Ret­ten, was zu ret­ten ist

Old­ti­mer müs­sen sorg­fäl­tig ge­pflegt wer­den, um nicht zu ver­fal­len. Aber man soll­te es nicht über­trei­ben. Sonst droht der Ver­lust des H-kenn­zei­chens.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - AUTO&MOBIL - VON STE­VE PRZY­BIL­LA

Ein Au­to, das ist für Gün­ter Glahn mehr als nur Mit­tel zum Zweck. Wo an­de­re ein Trans­port­mit­tel se­hen, mit dem sie mög­lichst schnell von A nach B kom­men, er­blickt Glahn ei­ne rol­len­de Per­sön­lich­keit: wei­ches, war­mes Le­der, glän­zen­des Chrom, fun­keln­der Lack. „Ein Au­to­mo­bil ist et­was Schö­nes“, sagt der 54-Jäh­ri­ge, der in Schall­stadt bei Frei­burg ei­ne klei­ne Werk­statt be­treibt.

Glahn hat sich auf die Pfle­ge von Old­ti­mern spe­zia­li­siert. Ge­nau­er ge­sagt: auf die In­nen­aus­stat­tung. In sei­nem Ein-mann-be­trieb ver­sucht er zu ret­ten, was zu ret­ten ist. Er rei­nigt ab­ge­latsch­te Tep­pich­bö­den, er­setzt zer­ris­se­ne Tür­ver­klei­dun­gen, reibt sprö­des Le­der ein. Im­mer dar­auf be­dacht, den his­to­ri­schen Schätz­chen neu­es Le­ben ein­zu­hau­chen. „Meist geht es da­bei um durch­ge­ses­se­ne Sit­ze“, er­zählt der Re­stau­ra­teur. Be­son­ders freut es ihn, wenn sei­ne Kun­den sei­ne Hin­ga­be zu al­tem Blech tei­len. „Man­che der Au­tos, die ich hier ha­be, sind über 80 Jah­re alt – und vie­le von ih­nen sind sehr gut er­hal­ten.“

Gün­ter Glahns Ar­beits­be­reich sieht eher aus wie ein Atelier. Auf dem Tisch steht ei­ne Näh­ma­schi­ne, im Hin­ter­grund bau­meln Farb-mus­ter wie im Mö­bel­haus. Ei­ne Kol­lek­ti­on von Druck­knöp­fen, Reiß­ver­schlüs­sen und Spe­zi­al­schrau­ben la­gert säu­ber­lich sor­tiert in ein­zel­nen Schub­la­den. Und dann die­ser Duft: Le­der in al­len Far­ben und For­men. Rich­tig ge­pflegt kön­nen die­se Ma­te­ria­li­en sehr lan­ge hal­ten.

Der ge­lern­te Au­to­satt­ler weiß aber auch, dass selbst die hoch­wer­tigs­ten Ol­dies ir­gend­wann ver­fal­len – vor al­lem dann, wenn ih­re Be­sit­zer un­be­dacht mit ih­nen um­ge­hen, sie in der pral­len Son­ne par­ken oder über frisch ge­streu­te Stra­ßen ja­gen wie ei­nen neu­zeit­li­chen Pick-up-truck. Mal sind es ka­put­te Son­nen­blen­den, ein an­de­res Mal Ris­se im Ar­ma­tu­ren­brett oder Fle­cken auf dem Sitz.

Be­ste­hen­des ret­ten statt weg­wer­fen: Das ist nicht nur Glahns Phi­lo­so­phie, son­dern ei­ne Grund-an­nah­me der Old­ti­mer-pfle­ge. Vie­le Ar­bei­ten kön­nen die Be­sit­zer selbst er­le­di­gen. So emp­fiehlt der Au­to­mo­bil­club AVD, Tür­gum­mis und Dich­tun­gen re­gel­mä­ßig mit scho­nen­dem Pfle­ge­mit­tel zu be­han­deln. Ge­ne­rell soll­ten al­te Au­tos nicht zu lan­ge in der Son­ne ste­hen, da­mit die be­tag­ten Stoff- und Le­der­be­zü­ge nicht aus­blei­chen. Bei der Rei­ni­gung soll­te man im­mer be­hut­sam und mit mög­lichst we­nig Druck vor­ge­hen. Und Putz­mit­tel im­mer erst an ei­ner ver­deck­ten Stel­le prü­fen.

Auch Zier­tei­le aus Chrom, Alu­mi­ni­um, Mes­sing oder Edel­stahl soll­ten re­gel­mä­ßig mit ein­schlä­gi­gen Pfle­ge­mit­teln be­han­delt wer­den. Bei Ober­flä­chen, die be­reits in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wur­den, ist je­doch be­son­de­re Vor­sicht ge­bo­ten: So könn­ten Chrom-schich­ten, die sich be­reits lö­sen, im schlimms­ten Fall kom­plett zer­stört wer­den. „Bei Po­li­tur und Pfle­ge mit mög­lichst ge­rin­gem Druck ar­bei­ten“, rät des­halb der Au­to­mo­bil­ver­band. „Schim­mert das Chrom be­reits gelb­lich, hilft meist nur noch ein Gang zum Gal­va­ni­sier-be­trieb.“

