Die Kies­geg­ner vom Nie­der­rhein

Nicht jung, nicht links und trotz­dem Ak­ti­vis­ten: Irm­gard und Theo Rams stel­len sich mit vie­len an­de­ren dem Kies­ta­ge­bau ent­ge­gen.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON SEBASTIAN DALKOWSKI

KAMP-LINT­FORT Wer die Pla­ka­te sieht, be­vor er die Kies­geg­ner sieht, stellt sich auf vie­les ein, aber nicht auf Theo Rams. Auf ei­nem schwar­zen Ban­ner mit­ten im Mais­feld steht in gel­ben Buch­sta­ben: „Zer­stö­rung des Nie­der­rheins ge­plant“. Ein paar hun­dert Me­ter wei­ter – man biegt von der Bun­des­stra­ße kurz vor Kamp-lint­fort auf die Ge­ra­de Stra­ße ab – ha­ben sie ei­ne Pla­kat­wand ins Gras ge­stellt. Auf ro­tem Grund ist zu le­sen: „Stoppt den Wahn­sinn!“

Doch dann steht da an ei­nem Sonn­tag­mit­tag im Som­mer, wie­der ein paar hun­dert Me­ter wei­ter, Theo Rams, 70, auf ei­ner Hof­ein­fahrt und das ein­zi­ge, wo­mit er sich be­waff­net hat, ist ei­ne Un­ter­schrif­ten­lis­te. Mit der spricht er Men­schen an, die den Tag der of­fe­nen Tür bei Bau­er Ke­vin be­su­chen. Rams trägt ein kurz­är­me­li­ges, ka­rier­tes Hemd, kur­ze Ho­sen, So­cken und San­da­len. Leicht ge­krümmt steht er da, die Au­gen klein. Rams und sei­ne Frau Irm­gard, sein Mit­strei­ter Hel­mut Wie­de­mann und die gan­ze In­ter­es­sens­ge­mein­schaft Dachs­bruch, al­le nie­der­rhei­ni­schen Kies­geg­ner, ha­ben we­ni­ge Wo­chen zu­vor ei­ne Nie­der­la­ge er­lit­ten.

Kies und Sand sind die ein­zi­gen Bo­den­schät­ze von Be­deu­tung am Nie­der­rhein. Oh­ne Kies und Sand kein Be­ton, oh­ne Be­ton kei­ne Häu­ser und Brü­cken. Die Roh­stof­fe sind be­gehrt in der gan­zen Welt. Sand aus der Wüs­te eig­net sich nicht, der nie­der­rhei­ni­sche Sand um­so bes­ser. Des­halb ist die Re­gi­on durch­zo­gen von Bag­ger­lö­chern. Aus ei­ni­gen sind Nah­er­ho­lungs­ge­bie­te ge­wor­den. Die Xan­te­ner Nord- und Süd­see sind die be­kann­tes­ten Bei­spie­le.

Dass vie­le Nie­der­rhei­ner den Ab­bau der Roh­stof­fe nicht mehr so hin­neh­men wol­len, liegt am Ko­ali­ti­ons­ver­trag der Nrw-lan­des­re­gie­rung. CDU und FDP ei­nig­ten sich dar­auf, im nächs­ten Lan­des­ent­wick­lungs­plan (LEP) nicht mehr für 20, son­dern wie­der für 25 Jah­re den Sand­und Kies­be­darf fest­zu­le­gen. Der Re­gio­nal­ver­band Ruhr prüf­te dar­auf­hin, was das für den Kreis We­sel be­deu­tet. Auch das Wick­ra­ther Feld kam wie­der in Fra­ge. Dort wohnt das Ehe­paar Rams.

Wer ei­nem Frem­den den Nie­der­rhein zei­gen will, geht mit ihm aufs Wick­ra­ther Feld. Zwi­schen Rheurdt und Kamp-lint­fort liegt die­ses tel­ler­fla­che Ge­biet: Mais-, Ge­trei­de­und Raps­fel­der, ein paar Wäld­chen, ein paar Wie­sen, ein Fluss, ein paar Bau­ern­hö­fe, viel Ru­he. An der Ge­ra­den Stra­ße steht das Haus von Fa­mi­lie Rams. Vor fünf Jahr­zehn­ten zo­gen Theo und Irm­gard hier­hin, bau­ten ei­nen al­ten Kot­ten aus, zo­gen vier Töch­ter groß, von de­nen ei­ne das Haus er­ben soll. Er mach­te sich als Klemp­ner selbst­stän­dig, sie er­le­dig­te die Buch­füh­rung.

