Düs­sel­dorf im Kai­ser-rausch

In ih­rem Ro­man „Drei Ta­ge im No­vem­ber“lässt Chris­ta Hol­tei ei­nen Aus­schnitt der Stadt­ge­schich­te des Jah­res 1811 le­ben­dig wer­den.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - VORDERSEIT­E - VON UTE RASCH

In ih­rem Ro­man „Drei Ta­ge im No­vem­ber“lässt Chris­ta Hol­tei ei­nen Aus­schnitt der Stadt­ge­schich­te des Jah­res 1811 le­ben­dig wer­den.

Die­ses Zitat! Wie oft wur­de es schon stra­pa­ziert, wie oft hat es die Düs­sel­dor­fer Ei­tel­keit be­dient: „Klein-pa­ris“. Doch nun sind die Hin­ter­grün­de auf­ge­deckt, ge­druckt und für je­den nach­zu­le­sen in Chris­ta Holt­eis neu­em Ro­man „Drei Ta­ge im No­vem­ber“. Die­se Lek­tü­re ge­währt ei­nen Blick in je­ne Zeit, als die Stadt in ei­nem Zu­stand all­ge­mei­ner Auf­re­gung war. Als Hein­rich Heine ein Kn­a­be vol­ler Scha­ber­nack war, der Han­del in ei­ner Kri­se steck­te, Düs­sel­dorf ei­ne ein­zi­ge Bau­stel­le war – und Kai­ser Na­po­le­on er­war­tet wur­de. Und dann war auch noch ein Mord ge­sche­hen ...

Düs­sel­dorf 1811. Die Stadt ist Zen­trum des Groß­her­zog­tums Berg, steht un­ter fran­zö­si­scher Herr­schaft und wird zen­tral von Pa­ris aus ge­lenkt – mit ei­ner Pri­se Ei­gen­stän­dig­keit. „Düs­sel­dorf galt als ei­ne Art Puf­fer zwi­schen Frank­reich und Preu­ßen“, sagt die Au­to­rin. Sie hat Jah­re für die­ses Buch re­cher­chiert, hat „tau­send De­tails aus tau­send Qu­el­len“zu­sam­men­ge­tra­gen. So ent­stand nach und nach ein Puz­zle die­ser Stadt, „die zu die­ser Zeit si­cher kei­ne Schön­heit war.“Die Fe­s­tungs­mau­ern wa­ren ge­ra­de ge­sprengt wor­den, die Stadt ei­ne Ge­röll­wüs­te, der Hof­gar­ten halb fer­tig, über­all Bau­stel­len. Und Düs­sel­dorf war ei­ne klei­ne Stadt, be­stand im We­sent­li­chen aus Alt­stadt und Carl­stadt mit 22.000 Ein­woh­nern (in­klu­si­ve der Ort­schaf­ten Bilk, Pem­pel­fort, De­ren­dorf ).

Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on hat­te sich un­ter fran­zö­si­scher Be­sat­zung dras­tisch ver­schlech­tert. Denn Frank­reich führ­te ei­nen Wirt­schafts­krieg ge­gen En­g­land und ver­bot die Ein­fuhr bri­ti­scher Wa­ren, mit stren­gen Zoll­kon­trol­len. Was die Fan­ta­sie be­flü­gel­te – und den Schmug­gel. „Von dem al­le wuss­ten, vie­le pro­fi­tier­ten, aber nie­mand re­de­te“, so die Au­to­rin. Wie die schö­ne An­na, Toch­ter ei­nes Kauf­manns und ei­ne der zen­tra­len (fik­ti­ven) Fi­gu­ren des Ro­mans, die die Hand­lung vor­an­trei­ben. Wenn sie nachts von ge­heim­nis­vol­len Ge­räu­schen ge­weckt wird, kann sie am nächs­ten Mor­gen plötz­lich Kaf­fee und Tee ver­kau­fen - und ech­ten Zu­cker.

Der jun­ge „Com­mis­sar“Ja­kob Har­ten­fels fühlt sich zu ihr hin­ge­zo­gen. Aber be­vor er sei­ne Ge­füh­le hin­ter­fra­gen kann, hat er erst mal ei­nen Mord auf­zu­klä­ren, spä­ter auch ein zwei­tes Ver­bre­chen. Aus­ge­rech­net jetzt, wo Na­po­le­on er­war­tet wird! Auch Har­ten­fels hat sich Chris­ta Hol­tei aus­ge­dacht, aber die meis­ten an­de­ren, die ih­ren Ro­man be­völ­kern, ha­ben tat­säch­lich ge­lebt – wie der „Drecks­mi­chel“, der den Un­rat weg­schafft oder der krum­me Gum­pertz. Wo­her sie das weiß? „Bei­de hat Hein­rich Heine spä­ter er­wähnt.“

