Die Ge­schich­te der Bie­nen

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - UNTERHALTU­NG -

Ro­man Fol­ge 47

Es war ei­ne war­me Nacht. Ich zog kei­ne Ja­cke an, ging nur in dem T-shirt hin­aus, in dem ich mich auch ins Bett ge­legt hat­te. Es sah mich ja so­wie­so nie­mand.

Die Lam­pe hing hoch oben an der Wand, ich brauch­te ei­ne Lei­ter. Ich ging in den Schup­pen, nahm die längs­te Lei­ter von der Wand, ging hin­aus, stell­te sie bei der Lam­pe auf, kon­trol­lier­te, ob sie ei­nen si­che­ren Stand hat­te, und klet­ter­te hin­auf.

Die run­de Glas­kup­pel der Lam­pe saß bom­ben­fest. Sie ließ sich kei­nen Mil­li­me­ter be­we­gen. Noch da­zu war sie heiß, so heiß, dass ich sie ge­ra­de so an­fas­sen konn­te, aber nicht lan­ge. Ich ver­such­te es mit dem T-shirt, hielt die Kup­pel mit ei­nem Stoff­zip­fel fest, wäh­rend ich sie dreh­te, aber es ging nicht. Am En­de zog ich das T-shirt aus.

Die Bir­ne blink­te in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den, oh­ne je­den Rhyth­mus. Es wür­de mich nicht wun­dern, wenn es tat­säch­lich ein Wa­ckel­kon­takt war. Em­ma pro­tes­tier­te je­des Mal, wenn ich mich selbst um die Elek­trik küm­mer­te, aber die pro­fes­sio­nel­len Elek­tri­ker nah­men ja schon Geld, wenn man sie nur an­sah. Sie muss­ten un­glaub­lich gut ver­die­nen. Viel­leicht hät­te ich Elek­tri­ker wer­den sol­len. Oder Tom. Das wä­re bes­ser ge­we­sen, ei­ne kur­ze Aus­bil­dung, gu­ter Lohn.

Sti­pen­di­um. Wird dich nicht ei­nen Cent kos­ten. John hat sich um al­les ge­küm­mert.

Es war ei­ne Nie­der­la­ge, aber sie war nicht schwer ge­nug, um mich zu ent­mu­ti­gen.

Ich stand dort ent­blößt, in Bo­xer­shorts, So­cken und Schu­hen und dreh­te an der ver­damm­ten Lam­pen­kup­pel. End­lich gab sie nach. Ich hielt sie im T-shirt in mei­ner lin­ken Hand, wäh­rend ich ver­such­te, die Glüh­bir­ne in An­griff zu neh­men. »Ver­damm­ter Mist!«

Sie war glü­hend heiß. Ich muss­te mit der Kup­pel in der Hand wie­der her­un­ter­stei­gen, sie auf dem Bo­den ab­le­gen, dann wie­der hin­auf. Die Bir­ne ließ sich zum Glück leicht her­aus­dre­hen. Doch dann fiel mir ein, dass ich, falls et­was mit der Span­nung nicht in Ord­nung war, die gan­ze Lam­pe ab­schrau­ben müss­te, auch den So­ckel. Sie so zu be­las­sen, wä­re brand­ge­fähr­lich. Und es konn­te auf kei­nen Fall kom­pli­ziert sein, sie ganz ab­zu­neh­men.

Al­so zu­rück in den Schup­pen, um Werk­zeug zu fin­den. Und wie­der auf die Lei­ter.

Ich hass­te Kreuz­schlitz­schrau­ben. Nur ein paar Um­dre­hun­gen, und schon war der Stern zu ei­nem run­den Loch ge­wor­den, in dem sich der Schrau­ben­zie­her dreh­te, oh­ne Halt zu fin­den. Und die­se vier Ex­em­pla­re im So­ckel wa­ren von der be­son­ders stu­ren, ros­ti­gen Sor­te. Aber ich war noch stu­rer. Ich wür­de nicht auf­ge­ben. Ich nicht.

Ich streng­te mich an und schraub­te mit al­ler Kraft. End­lich wa­ren al­le vier Schrau­ben drau­ßen, doch der So­ckel kleb­te im­mer noch an der Wand, fest­ge­malt mit ro­ter Bei­ze. Aber das klei­ne biss­chen Wi­der­stand hielt mich nicht ab. Ich pack­te den So­ckel und rüt­tel­te dar­an.