Vor zehn Jah­ren gin­gen sie in den Ru­he­stand. Fahr­rad­fah­ren, spa­zie­ren, die En­kel­kin­der. Dann le­sen sie am 21. Fe­bru­ar 2018 von der Neu­auf­stel­lung des Re­gio­nal­plans und die­sen ei­nen Satz: „Zwei neue Aus­kie­sungs­flä­chen auf Kamp-lint­for­ter Ter­rain sind in die Ar­beits­kar­te ein­ge­zeich­net wor­den.“Ei­ne der Flä­chen ist das Wick­ra­ther Feld.

Schon zwei­mal ha­ben die Rams sich am Pro­test ge­gen Aus­kie­sun­gen auf dem Wick­ra­ther Feld be­tei­ligt, zu­letzt vor mehr als zehn Jah­ren. Den Geg­nern kam zu­gu­te, dass sich das Wick­ra­ther Feld nicht gut eig­net, weil die Kies- und Sand­schich­ten nicht so weit rei­chen und das Feld von Stra­ßen durch­zo­gen ist. Im Ge­gen­satz zum Braun­koh­le­ta­ge­bau kön­nen Grund­stücks­be­sit­zer für Kies und Sand nicht ent­eig­net wer­den. 2018 kom­men die Rams ins Nach­den­ken: Wol­len wir uns das wirk­lich noch ein­mal an­tun? Oder neh­men wir in Kauf, bald von Kies­bag­gern um­ge­ben zu sein? Sie ent­schlie­ßen sich er­neut zum Wi­der­stand.

Al­so hel­fen sie, die treu­en Cdu-wäh­ler, da­bei, den Pro­test in der IG Dachs­bruch zu or­ga­ni­sie­ren, denn zu die­sem Zeit­punkt ist der LEP noch nicht im Land­tag ver­ab­schie­det wor­den. Im Mai 2019 über­ge­ben sie im Land­tag 12.000 Un­ter­schrif­ten von Men­schen, die ge­gen mehr Kies­ab­bau am Nie­der­rhein sind. Weil es vie­le die­ser Grup­pen am Nie­der­rhein gibt, schlie­ßen sie sich zum „Nie­der­rhei­n­ap­pell“zu­sam­men. Auf ih­rer Web­sei­te schrei­ben sie: „Bei Pla­nungs- und Ge­neh­mi­gungs­ent­schei­dun­gen muss in ers­ter Li­nie der Schutz der Be­völ­ke­rung, der Na­tur und der ty­pi­schen nie­der­rhei­ni­schen Land­schaft ge­währ­leis­tet wer­den.“

Ihr Geg­ner, die Kies­in­dus­trie, sieht das et­was an­ders. Ein Youtube-vi­deo von „Zu­kunft Nie­der­rhein“, ei­ner Initia­ti­ve der Sand- und Kies­un­ter­neh­men, macht sich für den wei­te­ren Ab­bau stark. Die Ar­gu­men­te: Die Roh­stof­fe sind wich­tig für Ge­bäu­de und Stra­ßen. Die In­dus­trie si­chert Ar­beits­plät­ze, die re­na­tu­rier­ten Flä­chen sind Bio­top für sel­te­ne Vo­gel­ar­ten und Nah­er­ho­lungs­ge­bie­te. Die vier Mi­nu­ten en­den mit dem Satz: „Kies und Sand sind das Fun­da­ment für ei­ne er­folg­rei­che Zu­kunft.“

Im Mai 2018 ga­ben die Kies­un­ter­neh­men des Nie­der­rheins ei­ne ge­mein­sa­me Er­klä­rung ab: „Wir set­zen uns da­für ein, die Er­for­der­nis­se ei­ner mo­der­nen Wirt­schafts­re­gi­on mit den An­sprü­chen an ei­nen at­trak­ti­ven Le­bens­raum zu ver­bin­den so­wie Le­bens­qua­li­tät und ei­ne ge­sun­de Um­welt mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen.“Die Sand- und Kies­in­dus­trie tra­ge zur Wert­schöp­fung in der Re­gi­on Nie­der­rhein bei. Im Som­mer pla­ka­tier­te ein Kies­un­ter­neh­men mit dem Slo­gan: „Kein See – kei­ne Ab­küh­lung“.

