Vom Vor­teil der Ge­las­sen­heit

Bei ge­naue­rem Hin­se­hen sind vie­le Pan­nen un­se­res All­tags kein Auf­re­ger.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - STIMME DES WESTENS - LOTHAR SCHRÖ­DER

Na­tür­lich gibt es Vie­les, wor­über man sich auf­re­gen könn­te. Et­wa über die äl­te­re Da­me di­rekt hin­ter uns an der Su­per­markt­kas­se, die uns jetzt schon zum drit­ten Mal ih­ren Ein­kaufs­wa­gen ge­gen die Ha­cken stupst. Oder beim Bä­cker über den Mann in Rei­he eins, der sei­ne klei­ne Toch­ter in gro­ßer See­len­ru­he be­fragt, wel­ches Bröt­chen sie mög­li­cher­wei­se an die­sem Sonn­tag­mor­gen zu spei­sen ge­denkt.

Auch dar­an muss­te ich bei ei­ner Rück­fahrt aus Ber­lin den­ken, ir­gend­wann nach 22 Uhr. Un­ser Zug war mit­ten auf frei­er Stre­cke we­gen ei­nes De­fekts ste­hen­ge­blie­ben, spä­ter ga­bel­te uns ein an­de­rer Zug auf. Der aber fuhr ei­ne et­was an­de­re Rou­te, so­dass sich mei­ne An­kunft in Düs­sel­dorf weit nach Mit­ter­nacht ver­schob. Es gab das üb­li­che Ge­flu­che im über­füll­ten Ab­teil, die meis­ten wa­ren ge­nervt, et­li­che nur noch sar­kas­tisch. Ein ech­ter Auf­re­ger al­so? Aber was ist wirk­lich pas­siert? Gut, un­se­re Plä­ne ge­rie­ten durch­ein­an­der: Al­le wür­den spä­ter nach Hau­se kom­men. Wir wa­ren hun­de­mü­de, und der nächs­te Tag wür­de ver­mut­lich an­stren­gen­der als sonst. Mehr nicht? Manch­mal muss man sich ein­fach nur die Fol­gen un­se­rer „Ka­ta­stro­phen“vor Au­gen hal­ten und sich dann ernst­haft fra­gen, ob der Un­mut rich­tig ist. Hel­fen tut er so­wie­so nicht. Es scheint, als ob wir in ei­ner fast per­fekt or­ga­ni­sier­ten Welt das ge­le­gent­lich Un­per­fek­te nicht mehr zu ak­zep­tie­ren be­reit sind. Wir wol­len funk­tio­nie­ren, und dar­um soll al­les um uns her­um auch funk­tio­nie­ren. Je­der weiß, dass das nicht im­mer ge­lin­gen kann. Ein we­nig mehr Ge­las­sen­heit ist die bes­se­re, rea­lis­ti­sche­re, ge­rech­te­re Ein­stel­lung. Der Ge­las­se­ne ist nicht gleich­gül­tig. Aber er weiß zu un­ter­schei­den, was wich­tig ist und was nicht. Und er ist be­reit, das an­zu­neh­men, was pas­sie­ren kann. Die Welt ist nicht per­fekt, wir sind es gott­lob auch nicht. Der Ge­las­se­ne weiß es.

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