Be­such im Kri­sen­ge­biet

Ih­re ers­te Ein­satz­rei­se führt die neue Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er (CDU) nach Ni­ger und Ma­li.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - VON GREGOR MAYNTZ

NIAMEY Ei­ne klei­ne Eh­ren­for­ma­ti­on ist mit blau­en Ba­retts und ei­nem ein­sa­men Trom­pe­ter am mi­li­tä­ri­schen Teil des Flug­ha­fens der Haupt­stadt Ni­gers an­ge­tre­ten. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Is­sou­fou Ka­tam­bé nimmt sei­nen Gast aus Deutsch­land an die­sem Sonn­tag­nach­mit­tag bei 38 Grad im Schat­ten per­sön­lich am Mi­li­tär-air­bus A310 ab. Für An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er ist es der ers­te Be­such im Ein­satz, seit sie vor elf Wo­chen ihr Amt als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin an­ge­tre­ten hat. Ein paar hun­dert Me­ter wei­ter steht ein zum Sa­ni­täts­flie­ger um­ge­bau­ter Trup­pen­trans­por­ter be­reit, um je­der­zeit ver­letz­te und ver­wun­de­te deut­sche Sol­da­ten aus dem be­nach­bar­ten Ma­li nach Hau­se brin­gen zu kön­nen. Ein kla­res Zei­chen, dass sich Kramp-kar­ren­bau­er zum Auf­takt gleich ei­nen der ge­fähr­li­che­ren und kom­pli­zier­te­ren Ein­sät­ze aus­ge­sucht hat. Erst in der ver­gan­ge­nen Wo­che war ein Sol­dat im Ein­satz so schwer er­krankt, dass die Ver­ant­wort­li­chen ihn nach Deutsch­land brin­gen lie­ßen. Die Ret­tungs­ket­te funk­tio­niert.

Aber Kramp-kar­ren­bau­er lernt auch gleich ken­nen, was zu­min­dest aus der Sicht des Wehr­be­auf­trag­ten Hans-pe­ter Bar­tels über­haupt nicht funk­tio­niert: Die Ver­le­gung von Kampf­schwim­mern der Ma­ri­ne oh­ne Man­dat des Bun­des­ta­ges. Für die Bun­des­re­gie­rung war das kein Pro­blem: Die Re­gie­rung in Niamey woll­te ei­ne Er­tüch­ti­gung ih­rer ei­ge­nen Spe­zi­al­kräf­te mit Hil­fe der Deut­schen, al­so ist man die­ser klei­nen Un­ter­stüt­zungs­bit­te nach­ge­kom­men. Die „Ope­ra­ti­on Ga­zel­le“ist ja kein Kampf­ein­satz. Aber: Die Si­tua­ti­on in dem afri­ka­ni­schen Land ist al­les an­de­re als sta­bil. Vier Us-spe­zi­al­kräf­te sind in ei­nem Hin­ter­halt is­la­mis­ti­scher Ter­ror­mi­li­zen ge­tö­tet wor­den. Wie ge­fähr­det sind die deut­schen Spe­zi­al­kräf­te?

„Der Par­la­ments­vor­be­halt für die Man­da­tie­rung von Ein­sät­zen ist ein ho­hes Gut“, un­ter­streicht Grü­nen-ver­tei­di­gungs­ex­per­te To­bi­as Lindner. Das Ver­fas­sungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass grund­sätz­lich im­mer dann der Bun­des­tag grü­nes Licht ge­ben muss, wenn deut­sche Sol­da­ten in Kampf­hand­lun­gen ver­wi­ckelt wer­den könn­ten. Es ge­be zwar ver­schie­de­ne Rechts­auf­fas­sun­gen, räumt auch Lindner ein. Doch im Zwei­fel sei es im­mer bes­ser, auf ein Man­dat zu ge­hen, um Un­si­cher­heit und Un­schär­fe zu be­sei­ti­gen, und zwar im In­ter­es­se des Sol­da­ten und des Par­la­men­tes.

Die ers­ten po­li­ti­schen Ge­sprä­che zie­hen sich län­ger hin als ge­plant. Schließ­lich ist die Not auch grö­ßer als in an­de­ren Län­dern. Als Kramp-kar­ren­bau­er vom Ter­min mit Pre­mier­mi­nis­ter Bri­gi Ra­fi­ni kommt, hat sie sei­nen „Schrei des Her­zens“noch im Ohr. Ni­ger sei das ärms­te Land in der Sa­hel-zo­ne. Grenz­über­schrei­ten­der Ter­ro­ris­mus wir­ke hin­ein und mit hei­mi­schen Kon­flik­ten zu­sam­men. Das ha­be die Re­gie­rung ge­zwun­gen, von den üb­li­chen fünf Pro­zent des staat­li­chen Haus­hal­tes für Si­cher­heit und Ver­tei­di­gung auf 18 Pro­zent zu ge­hen. Das Geld feh­le dann na­tür­lich für die bit­ter nö­ti­ge Gr­und­ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung. Nach­drück­lich bit­tet Ra­fi­ni die deut­sche Mi­nis­te­rin, die Un­ter­stüt­zung für sein Land aus­zu­wei­ten. Be­den­ken am Ran­de hat der Lin­ken-ver­tei­di­gungs­ex­per­te To­bi­as Pflü­ger. Er hat von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen Na­men von In­haf­tier­ten mit­ge­bracht und kon­fron­tiert den Re­gie­rungs­chef mit de­ren Schick­sa­len. Ra­fi­ni winkt ab und ver­weist auf die gu­ten Zeug­nis­se, die sein Land für die Men­schen­rechts­la­ge be­kom­me. Pflü­ger ist nicht über­zeugt und hat Be­den­ken, noch in­ten­si­ver mit ei­ner Re­gie­rung zu­sam­men zu ar­bei­ten, die in Sa­chen De­mo­kra­tie „pro­ble­ma­tisch“sei. Niamey hat die Bun­des­wehr als Luft­dreh­schei­be aus­ge­baut. Von hier aus be­lie­fert das 80 Kräf­te zäh­len­de Kon­tin­gent auch Ka­me­ra­den in Se­ne­gal, Ma­li, Ni­ge­ria, der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Re­pu­blik, im Tschad, in Bur­ki­na Fa­so und eben Ni­ger selbst. Die Um­ge­bung ist nicht oh­ne. Nie­mals dür­fen die Sol­da­ten al­lei­ne jog­gen. Denn über­all lau­ern Schlan­gen, Skor­pio­ne, Gift­spin­nen.

Es ist bei wei­tem nicht die größ­te Ge­fahr, die Kramp-kar­ren­bau­er bei ih­rer ers­ten Ein­satz­rei­se aus der Nä­he er­lebt. Die Si­tua­ti­on im Nach­bar­land Ma­li ist noch kom­pli­zier­ter, noch brü­chi­ger. Es scheint, als sei es auch nach fünf Jah­ren vor Ort nicht bes­ser ge­wor­den. Des­halb will die Mi­nis­te­rin so vie­le Ein­drü­cke und Ein­schät­zun­gen wie mög­lich sam­meln, um bei der im Früh­jahr an­ste­hen­den Ver­län­ge­rung ent­schei­den zu kön­nen, wo noch mehr ge­tan wer­den muss, um Mi­gra­ti­on und Ter­ror nicht erst in Eu­ro­pa ent­ge­gen­tre­ten zu müs­sen.

FOTO: DPA

Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er wird von ih­rem Amts­kol­le­gen Is­sou­fou Ka­tam­be in der Haupt­stadt Ni­gers be­grüßt.

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