Mam­ma Mia!

Die 73 Jah­re al­te Mu­si­ke­rin und All­tags-phi­lo­so­phin Cher gibt ein denk­wür­di­ges Kon­zert vor 15.000 Fans in Köln.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - KULTUR - VON PHILIPP HOLSTEIN

KÖLN Sie trägt ei­ne blaue Pe­rü­cke, sie sieht aus wie ei­ne Ei­s­tän­ze­rin, aber ir­gend­wie auch wie ein Fun­ken­ma­rie­chen und ei­ne Meer­jung­frau. Sie hat ge­ra­de „Strong Enough“ge­sun­gen, die­sen 24-Ka­rat-tanz­schla­ger über ei­ne Frau, die ih­rem Ty­pen kei­ne Trä­ne hin­ter­her­weint, weil sie stark ge­nug ist, auch oh­ne ihn klar­zu­kom­men.

Cher ist da­zu auf ei­ner gol­de­nen Schau­kel vom Him­mel ge­schwebt, und sie hat mit Mus­kel-ado­nis­sen ge­tanzt, die wie rö­mi­sche Le­gio­nä­re ver­klei­det wa­ren. Nun steht sie da und sieht zu, wie das Pu­bli­kum aus­flippt, und sie klingt sie­ges­ge­wiss, als sie fragt: „Klatscht ihr, weil ich noch am Le­ben bin oder weil ich es ge­schafft ha­be, in die­ses Kleid zu kom­men?“

Die 73 Jah­re al­te Cher tritt in der aus­ver­kauf­ten Köl­ner Are­na auf, 15.000 Fans sind da, und es ist ein ir­rer Abend. Nach je zwei Lie­dern zieht Cher sich um, die Büh­ne wird neu de­ko­riert, mal wie At­lan­tis und wie ein Di­ner, dann wie ein Flug­zeug­trä­ger und ein Bur­les­que-club, und ein­mal rei­tet Cher so­gar auf ei­nem künst­li­chen Ele­fan­ten ein, weil das Mot­to halt In­di­en ist.

Im Pu­bli­kum tra­gen vie­le die mit Led-lämp­chen ver­zier­ten Blu­men­krän­ze im Haar, die man im Foy­er für zehn Eu­ro kau­fen konn­te, und das passt be­son­ders gut an der Stel­le, als Cher zu­rück­reist ins Jahr 1965 und „I Got You Ba­be“singt, und zwar im Du­ett mit ih­rem da­ma­li­gen Ehe­mann Son­ny. Der tritt in schwarz­weiß auf der Lein­wand im Hin­ter­grund auf, und Cher, die nun Schlag­ho­se trägt und das Haar schwarz, glatt und lang, blickt ver­liebt zu ihm her­über. Son­ny Bo­no ist zwar vor 21 Jah­ren ge­stor­ben, und die Schei­dung 1974 war arg schmut­zig, aber das ist nun eben­so egal wie die Tat­sa­che, dass Cher be­reits vor 15 Jah­ren ih­re Ab­schieds­tour­nee ge­ge­ben hat.

Cher wird aus dem Büh­nen­bo­den ge­ho­ben, es ex­plo­diert ein Feu­er­werk, sie singt „Fer­nan­do“und an­de­re Lie­der von Ab­ba, und al­le klin­gen auf die glei­che Art un­ter­schied­lich, aber das macht nichts. Die Zu­schau­er sind der­art aus dem Häu­schen, dass sie vor ih­ren Sit­zen her­um­dif­fun­die­ren wie Luft­bläs­chen im Sekt und kaum zum Fo­to­gra­fie­ren kom­men, weil sie bei­de Hän­de zum Tan­zen brau­chen. Män­ner küs­sen Män­ner, Frau­en um­ar­men Frau­en, Män­ner flir­ten mit Frau­en, und die schä­kern zu­rück: Gim­me, Gim­me, Gim­me a wo/ man af­ter mid­ni­ght.

