Ve­ry Bri­tish

Der Br­ex­it rückt nä­her. Zeit al­so, ei­ne Bi­lanz zu zie­hen und un­se­re Be­zie­hun­gen zu ei­nem In­sel­volk zu be­leuch­ten, das im­mer schon an­ders sein woll­te.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - MAGAZIN - VON MATTHIAS BEER­MANN

Wir müss­ten uns heu­te we­gen der Bri­ten ver­mut­lich nicht so vie­le Ge­dan­ken ma­chen, wä­re da vor 450.000 Jah­ren nicht die­se dum­me Sa­che pas­siert. Ei­ne Art prä­his­to­ri­scher Br­ex­it, ganz oh­ne Volks­ab­stim­mung. Da­mals herrsch­te ei­ne Eis­zeit, und wo heu­te die Fäh­ren zwi­schen Ca­lais und Do­ver ver­keh­ren, ver­band ein Kalk­stein­rie­gel den eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent mit der Land­mas­se, die heu­te die bri­ti­sche In­sel bil­det. An­stel­le des Är­mel­ka­nals plät­scher­te nur ein Fluss, der in schöns­ter eu­ro­päi­scher Ein­tracht vom Rhein, der Sei­ne und der Them­se ge­speist wur­de. Doch dann wur­de es wär­mer, und Schmelz­was­ser­flu­ten nag­ten an der Land­brü­cke, die schließ­lich in sich zu­sam­men­brach und dann ei­ni­ge Zehn­tau­send Jah­re spä­ter dau­er­haft über­schwemmt wur­de. Oh­ne die­sen Zwi­schen­fall wä­re Groß­bri­tan­ni­en geo­lo­gisch im­mer noch ein Teil Eu­ro­pas. Und die Bri­ten wä­ren wohl nie so ge­wor­den, wie sie sind – so an­ders, „so Bri­tish“.

Bri­tan­ni­en schwamm al­so dem Kon­ti­nent da­von, und seit­her ver­or­ten sei­ne Be­woh­ner al­les, was sich nicht auf ih­rem Ei­land be­fin­det, „over­seas“– in Über­see. Von dort droh­te frei­lich über Jahr­hun­der­te im­mer wie­der die Ge­fahr. Im Jahr 43 nach Chris­tus er­ober­ten die Rö­mer ei­nen gro­ßen Teil der von Kel­ten be­sie­del­ten In­sel und rich­te­ten sich dort für fast vier Jahr­hun­der­te häus­lich ein. Als das Im­pe­ri­um Ro­ma­num schließ­lich zu brö­ckeln be­gann und die Be­sat­zer wie­der ab­zo­gen, stie­gen im heu­ti­gen Nord­deutsch­land und Dä­ne­mark die An­geln und Sach­sen in die Boo­te und ris­sen sich ei­nen gro­ßen Teil Bri­tan­ni­ens un­ter den Na­gel. Es dau­er­te dann ein hal­bes Jahr­tau­send, bis vom Fest­land er­neut Un­ge­mach nah­te: 1066 führ­te Wil­helm der Ero­be­rer sei­ne Nor­man­nen über den Är­mel­ka­nal und er­rich­te­te ein neu­es Kö­nig­reich.

Nun mag man ein­wen­den, dass das ja gar nicht so vie­le In­va­sio­nen wa­ren. Da könn­ten an­de­re Land­stri­che Eu­ro­pas ge­wiss lau­ter Kla­ge füh­ren. Aber auf der In­sel ver­fes­tig­te sich den­noch der Ein­druck, dass der Kon­ti­nent ein Qu­ell ste­ter Ge­fahr sei. Und dar­aus zog man Kon­se­quen­zen. Groß­bri­tan­ni­en bau­te die mäch­tigs­te Kriegs­flot­te der Welt und raff­te nach und nach sein Em­pi­re zu­sam­men. Au­ßer­dem misch­ten sich die Bri­ten in so ziem­lich al­le Hän­del auf dem Kon­ti­nent ein, um zu ver­hin­dern, dass dort ein mäch­ti­ger Feind ent­stand, der sie ei­nes Ta­ges auf ih­rer In­sel be­dro­hen könn­te. Man­che die­ser Kon­flik­te zo­gen sich über Jahr­hun­der­te hin. Mit den Fran­zo­sen, al­so ih­ren engs­ten Nach­barn, lie­fer­ten sich die En­g­län­der Schar­müt­zel und Krie­ge mit ei­ner der­ar­ti­gen Hin­ga­be, dass sie schon die stö­ren­den Deut­schen be­nö­tig­ten, um sich ei­nes Ta­ges wie­der zu­sam­men­zu­rau­fen.