Da­zu ge­sel­len sich Men­schen der Zeit­ge­schich­te wie der Stadt­hal­ter Jac­ques Clau­de de Beug­not, des­sen Le­ben­s­er­in­ne­run­gen ei­ne Fund­gru­be für die Au­to­rin wa­ren, Gar­ten­bau­meis­ter Ma­xi­mi­li­an Fried­rich Wey­he oder Jo­hann Fried­rich Brei­den­bach, der zu die­ser Zeit ge­ra­de sein Grand­ho­tel er­wei­tern will. Auch der grau­haa­ri­ge Po­li­zei­die­ner Bruck hat tat­säch­lich ge­lebt, ver­ewigt auf dem be­rühm­ten Ge­mäl­de „Ein­zug Na­po­le­ons in Düs­sel­dorf am 3. No­vem­ber 1811“von Jo­hann Pe­ter­sen. „Aber sei­ne Fa­mi­lie ha­be ich ihm an­ge­dich­tet“, sagt Hol­tei über Brucks Schwes­ter Mar­tha, ei­ne Bä­ckers­frau, von de­ren Rög­gel­chen mit Flönz al­le schwär­men.

Und dann ist er end­lich da, der Kai­ser. Be­kommt den Stadt­schlüs­sel in der Gast­stät­te „Zum Luft­bal­lon“, die auch in der Schmug­gel-ge­schich­te ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt, emp­fängt die Ho­no­ra­tio­ren, hört de­ren Kla­gen – und rei­tet schließ­lich „in ei­ner un­schein­ba­ren grü­nen Uni­form und in et­was schlaf­fer Hal­tung“durch das neu er­rich­te­te Ra­tin­ger Tor. Schließ­lich sitzt er mit der Kai­se­rin im Ball­saal der Al­ten Ga­le­rie – auf den rot-gol­de­nen Thron­ses­seln, auf die der Pols­te­rer Lud­wig so stolz ist.

Mit „Drei Ta­ge im No­vem­ber“ist Chris­ta Hol­tei ein Kunst­stück ge­lun­gen – ein Buch zwi­schen Kri­mi und un­ter­halt­sa­mer Ge­schichts­stun­de, ge­spickt mit De­tails. Da er­fah­ren die Le­ser, dass in der Alt­stadt al­le dicht bei­ein­an­der leb­ten, Ade

li­ge ne­ben Hand­wer­kern, Ar­me ne­ben Rei­chen. Dass im Eis­kel­ler­berg (ne­ben der heu­ti­gen Staats­an­walt­schaft) tat­säch­lich Eis­blö­cke ge­spei­chert wur­den, da­mit die Metz­ger im Som­mer ihr Fleisch küh­len konn­ten. Dass Ba­bys mit „Lutsch­beu­teln“be­ru­higt wur­den – Vor­läu­fer des Schnul­lers – und Post­wa­gen von den Rei­sen­den „Kno­chen­kna­cker“ge­nannt wur­den.

Ob es dem jun­gen „Com­mis­sar“ge­lingt, die bei­den Ver­bre­chen auf­zu­klä­ren und ob er das Herz der schö­nen An­na er­obert, wird hier na­tür­lich nicht ver­ra­ten. Aber wie war das nun mit „Klein-pa­ris“? Der Satz stammt – wie die Au­to­rin aus meh­re­ren Brie­fen er­fuhr – nicht von Na­po­le­on, son­dern von Pier­re-lou­is Com­te de Ro­ede­rer, Mi­nis­ter-staats­se­kre­tär, der na­he­zu mit Rüh­rung fest­stell­te, dass sich Düs­sel­dorf doch viel Mü­he ge­ge­ben ha­be mit dem Fest für den Kai­ser. Ei­ne klei­ne Stadt, ein klei­nes Fest, eben „Klein-pa­ris“. Be­to­nung auf „klein“.

FO­TO: AN­NE ORTHEN

Die Au­to­rin Chris­ta Hol­tei hat vie­le De­tails re­cher­chiert, die ih­ren his­to­ri­schen Düs­sel­dorf-ro­man so an­schau­lich ma­chen.

FO­TO: UNIVERSITÄ­TS-BI­B­LIO­THEK

Die­ses Bild aus ei­nem Buch in der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek zeigt Na­po­le­ons Ein­zug in die Stadt nach ei­nem Ori­gi­nal von J. Pe­ter­sen. Es hat die Au­to­rin in­spi­riert.

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