Die Ge­schich­te der Bie­nen

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - MAGAZIN -

Ro­man Fol­ge 46

Wir muss­ten um­stei­gen und wur­den zwei­mal kon­trol­liert, muss­ten un­se­re Fin­ger­ab­drü­cke ab­ge­ben und ei­ne Men­ge Fra­gen be­ant­wor­ten. Wer wir wa­ren, wo wir wohn­ten, wo wir hin­woll­ten und wo wir ge­we­sen wa­ren. Kuan be­ant­wor­te­te al­le Fra­gen ru­hig, ich konn­te nicht fas­sen, wie er das schaff­te. Als wä­re er ganz er selbst. Und doch nicht. Ein­mal, als ich ihn an­sah, starr­ten frem­de Au­gen zu­rück. Ich muss­te mich weg­dre­hen.

Das letz­te Stück gin­gen wir zu Fuß. Wir wa­ren nur noch hun­dert Me­ter von un­se­rem Haus ent­fernt, als wir die Hub­schrau­ber be­merk­ten, die über un­se­ren Köp­fen kreis­ten. Das Knat­tern wur­de lau­ter und lei­ser. Erst glaub­te ich, sie wä­ren di­rekt über un­se­rem Haus, doch als wir nä­her ka­men, er­kann­te ich, dass sie über die Fel­der flo­gen. Über die Birn­bäu­me. Und über den Wald.

Wir bo­gen um die Ecke und hiel­ten in­ne. Dort, vor un­se­rem Haus, wo die Fel­der an­fin­gen, sah ich un­se­re Kol­le­gen in ih­rer Ar­beits­klei­dung. Sie wa­ren bei ih­rer Ar­beit un­ter­bro­chen wor­den und stan­den in ei­ner klei­nen Grup­pe ta­ten­los da. Ei­ner hielt noch im­mer die He­cken­sche­ren und Kör­be für den Ab­fall in den Hän­den. Sie schwie­gen, starr­ten nur ver­blüfft auf das vor ih­nen lie­gen­de Ge­län­de. Ein Stück ent­fernt sah ich die Kup­pe, auf der wir un­ser Pick­nick ge­hal­ten hat­ten. Da­hin­ter lag der wil­de Wald. Der Luft­raum über den Bäu­men war voll mit ver­schie­de­nen Flug­ge­rä­ten, und vor uns rück­ten lei­se brum­mend Rei­hen von Pan­zern an. Hin­ter den Pan­zern ar­bei­te­ten Sol­da­ten. Sie wa­ren da­bei, ei­nen ho­hen Zaun aus wei­ßer Pla­ne zu er­rich­ten, der meh­re­re hun­dert Me­ter lang war. Sie bil­de­ten ei­ne Mau­er. Ei­ne Mau­er zwi­schen uns und den Fel­dern. Sie ar­bei­te­ten schnell und ef­fek­tiv und re­de­ten nicht, ich hör­te nur das Klop­fen ih­rer Stö­cke auf dem Bo­den. Hin­ter den Sol­da­ten, jen­seits des Schutz­walls, konn­te ich Ge­stal­ten in Schutz­an­zü­gen und Hel­men er­ken­nen. Ge­schützt vor ir­gend­et­was, das dort drau­ßen lau­er­te.

Ge­or­ge

Ich konn­te nicht schla­fen. Nach dem Ge­spräch mit Tom steck­te die Heuga­bel im­mer noch zit­ternd in mei­nem Her­zen, sei­ne Wor­te schwirr­ten in mei­nem Kopf um­her. Ha­be ein Sti­pen­di­um be­kom­men, wird dich nicht ei­nen Cent kos­ten, John hat sich um al­les ge­küm­mert.

Em­ma lag ru­hig ne­ben mir und at­me­te na­he­zu laut­los. Ih­re Ge­sichts­zü­ge wa­ren glatt, sie sah jün­ger aus, wenn sie schlief. Es war bei­na­he un­ver­schämt, wie sie dort lie­gen und schla­fen konn­te, wäh­rend ich ne­ben ihr zu kämp­fen hat­te.

Auf dem Hof­platz fla­cker­te ei­ne Bir­ne. Ei­ne Au­ßen­lam­pe war kurz da­vor, den Geist auf­zu­ge­ben, oder hat­te ei­nen Wa­ckel­kon­takt. Das Fla­ckern wur­de zum Dis­ko­licht. Zu­cken­de St­ro­bo­sko­pe, de­ren Blitz­lich­ter durch das Fens­ter fie­len und mich bis hin­ter die Au­gen­li­der blen­de­ten. Ich zog mir die De­cke über den Kopf, aber es wur­de nicht bes­ser, ich be­kam nur schlech­ter Luft.

Am En­de stand ich auf, ver­such­te die Gar­di­ne zu­recht­zu­zie­hen, dich­te­te den Spalt an der Sei­te ab, durch den das Licht her­ein­fiel.

Aber es reich­te nicht. Selbst durch die Gar­di­ne hin­durch fla­cker­te es. Vi­el­leicht hat­te Em­ma recht, dass wir uns sol­che Blend­schutz­vor­rich­tun­gen kau­fen soll­ten. Sie hat­te mir wel­che in ei­ner Zeit­schrift ge­zeigt, sie sa­hen aus wie nor­ma­le Ja­lou­si­en. Aber das muss­te war­ten. Jetzt galt es, die Lam­pe zu re­pa­rie­ren. So­fort. Es konn­te doch nicht lan­ge dau­ern, ei­ne ein­fa­che, er­träg­li­che Auf­ga­be, die sich schnell er­le­di­gen ließ. Ich hat­te das Ge­fühl, dass ich nicht eher ein­schla­fen konn­te, bis ich mich dar­um ge­küm­mert hat­te. © 2017 BTB VER­LAG, MÜN­CHEN, IN DER VERLAGSGRU­PPE RANDOM HOU­SE GM­BH, ÜBER­SET­ZUNG: URSEL ALLENSTEIN

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