Die Selbst­wahr­neh­mung der Bri­ten, ihr sehr spe­zi­el­ler Blick auf Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa und den Rest der Welt, wur­de schon Mit­te des 18. Jahr­hun­derts in ein glü­hend pa­trio­ti­sches Lied ge­gos­sen, das bis heu­te als in­of­fi­zi­el­le Na­tio­nal­hym­ne Groß­bri­tan­ni­ens gilt: „Ru­le, Bri­tan­nia!“Nie­mals, so wird es im Re­frain be­schwo­ren, dürf­ten die Bri­ten zu Skla­ven wer­den. Des­we­gen müs­se Bri­tan­ni­en über die Ozea­ne herr­schen. Und nicht nur über die Ozea­ne: 1922, als das Em­pi­re in sei­ner geo­gra­fi­schen Aus­deh­nung den Ze­nit er­reicht hat­te, be­herrsch­te Groß­bri­tan­ni­en gut ein Vier­tel der Erd­ober­flä­che und ein Fünf­tel der da­ma­li­gen Welt­be­völ­ke­rung. Wen wun­dert’s, dass die­se ge­ball­te und völ­lig un­ge­nier­te Aus­übung von Macht tie­fe Spu­ren im bri­ti­schen Be­wusst­sein hin­ter­las­sen hat.

Wohl nie­mand hat das Ge­fühl ei­ner zi­vi­li­sa­to­ri­schen Über­le­gen­heit so kul­ti­viert wie die Bri­ten. Ganz be­son­ders ge­gen­über den Cou­sins vom Fest­land. Von der Spa­ni­schen Ar­ma­da über Na­po­le­on bis zu Hit­ler ist es aus bri­ti­scher Sicht im­mer das trut­zi­ge In­sel­volk ge­we­sen, das De­s­po­ten und Ag­gres­so­ren auf dem Kon­ti­nent er­folg­reich be­kämpft hat und da­bei glei­cher­ma­ßen in­stink­tiv auch mo­ra­lisch im­mer auf der rich­ti­gen Sei­te stand. Un­zwei­fel­haft han­delt es sich um ei­ne po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Er­folgs­ge­schich­te, aus der sich frei­lich auch ei­ne pe­ne­tran­te kul­tu­rel­le Ar­ro­ganz ab­lei­te­te, de­ren Grund­über­zeu­gung lau­te­te: An Bri­tan­ni­ens We­sen soll die Welt ge­ne­sen.

Kri­ti­sche Geis­ter wie Ge­or­ge Or­well moch­ten sich dar­über mo­kie­ren. „Un­be­strit­ten“, so läs­ter­te der Schrift­stel­ler, der in den 20er Jah­ren als Po­li­zei­of­fi­zier in Bur­ma dien­te, „sind die zi­vi­li­sa­to­ri­schen Er­run­gen­schaf­ten, wel­che das bri­ti­sche Em­pi­re in al­le Welt trägt. Wo im­mer wir uns nie­der­las­sen, wer­den ei­ne Post, ein Bahn­hof, ein Ge­fäng­nis und ein Club ge­grün­det.“Aber das än­der­te nichts dar­an, dass sich die bri­ti­sche Eli­te mit auf­rei­zen­der Selbst­ver­ständ­lich­keit für den Na­bel der Welt hielt. Und die De­bat­te um den Br­ex­it hat ge­zeigt, dass sich die­se Hal­tung we­nigs­tens in ge­wis­sen Krei­sen hart­nä­ckig ge­hal­ten hat.

Wir wol­len nicht un­ge­recht sein. Nie­mand kann be­strei­ten, dass die Bri­ten der Welt viel ge­ge­ben ha­ben. An­ge­fan­gen mit ih­rer Spra­che, oh­ne die die glo­ba­le Ver­stän­di­gung im 21. Jahr­hun­dert wohl un­denk­bar wä­re. Und dann die vie­len be­deu­ten­den Er­fin­dun­gen, die von der In­sel aus ih­ren Sie­ges­zug an­tra­ten und un­ser Le­ben ver­än­dert ha­ben: die Dampf­ma­schi­ne et­wa, das Pe­ni­cil­lin oder auch so über­aus nütz­li­che Din­ge wie der Re­gen­man­tel. Oh­ne das Em­pi­re und sei­ne Of­fi­ziers­ka­si­nos gä­be es wo­mög­lich kei­nen Gin To­nic, und die Welt wä­re si­cher är­mer oh­ne eng­li­sche Gar­ten­kul­tur, bri­ti­sche Pop­mu­sik oder den bril­lan­ten Kla­mauk ei­ner Ko­mi­ker­trup­pe wie Mon­ty Py­thon.