Das hier ist für 90 Mi­nu­ten die idea­le Ge­sell­schaft, Uto­pia Gla­mo­ro­sa. Cher hat das En­de des Re­gen­bo­gens ge­fun­den, sie hat ei­nen Topf vol­ler Flit­ter ge­öff­net, sie ist die Rain­bow Bri­de, und love is all we need.

In den Um­bau­pau­sen lau­fen Bil­der aus Chers Kar­rie­re über die Lein­wand, ih­re vie­len In­kar­na­tio­nen: Hip­pie-el­fe, Os­car-ge­win­ne­rin, Ro­cke­rin mit nichts an, Gast im Ki­no­mu­si­cal „Mam­ma Mia“. Ein­mal hält sie ei­ne Re­de, be­stimmt zehn Mi­nu­ten spricht sie über das Al­ter und die Män­ner, und da fällt ei­nem noch mal auf, wie stark un­ter­schätzt die Phi­lo­so­phin Cher doch ist: „Vie­le Män­ner wür­den von zu­hau­se ab­hau­en, wenn sie wüss­ten, wie man ei­nen Kof­fer packt.“Und, ihr Klas­si­ker: „Auf der Su­che nach dem rich­ti­gen Mann kann man viel Spaß mit dem fal­schen ha­ben.“

Cher hat sich im­mer ge­gen die Do­mi­nanz der Män­ner im Un­ter­hal­tungs­busi­ness ge­wehrt. Nach der Tren­nung von Son­ny Bo­no ha­ben we­ni­ge an sie ge­glaubt, dann ver­kauf­te sie 200 Mil­lio­nen Plat­ten. Vie­le Pro­du­zen­ten hiel­ten sie für zu alt, als sie zu fil­men be­gann, dann hol­te sie den Os­car. Zu­rück­hal­tung war nie ihr Ding, sie woll­te das­sel­be, was auch die Män­ner be­ka­men, und ih­re Selbst­er­mäch­ti­gung wuss­te sie amü­sant zu ver­kau­fen: „Im Bett be­vor­zu­ge ich jün­ge­re Män­ner. Die wis­sen zwar nicht, was sie tun, aber sie tun es die gan­ze Nacht.“

Neun Tän­zer wim­meln um sie her­um, zwei Back­ground­sän­ge­rin­nen un­ter­stüt­zen sie, fünf Mu­si­ker sor­gen für Vo­lu­men. Sie singt „Wal­king In Mem­phis“, „If I Could Turn Back Ti­me“und den „Sho­op Sho­op Song“. Sie tritt mal als Prin­zes­sin auf, mal als Dis­co-queen, in Pumps und Boots, mit Le­der­ja­cke und Lo­cken­mäh­ne.

Cher kann sich nicht ent­schei­den zwi­schen Aus­schwei­fung und Ek­s­ta­se, und das Kon­zert wirkt wie der Sound­track zu Su­san Son­tags Es­say „No­tes On Camp“aus dem Jahr 1964, wor­in das iro­ni­sche, aber lie­be­vol­le Über­trei­ben als Stra­te­gie be­schrie­ben wird, den Sta­tus Quo her­aus­zu­for­dern. Wer ihn liest, be­greift das Phä­no­men Cher: In der thea­tra­li­schen Über­zeich­nung setzt sie sich hin­weg über die Ka­te­go­ri­en schön und häss­lich, gut und schlecht, Mann und Frau. Ih­re Hem­mungs­lo­sig­keit wirkt be­frei­end, sie bricht mit dem Ka­non.

Der Hö­he­punkt kommt am En­de: Für ih­ren Ti­tel „Be­lie­ve“hielt Cher 1998 in der Bo­xen­gas­se und ließ ih­re Sing­stim­me ganz neu be­rei­fen. Au­to­tu­ne heißt die Soft­ware, die für die ex­tre­me Ton­hö­hen­kor­rek­tur sorgt. Schrill und ga­ga und un­be­dingt too much. Ge­nau so muss Pop sein.

Mer­ci, CHERIE.

„Auf der Su­che nach dem rich­ti­gen Mann kann man viel Spaß mit dem fal­schen ha­ben“Cher

FOTO: DPA

Wie­der auf gro­ßer Tour­nee: die 73-jäh­ri­ge Cher.

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