Die Frau, die blei­ben will

Seit ih­rer Kind­heit weiß Brit­ta Kox, dass sie we­gen des Ta­ge­baus ih­re Hei­mat, das Dorf Ber­ver­ath, ver­lie­ren könn­te. Doch da­mit will sie sich nicht ab­fin­den. Not­falls wür­de sie so­gar ge­gen RWE vor Ge­richt zie­hen.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON SEBASTIAN DALKOWSKI

BER­VER­ATH Wenn Brit­ta Kox die Hoff­nung se­hen möch­te, muss sie bloß vor die Tür tre­ten und ein paar Hun­dert Me­ter nach rechts lau­fen. Ein Bau­er hat dort ei­ne Scheu­ne er­rich­tet, als längst klar schien, dass die Scheu­ne und das Dorf Ber­ver­ath im Ta­ge­bau ver­schwin­den wür­den. War­um er das denn ma­che, wenn er doch weg­zie­hen müs­se, frag­te Kox ihn, so er­zählt sie es. Er ant­wor­te­te, er wer­de nicht weg­zie­hen.

Brit­ta Kox ist ei­ne Frau, die sich ih­re Haa­re rot färbt, die Fin­ger­nä­gel in zwei ver­schie­de­nen Far­ben la­ckiert und seit dem sechs­ten ih­rer 47 Le­bens­jah­re weiß, dass die Bag­ger von RWE ih­re Hei­mat zer­stö­ren könn­ten. Ih­re Hei­mat ist Ber­ver­ath, ein Dorf von knapp 100 Ein­woh­nern, das zu Erkelenz ge­hört und noch so ge­ra­de eben Nie­der­rhein ist. Bis 2028 sol­len al­le weg­ge­zo­gen sein. Auch die Nach­bar­or­te Key­en­berg, Kuck­um, Ober- und Un­ter­west­rich sol­len ver­schwin­den, zu­sam­men knapp 1500 Ein­woh­ner. Brit­ta Kox aber hält da­ge­gen: „Ich möch­te kein Dorf mehr ster­ben se­hen.“Nachts hört sie schon die Bag­ger.

Das Grund­stück, auf dem sie mit ih­rem Mann und drei ih­rer vier Kin­der lebt, ist seit Jahr­hun­der­ten im Be­sitz ih­rer Fa­mi­lie. 2000 Qua­drat­me­ter, ein gro­ßer, wil­der Gar­ten. Die Ur­groß­mut­ter ha­be das Haus nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit 14 Kin­dern wie­der auf­ge­baut, sagt sie. Als Kind pflanz­te Kox ei­nen Baum, an dem sie nun ih­re Hän­ge­mat­te be­fes­ti­gen kann. Die Werk­bank des Groß­va­ters steht noch im Schup­pen. „Ich bin mas­siv hei­mat­ver­bun­den, auch wenn wir für al­les fah­ren müs­sen“, sagt sie.

Kox ist in Ber­ver­ath auf­ge­wach­sen. Sie ha­ben Ban­den ge­grün­det, Ober­dorf ge­gen Un­ter­dorf, die Trenn­li­nie war die Ka­pel­le. Lag Schnee, zog ein Tre­cker sie auf dem Schlit­ten über die Feld­we­ge. In Key­en­berg ging sie zur Grund­schu­le, hin­ter der Kir­che küss­te sie mit 17 zum ers­ten Mal den Jun­gen, der ihr Mann wer­den soll­te, in Im­merath ging sie zur Haupt­schu­le und sonn­tags in die Mes­se. Im­merath gibt es nicht mehr, Key­en­berg und Bag­ger tren­nen noch ein paar Hun­dert Me­ter. Zwi­schen­zeit­lich zog sie im­mer mal wie­der weg, kehr­te wie­der zu­rück und über­nahm 2015 mit Kin­dern und Ehe­mann das El­tern­haus. Va­ter und Mut­ter zo­gen aus, weil ih­nen das Haus zu groß war und sie sich den Stress mit dem Ta­ge­bau nicht mehr zu­mu­ten woll­ten.