Das sind Fak­to­ren der „soft power“, der ge­schmei­di­gen Ein­fluss­nah­me auf die Welt, die die Bri­ten heu­te min­des­tens so gut be­herr­schen wie einst das Kriegs­hand­werk. Die Nost­al­gie je­doch, die Sehn­sucht nach al­ter Grö­ße, die vie­le Men­schen auf der In­sel heu­te wie­der von ei­nem Post-br­ex­it-kö­nig­reich träu­men lässt, sie nährt sich aus der über Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ge­reich­ten Er­in­ne­rung an ei­ne my­thisch ver­klär­te Ver­gan­gen­heit, die ge­prägt war von im­pe­ria­ler Macht. Und be­herrscht von ei­ner ziem­lich ver­lo­ge­nen, aber in die­sen Ta­gen den­noch er­folg­reich po­li­tisch in­stru­men­ta­li­sier­ten Vor­stel­lung, wo­nach Groß­bri­tan­ni­en im Grun­de im­mer dann am stärks­ten war, wenn es al­lein stand.

Den vor­läu­fi­gen Schluss­stein in die­ser Er­zäh­lung vom he­roi­schen Bri­tan­ni­en bil­det der Sieg über Na­zi-deutsch­land, der un­denk­bar ge­we­sen wä­re oh­ne den auf­op­fe­rungs­vol­len Wi­der­stand, den die Bri­ten 1940 ge­gen den An­sturm der brau­nen Hor­den vom Kon­ti­nent leis­te­ten – auf sich al­lein ge­stellt, im Ha­gel der deut­schen Bom­ben und mit dem Rü­cken zur Wand. Das Bild von der „stiff up­per lip“, der stei­fen Ober­lip­pe, mit der der Bri­te je­der Un­bill trotzt, wur­de zum Sinn­bild je­ner Zeit und dient heu­te je­nen als will­kom­me­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­hil­fe, die die Fol­gen ei­nes chao­ti­schen Aus­schei­dens aus der EU klein­zu­re­den ver­su­chen: Al­les halb so wild, wir ha­ben weit Schlim­me­res durch­stan­den. Oder wie es im Krieg auf mil­lio­nen­fach ge­kleb­ten Pro­pa­gan­da­pla­ka­ten hieß: „Keep calm and car­ry on“– Ru­he be­wah­ren und wei­ter­ma­chen.

Nur, wei­ter­ma­chen wo­mit? Groß­bri­tan­ni­en scheint wie be­ses­sen von sei­ner Ver­gan­gen­heit und ver­gisst dar­über in die­sen Ta­gen wo­mög­lich sei­ne Zu­kunft. Vor zwei Jah­ren be­gann die da­ma­li­ge Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May plötz­lich von „Glo­bal Bri­tain“zu spre­chen. Es soll­te wohl so et­was sein wie ei­ne Ver­hei­ßung von Welt­of­fen­heit und den traum­haf­ten Mög­lich­kei­ten des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs, so­bald der Eu-aus­tritt erst ein­mal voll­zo­gen sein wür­de. In Wirk­lich­keit ha­ben sich die Bri­ten po­li­tisch zu­letzt im­mer stär­ker von der Welt ab­ge­wandt, und spä­tes­tens seit dem Br­ex­it-re­fe­ren­dum 2016 kreist das Land nur noch um sich selbst.

Schon ein­mal hat­te ein Schlag­wort die bri­ti­sche Po­li­tik ge­prägt. En­de des 19. Jahr­hun­derts, als man in Lon­don mit dem mäch­tigs­ten Ko­lo­ni­al­reich der Ge­schich­te im Rü­cken die kon­ti­nen­ta­len Nach­barn sich selbst über­ließ und sich höchs­tens gön­ner­haft als Schieds­rich­ter ein­misch­te, ge­noss man die „sple­ndid iso­la­ti­on“, die wun­der­ba­re Iso­la­ti­on der In­sel. Frei­lich, der wun­der­ba­re Zu­stand hielt nur ei­ni­ge Jah­re an, dann zwang die har­te welt­po­li­ti­sche Wirk­lich­keit die Bri­ten aus der Re­ser­ve. Gut mög­lich, dass es die­ses Mal auch wie­der so ist und der men­ta­le Rück­zug auf die In­sel nicht von lan­ger Dau­er. Wä­re doch wirk­lich scha­de, wenn wir bis zur nächs­ten Eis­zeit war­ten müss­ten.

Auf der In­sel ver­fes­tig­te sich schon früh der Ein­druck, dass der Kon­ti­nent ein Qu­ell ste­ter Ge­fahr sei Die Welt wä­re är­mer oh­ne eng­li­sche Gar­ten­kul­tur, bri­ti­sche Pop­mu­sik oder den Kla­mauk von Mon­ty Py­thon

IL­LUS­TRA­TI­ON: MAR­TIN FERL

SAMS­TAG, 5. OK­TO­BER 2019

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