­den. Habt kei­ne Angst! Die Parks sind si­cher.

Ich er­in­ne­re mich an ei­nen Schwimm­leh­rer mei­ner Kind­heit. Mit fünf Jah­ren war ich ziem­lich was­ser­scheu. Ich hat­te Angst zu er­trin­ken. „Du brauchst kei­ne Angst zu ha­ben“, sag­te die­ser er­wach­se­ne Mann, bis zur Hüf­te im Was­ser ste­hend, das mir bis zu den Oh­ren reich­te. Er spritz­te mich ein biss­chen an. „Guck mal. Ist doch nur Was­ser.“Da hat­te er zwei­fel­los recht. Mei­ne Angst be­sei­tig­te er da­mit aber nicht.

Die Exis­tenz der sta­tis­tisch ge­se­hen vie­len Näch­te, in de­nen kei­ne Ver­bre­chen pas­siert sind, bringt dem Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer vom Pfingst­wo­chen­en­de nicht sei­ne Un­ver­sehrt­heit zu­rück – auch wenn ich per­sön­lich für ei­ne sol­che Gna­de Got­tes tau­send Fak­ten­stü­cke schrei­ben wür­de. Und die Exis­tenz der ver­bre­chen­lo­sen Näch­te treibt den Men­schen die Ge­schich­te von die­ser Ver­ge­wal­ti­gung – und all die an­de­ren Ge­schich­ten – nicht aus dem Kopf. Die Angst bleibt. So kön­nen wir sie je­den­falls nicht lin­dern.

War­um sind Men­schen, die Angst ha­ben, wü­tend auf die Angst­frei­en? Weil sie die Angst­frei­heit als Pri­vi­leg ver­ste­hen, und an­ders­her­um die Pri­vi­le­gier­ten der Ge­sell­schaft au­to­ma­tisch für angst­frei hal­ten. Sehr häu­fig wird aus der Dis­kus­si­on über Angs­träu­me ei­ne Dis­kus­si­on von Frau­en ge­gen Män­ner. Man­che Frau­en neh­men an, Män­ner sei­en dank ih­rer an­geb­lich pri­vi­le­gier­ten Stel­lung in der Ge­sell­schaft frei von Angst, und wür­den des­halb ar­gu­men­tie­ren, man sol­le sich halt nicht so an­stel­len, der Hof­gar­ten sei doch si­cher. „Ich fürch­te mich nicht“wird zu „Ich ver­ste­he nicht, war­um du dich fürch­test“und wird gleich­ge­setzt mit „Hier gibt es nichts zu fürch­ten“.

Aber wer sagt denn, dass Pri­vi­le­gi­en au­to­ma­tisch zu ei­ner Ab­we­sen­heit von Angst füh­ren? Das Ar­gu­ment kann nicht sein: Es gibt kei­nen Grund für Angst. Angst kommt, wie be­schrie­ben, pri­ma oh­ne je­den sinn­vol­len Grund aus. Angst ist nicht ra­tio­nal – die­ab­we­sen­heit von Angst auch nicht. Vie­le Män­ner ha­ben gar kei­nen Grund, sich im dunk­len Hof­gar­ten nicht zu fürch­ten. Sie tun es nur halt nicht. Da­bei könn­ten sie Op­fer der schreck­lichs­ten Ver­bre­chen wer­den. (Und tat­säch­lich wer­den sie viel häu­fi­ger zum Op­fer als Frau­en, sagt die Kri­mi­nal­sta­tis­tik. Aber das spielt für die Angst eben kei­ne Rol­le.) Vie­le Män­ner fürch­ten sich üb­ri­gens auch im dunk­len Park. Sie re­den nur nicht drü­ber. Be­haup­te ich mal.

Die Brü­der Grimm ha­ben das Mär­chen von ei­nem, der aus­zog, das Fürch­ten zu ler­nen, auf­ge­schrie­ben. Ei­nen jun­gen Mann will und will es nicht gru­seln. Da­bei wünscht er es sich so. Im­mer wie­der wird er in furcht­ba­re Si­tua­tio­nen ge­bracht, die ei­nem Men­schen mit mehr Fan­ta­sie den Ver­stand rau­ben wür­den. Es hilft nichts, er hat kei­ne Angst. Bis man ihm am En­de Fi­sche ins Bett schüt­tet – was ich aber eher als Ekel be­zeich­nen wür­de.

Im Mär­chen ist der, den es nicht gru­selt, in ge­wis­ser Wei­se ein ar­mer Tropf. Zwar über­steht er mit­bra­vour ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen und muss da­bei kei­ne Angst durch­le­ben – aber er kann es eben auch nicht. Und das be­dau­ert er selbst am meis­ten. Vi­el­leicht weiß er, dass ihm ein wich­ti­ger Warn­me­cha­nis­mus fehlt. Vi­el­leicht ahnt er, dass Angst zum Mensch­sein da­zu­ge­hört.

Neid oder Zorn auf den, der sich nicht fürch­tet – das ist eben­so un­ver­nünf­tig wie Ar­ro­ganz ge­gen­über dem, der sich fürch­tet. Sinn­los, un­frucht­bar. Wenn ei­ner sel­ten Angst hat, ist das erst mal ei­ne gu­te Sa­che, den­ke ich. Wenn ei­ner nie­mals Angst hat, wird er wahr­schein­lich ir­gend­wann vom Bus über­fah­ren oder von ei­nem Ro­cker zu Brei ge­schla­gen, weil er des­sen Mo­tor­rad be­lei­digt hat. Das ist eben­falls nicht be­nei­dens­wert. Wenn je­mand stän­dig Angst hat, traut er (oder sie) sich am En­de nicht mehr vor die Tür. Zu­dem führt zu gro­ße Angst recht häu­fig zu Über­sprungs­hand­lun­gen. Sei es nun die Angst der Hol­ly­wood-di­va vorm Al­tern, ei­nes Do­nald­trump vor der Be­deu­tungs­lo­sig­keit oder ei­nes Jour­na­lis­ten vor ei­nem Shits­torm – sel­ten kommt et­was Gu­tes da­bei her­aus.

Die Ant­wort ist so ba­nal: Equi­li­bri­um, das rich­ti­ge Gleich­ge­wicht. Wir soll­ten nach der Mit­te su­chen, auch bei der Angst. Das rich­ti­ge Maß an Vor­sicht im Groß­stadt­dschun­gel. Die Ba­lan­ce zwi­schen Furcht und Un­be­küm­mert­heit. Ich per­sön­lich fin­de, wir soll­ten uns auf dem Weg zu die­sem Equi­li­bri­um lie­ber hel­fen, als uns ge­gen­sei­tig ver­bal zu ver­hau­en.

FO­TO: ANDRE­AS BRETZ

Au­to­rin He­le­ne Pawlitzki im Hof­gar­ten

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