Die Kies­geg­ner sind nicht ge­gen jeg­li­chen Ab­bau, sie wol­len nur deut­lich we­ni­ger, und vor al­lem mit ei­nem En­de in Sicht. Kies und Sand wach­sen nicht nach. Kies­be­für­wor­ter er­zäh­len den Roh­stoff­abbau als ei­ne Ge­schich­te des Ge­winns, Kies­geg­ner als ei­ne des Ver­lusts. Sie kri­ti­sie­ren, dass land­wirt­schaft­li­che Flä­che ver­lo­ren­ge­he, die auch als Fil­ter fürs Grund­was­ser dient. Land­wirt­schaft­li­che Flä­che lässt sich je­des Jahr nut­zen, Kies und Sand nur ein­mal. Hei­mat ver­schwin­det. Auch der Bund für Um­welt und Na­tur­schutz (BUND) und der Na­tur­schutz­bund (Na­bu) NRW ha­ben sich dem Nie­der­rhei­n­ap­pell an­ge­schlos­sen. Das Ar­gu­ment der An­sied­lung sel­te­ner Vo­gel­ar­ten an Bag­ger­se­en will Bund-nrw-ge­schäfts­lei­ter Dirk Jan­sen nicht gel­ten las­sen: „Das darf kein Deck­män­tel­chen sein für ir­re­ver­si­ble Ein­grif­fe in die Na­tur und kann Ein­grif­fe ins Pri­mär­bio­top nicht aus­glei­chen.“Aus Sicht des Bo­den- und Ge­wäs­ser­schut­zes sei Land­wirt­schaft bes­ser als Aus­kie­sung. Chris­ti­an Chwal­lek, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Na­bu in NRW, sagt: „Es sie­deln sich dort ja nicht wie­der die glei­chen Vö­gel an, son­dern Was­ser­vö­gel.“

Was den Kri­ti­kern des Kies­ab­baus fehlt, sind nicht un­be­dingt die Ar­gu­men­te, son­dern die Auf­merk­sam­keit. Wäh­rend die Geg­ner des Braun­koh­le­ab­baus knapp 50 Ki­lo­me­ter süd­lich im Ham­ba­cher Forst bun­des­weit in den Nach­rich­ten auf­tau­chen, ist Kies meist nur ein The­ma in den Lo­kal­me­di­en.

Das mag dar­an lie­gen, dass die spek­ta­ku­lä­ren Bil­der feh­len. Die Men­schen, die den Pro­test tra­gen, nei­gen nicht da­zu, sich an­zu­ket­ten oder in Kies­gru­ben ein­zu­drin­gen. Es liegt aber auch dar­an, dass es ih­nen noch nicht ge­lun­gen ist, den Pro­test mit ei­ner Fra­ge zu ver­bin­den, die über die Re­gi­on hin­aus­geht. Da­bei gibt es sie. Wäh­rend der Pro­test ge­gen die Braun­koh­le mit der Fra­ge nach der Ener­gie der Zu­kunft ver­knüpft ist, geht es beim Pro­test am Nie­der­rhein um die Fra­ge: Wie wol­len wir in Zu­kunft bau­en?

Am 12. Ju­li 2019 wird der LEP im Nrw-land­tag ver­ab­schie­det. Die Kies­geg­ner ha­ben ver­geb­lich auf die nie­der­rhei­ni­schen Po­li­ti­ker von CDU und FDP ge­hofft. Re­né Schnei­der aus Kamp-lint­fort, der für die SPD im Land­tag sitzt, hat ge­gen den Plan ge­stimmt. Er stellt fest, dass die Ar­beit der Ak­ti­vis­ten die Ab­stim­mung nicht be­ein­flusst hat. „Bür­ger­initia­ti­ven ha­ben ih­re Selbst­wirk­sam­keit nicht ge­spürt.“