Brit­ta Kox wuss­te bei ih­rem Ein­zug, was droh­te, und doch ver­ließ sie die Zu­ver­sicht, als Ber­ver­ath und die um­lie­gen­den Dör­fer im De­zem­ber 2016 den Um­sied­lungs­sta­tus er­hiel­ten. Seit­dem ent­steht nörd­lich von Erkelenz das neue Ber­ver­ath ne­ben dem neu­en Key­en­berg, Kuck­um, Un­ter- und Ober­west­rich. Die Dör­fer wer­den nicht nach­ge­baut, es droht der Charme ei­nes Neu­bau­ge­biets, die Be­woh­ner kön­nen mit dem Geld, das sie für ihr al­tes Grund­stück er­hal­ten, Bau­land im neu­en Ort kau­fen. Doch Kox sagt, sie wür­de nicht nur ih­re Hei­mat ver­lie­ren, son­dern auch ei­nen gro­ßen Teil der Flä­che. Ei­nen Nutz­gar­ten dürf­te sie nicht mehr be­trei­ben, Bäu­me pflan­zen für die Hän­ge­mat­te auch nicht. Laut RWE hat sich das Un­ter­neh­men mit 71 Pro­zent der Haus­hal­te in den fünf Dör­fern über ei­nen Ver­kaufs­preis ei­ni­gen kön­nen, 56 Pro­zent wol­len in die neue Sied­lung zie­hen. Kox hat nicht mit RWE ge­spro­chen. Falls sie um­zie­hen müs­se, dann in ein an­de­res Dorf, ei­nes, das his­to­risch ge­wach­sen ist. „Ich blei­be so lan­ge, wie es geht“, sagt sie.

Kox war schon früh im Wi­der­stand, das hat­te sie vom Va­ter. Mit 14 stand sie in der Fa­ckel­ket­te. Der Va­ter schimpf­te mit den Kin­dern, wenn sie Plas­tik­tü­ten aus dem Su­per­markt mit­brach­ten. Doch der Um­sied­lungs­sta­tus gab ihr das Ge­fühl, kei­ne Chan­ce mehr zu ha­ben. Dann aber kam das Jahr 2018, der

Ro­dungs­stopp im Ham­ba­cher Forst, die Koh­le­kom­mis­si­on, die ein En­de der Strom­ge­win­nung aus Koh­le bis 2038 emp­fahl. Für Kox das Si­gnal: Ei­gent­lich kön­nen die Dör­fer blei­ben. „Die­ses Licht leuch­te­te ganz groß.“

Doch sie will nicht nur hof­fen, son­dern was da­für tun. Erst vor kur­zem gab die Grup­pe „Men­schen­recht vor Berg­recht“be­kannt, dass sie sich not­falls mit ju­ris­ti­schen Mit­teln RWE in den Weg stel­le. „Das ei­ge­ne Wohn­haus und den Hei­mat­ort auf­ge­ben zu müs­sen, ist ein gra­vie­ren­der Ein­griff in die Grund­rech­te der Men­schen“, sag­te Rechts­an­walt Dirk Teß­mer, der die An­woh­ner ju­ris­tisch ver­tritt, auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz in Düs­sel­dorf. „Dass dies in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels und des Koh­le­aus­stiegs für den Ab­bau kli­ma­schäd­li­cher Braun­koh­le von die­sen ver­langt wird, ist ab­so­lut nicht mehr zeit­ge­mäß und aus un­se­rer Sicht so­gar ver­fas­sungs­wid­rig.“Kox ge­hört zu die­ser Grup­pe, zu zehnt ha­ben sie ein Grund­stück am Orts­rand von Key­en­berg ge­kauft. Da sie die­ses nicht an RWE ver­kau­fen wol­len, müss­te das Un­ter­neh­men die Ent­eig­nung be­an­tra­gen, wenn es wei­ter bag­gern will. Da­ge­gen kön­nen die An­woh­ner recht­lich vor­ge­hen. Sie hof­fen, so ei­nen Prä­ze­denz­fall zu schaf­fen, der wei­te­re Ent­eig­nun­gen ver­hin­dert und die Dör­fer ret­tet.

Kox hofft, dass es nicht zum Rechts­streit kom­men wird, son­dern RWE und Lan­des­re­gie­rung nach­ge­ben. Auf ei­ner Ska­la von 1 bis 10 liegt ih­re Hoff­nung bei 7, dass sie ih­re Hei­mat ret­ten kann. Ge­ra­de den­ken sie dar­über nach, sich ei­ne So­lar­an­la­ge aufs Dach zu set­zen.

„Ich möch­te kein Dorf mehr ster­ben se­hen“Brit­ta Kox

FOTO: ANNE ORTHEN

Brit­ta Kox vor ih­rem Haus in Ber­ver­ath. Es ist ei­nes der Dör­fer, die für den Ta­ge­bau ver­schwin­den sol­len.

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