All das kann schnell teu­er wer­den. „Vie­le den­ken, ein Au­to be­ste­he nur aus zwei Sit­zen“, meint Ol­die-ex­per­te Gün­ter Glahn. „Wenn ich ih­nen dann er­zäh­le, dass ich meh­re­re Mo­na­te an ih­rem Au­to ar­bei­te, fal­len sie aus al­len Wol­ken.“Al­lein die Re­stau­ra­ti­on ei­nes ein­zel­nen Sit­zes kön­ne bis zu 1600 Eu­ro kos­ten. Die Kos­ten für ei­ne kom­plet­te In­nen­aus­stat­tung (in­klu­si­ve Ver­deck) be­lie­fen sich bei ihm auf 8000 bis 35.000 Eu­ro.

Im Ge­gen­satz zu heu­ti­gen Fahr­zeu­gen, in de­nen vor­wie­gend leich­te Kunst­fa­sern ver­baut sind, ka­men bei Old­ti­mern di­ver­se Na­tur­ma­te­ria­li­en zum Ein­satz. Für die Rei­ni­gung der le­der­nen Sitz­be­zü­ge und Ver­klei­dun­gen emp­fiehlt der Ex­per­te spe­zi­el­le Le­der­sei­fe und Le­der­creme, scho­nend per Bau­woll­tuch auf­ge­tra­gen.

Laut Kraft­fahrt­bun­des­amt sind in Deutsch­land knapp 475.000 Old­ti­mer zu­ge­las­sen, al­so Au­tos, die äl­ter als 30 Jah­re sind. Zum Ver­gleich: 2010 wa­ren es ge­ra­de ein­mal 188.000 Ex­em­pla­re. Die­je­ni­gen von ih­nen, die mit ei­nem H-kenn­zei­chen un­ter­wegs sind, ge­nie­ßen da­bei zahl­rei­che Vor­tei­le: So be­trägt die jähr­li­che Kfz-steu­er pau­schal 191 Eu­ro, un­ab­hän­gig von der Emis­si­ons­klas­se. Auch dür­fen Au­tos mit H-kenn­zei­chen in Um­welt­zo­nen fah­ren, selbst wenn sie die zu­ge­las­se­nen Ab­gas­wer­te über­schrei­ten. Der Grund: His­to­ri­sche Fahr­zeu­ge gel­ten als Kul­tur­gut, das vom Staat als er­hal­tens­wert er­ach­tet wird.

Wer ein H-kenn­zei­chen be­kom­men möch­te, darf es beim Re­stau­rie­ren aber nicht über­trei­ben. „Das Fahr­zeug muss ori­gi­nal­ge­treu sein“, er­klärt Vin­cen­zo Lucà, Spre­cher des Tüv Süd. Zeit­ge­nös­si­sche Än­de­run­gen sei­en durch­aus er­laubt, al­so et­wa Sport­sit­ze oder Rad-rei­fen-kom­bi­na­tio

nen, die es zur da­ma­li­gen Zeit be­reits gab. „Ei­ne Kli­ma­an­la­ge oder ein neu­es Ra­dio ein­zu­bau­en, wä­re da­ge­gen kei­ne gu­te Idee“, warnt Lucà. Na­tür­lich dür­fe je­der mit sei­nem Au­to ma­chen, was er will. „Aber dann muss man in Kauf neh­men, kein H-kenn­zei­chen zu be­kom­men.“Schließ­lich ge­he es um ein er­hal­tens­wer­tes Kul­tur­gut – da müs­se die Op­tik stim­men. Die rich­ti­ge – al­so ori­gi­nal­ge­treue – In­nen­aus­stat­tung kön­ne so­gar zu ei­ner deut­li­chen Wert­stei­ge­rung füh­ren.

Doch was, wenn die his­to­ri­schen Ma­te­ria­li­en nicht mehr ver­füg­bar sind? Und die Ori­gi­nal-sitz­be­zü­ge hoff­nungs­los zer­schlis­sen? „Dann ver­su­chen wir sie trotz­dem zu ret­ten“, sagt Au­to­satt­ler Glahn. Im Not­fall kön­ne man auch neu­es Le­der auf Alt trim­men und mit künst­li­chen Fle­cken ver­se­hen. „Wir ar­bei­ten so­gar Schmutz in die Näh­te ein, da­mit die Sit­ze mög­lichst ori­gi­nal­ge­treu aus­se­hen“, ver­rät Glahn. Doch auch da­bei gilt das ei­ser­ne Mot­to: Bloß nicht über­trei­ben. „Das Ge­samt­bild zählt.“

FO­TO: HANS-PE­TER REICH­ARTZ

475.000 Old­ti­mer – wie die­se bei den Clas­sic Days auf Schloss Dyck in Jü­chen – sind in Deutsch­land zu­ge­las­sen.

FO­TO: STE­VE PRZY­BIL­LA

Au­to­satt­ler Gün­ther Glahn mö­belt in sei­ner Werk­statt in Schall­stadt bei Frei­burg Old­ti­mer wie­der auf. Vor sei­ner Tür parkt ein BMW 321, Bau­jahr 1938.

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