Er lös­te sich. Nur die Lei­tun­gen hin­gen noch da, sie wan­den sich aus der Wand wie Re­gen­wür­mer. Ich kam mit dem Fin­ger dar­an. »Ver­dammt!«

Der Strom­schlag al­lein war nicht stark ge­nug ge­we­sen, um mich aus dem Gleich­ge­wicht zu brin­gen, doch in der an­de­ren Hand hielt ich den So­ckel und den Schrau­ben­zie­her, und auch die Lei­ter stand et­was wa­cke­lig.

Ich lag auf dem Bo­den und wuss­te nicht, ob ich durch den Sturz ohn­mäch­tig ge­wor­den war. Ich hat­te noch ein ver­schwom­me­nes Bild von der Lei­ter vor Au­gen, die durch die Luft ge­saust war, mit mir ganz oben, wie ei­ne Co­mic­fi­gur. Jetzt spür­te ich, dass ich an meh­re­ren Stel­len Schmer­zen hat­te. Höl­li­sche Schmer­zen.

Weit über mir sah ich die Lei­tun­gen aus der Wand krie­chen, ab­wärts, mir ent­ge­gen. Als ich die Au­gen zu­sam­men­kniff, blie­ben sie ste­hen.

Dann tauch­te Em­mas Ge­sicht in mei­nem Blick­feld auf. Blass vom Schlaf und mit wir­rem Haar.

»Du lie­bes biss­chen, Ge­or­ge!«

»Es war die Lam­pe.«

Sie hob den Kopf und sah die Ka­bel, die aus dem Loch in der Wand rag­ten.

Ich setz­te mich lang­sam auf. Zum Glück ge­horch­te mir mein Kör­per. Nichts war ge­bro­chen. Und die Lam­pe war un­ten. Ich hat­te es ge­schafft.

Sie deu­te­te mit dem Kopf auf die Lei­ter.

»Muss­test du das un­be­dingt mit­ten in der Nacht ma­chen?« Sie streck­te mir die Hand ent­ge­gen und half mir auf. »Hät­te das nicht war­ten kön­nen?«

Ich ging ein paar Schrit­te. Mei­ne Bei­ne schmerz­ten, ich ver­such­te nicht zu zei­gen, wie weh es tat. Ei­gent­lich hät­te ich be­schämt sein müs­sen, aber ich war nur er­leich­tert, weil ich es ge­schafft hat­te. Ich war ein har­ter Kerl. Kei­ner, der das Hand­tuch warf, wenn es schwie­rig wur­de.

Sie reich­te mir mein T-shirt, das ich gleich über den Kopf zie­hen woll­te.

»War­te kurz.«

Sie klopf­te mir den Rü­cken ab. Erst jetzt be­merk­te ich, wie dre­ckig ich war. Von Kopf bis Fuß mit Staub und Kies be­deckt, die Hän­de mit dem zä­hen, schwar­zen Schmutz der Lam­pe ver­schmiert.

Ich wich von ihr zu­rück, zog mir das T-shirt über, spür­te, dass noch im­mer klei­ne St­ein­chen an mei­nem Rü­cken kleb­ten, ein­ge­klemmt zwi­schen der Haut und der aus­ge­wa­sche­nen chi­ne­si­schen Baum­wol­le. Es wür­de weh­tun, dar­auf zu schla­fen, ganz so, als hät­te man ei­nen St­ein im Schuh. Aber es half nichts. Die Lam­pe war un­ten, und das war das Wich­tigs­te.

Ich stell­te die Lam­pe wie­der auf und ging zum Schup­pen. Schließ­lich muss­te ich das, was ich an­ge­fan­gen hat­te, auch zu En­de brin­gen.

»Ich muss Iso­lier­band ho­len«, er­klär­te ich. »Die Lei­tun­gen kön­nen nicht so hän­gen blei­ben.«

»Aber we­nigs­tens das kannst du doch auch mor­gen noch ma­chen«, sag­te sie.

Ich er­wi­der­te nichts.

Sie seufz­te. »Dann lass mich we­nigs­tens für dich den Strom aus­schal­ten«, sag­te sie lau­ter.

Ich dreh­te mich um. Sie grins­te vor­sich­tig. Hat­te sie das iro­nisch ge­meint? Weil ich das obers­te Elek­tri­k­er­ge­bot ver­ges­sen hat­te?

»Leg dich ein­fach wie­der hin«, er­wi­der­te ich nur.

(Fort­set­zung folgt) © 2017 BTB VER­LAG, MÜN­CHEN, IN DER VERLAGSGRU­PPE RANDOM HOUSE GM­BH, ÜBER­SET­ZUNG: URSEL ALLENSTEIN

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