Was macht man, wenn Tau­sen­de Un­ter­schrif­ten nicht ge­hol­fen ha­ben? Man sam­melt ein­fach wie­der Tau­sen­de Un­ter­schrif­ten. Des­halb ist Theo Rams, des­halb ist sei­ne Frau, sind die Leu­te von der IG Dachs­bruch an je­nem Som­mer­tag auf dem Hof von Bau­er Ke­vin. Dies­mal sam­meln sie für den Nie­der­rhei­n­ap­pell. Sie ha­ben rie­si­ge Pla­kat­wän­de auf­ge­baut, in de­nen sie vor den Fol­gen des Kies­ab­baus war­nen. Theo hat­te die Idee, auf ei­nem Tisch­chen ei­ne Schüs­sel mit Ge­trei­de­kör­nern und Äh­ren auf­zu­stel­len. „Was sol­len wir noch ma­chen?“, fragt Rams.

Er ist nie­mand, der die Be­su­cher mit lau­tem Ge­tö­se an­spricht. „Darf ich mal eben um Ih­re Auf­merk­sam­keit bit­ten?“Fast al­len er­zählt er die Ge­schich­te von Bau­er Ke­vin, des­sen Exis­tenz be­droht sei, falls er die 30 Hekt­ar ge­pach­te­tes Land ver­liert. Erst dann fragt er: „Wür­de es Ih­nen et­was aus­ma­chen, zu un­ter­schrei­ben?“Noch wäh­rend sie un­ter­schrei­ben, spricht Rams wei­ter vom Kies. Ei­ne Se­nio­rin sagt ihm: „Man ist so macht­los.“Er er­wi­dert: „Ohn­mäch­tig. Wir müs­sen uns weh­ren, das sind wir un­se­ren Kin­dern schul­dig.“

Ge­gen Mit­tag holt ihm sei­ne Frau Cur­ry­wurst mit Pom­mes, er isst sie an ei­nem Steh­tisch. Ein Be­kann­ter kommt vor­bei und sagt: „Da kriegst du dem­nächst ein Schwimm­be­cken vor der Tür.“Ge­gen Nach­mit­tag wird Rams’ Stim­me schwä­cher. „Wir sind fünf Leu­te zu we­nig“, sagt er. Am En­de des Ta­ges ha­ben sie 548 wei­te­re Un­ter­schrif­ten ge­sam­melt. Was wer­den sie brin­gen?

Spd-po­li­ti­ker Schnei­der hält die Un­ter­schrif­ten mit Blick auf die Kom­mu­nal­wah­len 2020 für wich­tig. Um noch et­was am LEP zu än­dern, kommt die Wahl aber zu spät. Die ein­zi­ge Chan­ce ist der Kla­ge­weg, so sieht es Schnei­der. Der Kreis­tag We­sel stimm­te mit gro­ßer Mehr­heit für ei­ne Kla­ge ge­gen den LEP. Ziel: Der Kies­be­darf soll neu er­mit­telt wer­den.

In ei­ne so­ge­nann­te Ab­gra­bungs­kon­fe­renz am heu­ti­gen Diens­tag setzt hin­ge­gen kei­ner der Kies­geg­ner gro­ße Hoff­nung. Dort sol­len Bür­ger, Kom­mu­nen und Ver­tre­ter der Un­ter­neh­men mit­ein­an­der spre­chen. Der Re­gio­nal­ver­band Ruhr wird er­klä­ren, war­um er in sei­nem Ent­wurf für den Re­gio­nal­plan auf die Flä­chen ge­kom­men ist, die nun für den Kies­ab­bau vor­ge­se­hen sind.

Über die Fest­le­gung ein­zel­ner Flä­chen wird dort al­ler­dings nicht dis­ku­tiert. Ver­tre­ter des Nie­der­rhei­n­ap­pells wer­den nicht dar­an teil­neh­men. Statt­des­sen be­tei­li­gen sie sich am Abend an ei­ner Ge­gen­ver­an­stal­tung im Kamp-lint­for­ter Rat­haus. Rams sagt: „Der Weg geht im­mer wei­ter.“

„Kies und Sand sind das Fun­da­ment für ei­ne er­folg­rei­che Zu­kunft“Zu­kunft Nie­der­rhein Initia­ti­ve der Sand- und Kies­un­ter­neh­men

FO­TO: CHRIS­TOPH REICHWEIN

Theo und Irm­gard Rams wol­len nicht, dass Kies­un­ter­neh­men ne­ben ih­rem Zu­hau­se gra­ben.

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