Pend­ler­pau­scha­le nützt Chef­arzt

Wal­ter-bor­jans und Es­ken, Be­wer­ber­duo für den Spd-vor­sitz, spre­chen über Ri­va­len, die ei­ge­nen Chan­cen und die Gro­ko.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - POLITIK - KIRSTEN BIALDIGA FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

DUIS­BURG Noch zwei Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen, dann ha­ben es die Be­wer­ber-tan­dems für den Bun­des­vor­sitz der SPD ge­schafft. Dann ent­schei­den die Mit­glie­der. Ex-nrw-fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-bor­jans und die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Sas­kia Es­ken be­dau­ern das na­he En­de des Kan­di­da­ten-cas­tings nicht.

Frau Es­ken, Herr Wal­ter-bor­jans, Sie ha­ben ge­ra­de die 21. Re­gio­nal­kon­fe­renz hin­ter sich ge­bracht. Kön­nen Sie sich selbst noch hö­ren?

ES­KEN Na ja, es geht (lacht). Für die meis­ten Leu­te, die uns zu­hö­ren, ist es ja je­des Mal et­was Neu­es. Die­sem Irr­tum darf man in der Po­li­tik nicht er­lie­gen: Dass al­le ei­ne Bot­schaft schon ge­hört ha­ben, nur weil man es schon hun­dert­mal ge­sagt hat. WAL­TER-BOR­JANS Es wä­re nicht bes­ser, wenn wir je­des Mal an­de­re Bil­der be­nut­zen wür­den. Die Aus­sa­gen müs­sen sich beim Pu­bli­kum fest­set­zen. Bei die­sem For­mat ma­chen Wie­der­ho­lun­gen ab­so­lut Sinn.

Ein Rol­len­tausch mit an­de­ren Kan­di­da­ten wür­de Ih­nen leicht fal­len? ES­KEN Nicht mit je­dem. Es wür­de mir zum Bei­spiel schwer fal­len, in die Rol­le von Chris­ti­na Kamp­mann und Mi­cha­el Roth zu schlüp­fen. De­ren Ins­ze­nie­rung ist nicht un­ser Stil. Dass Olaf Scholz in den ers­ten Kon­fe­ren­zen sag­te, er sei von Be­ruf gar nicht Fi­nanz­mi­nis­ter, hat bei vie­len im Pu­bli­kum auch zu Stirn­run­zeln ge­führt. Er woll­te da­mit wohl sa­gen, dass er von Hau­se aus ei­gent­lich Ar­beits­recht­ler sei. Aber er wird ja an sei­ner ak­tu­el­len Rol­le ge­mes­sen.

Frau Es­ken, Sie wol­len so­fort die Gro­ko ver­las­sen. Wie ist das bei Ih­nen, Herr Wal­ter-bor­jans? WAL­TER-BOR­JANS Ich se­he das in Nuan­cen an­ders. Es ist wahr: Die gro­ße Ko­ali­ti­on ist ein Hemm­nis. Selbst die vie­len po­si­ti­ven Din­ge, die die SPD in Ber­lin durch­setz­te, ha­ben ei­ne Schat­ten­sei­te: Die Ver­tei­lung der Las­ten läuft je­des Mal so wie jetzt beim Kli­ma­pa­ket – nicht die Wohl­ha­ben­den müs­sen sie schul­tern, über­pro­por­tio­nal trifft es die klei­nen Geld­beu­tel. Die Gro­ko ver­hin­dert so­zi­al ge­rech­te Er­geb­nis­se. Wie es wei­ter­geht, ent­schei­den die De­le­gier­ten auf dem Bun­des­par­tei­tag im De­zem­ber. An­ge­sichts der dro­hen­den Re­zes­si­on und der Kli­ma­kri­se ist der Ko­ali­ti­ons­ver­trag kei­ne aus­rei­chen­de Ge­schäfts­grund­la­ge mehr. Wir müs­sen als SPD kla­re Zie­le für Ar­beit, Kli­ma und Ge­rech­tig­keit be­nen­nen und prü­fen, ob die mit der Uni­on zu er­rei­chen sind. Bis zum Par­tei­tag sind es ja noch zwei Mo­na­te.

Herr Wal­ter-bor­jans, Sie wür­den jetzt al­so noch ein­mal ei­ne Test­pha­se für die SPD ein­bau­en. Und Sie, Frau Es­ken, wür­den so­fort aus der Gro­ko aus­stei­gen?

WAL­TER-BOR­JANS Ja, ei­ne Test­pha­se für die Gro­ko, ob sie den gro­ßen Auf­ga­ben der Zeit ge­wach­sen ist.

ES­KEN Ge­nau. Das Kli­ma­pa­ket ist wie­der ein Bei­spiel für ei­nen schlech­ten Kom­pro­miss, der noch da­zu die Grund­hal­tung der SPD ver­letzt, denn er ist nicht ge­nü­gend am­bi­tio­niert, aber vor al­lem ist er nicht so­zi­al ge­recht und kann da­her auch nicht am­bi­tio­niert ge­nug sein. Und jetzt tritt die Uni­on noch ein­mal bei den Zie­len auf die Brem­se und dringt auf Ab­schwä­chun­gen. Weil es kei­ne Kom­pen­sa­ti­on für klei­ne­re Ein­kom­men gibt, macht man ei­nen nied­ri­gen Co2-preis und fe­dert die Fol­gen für Bes­ser­ver­die­ner stär­ker ab als für Klein­ver­die­ner. Das nutzt we­der den Ar­beit­neh­mern noch dem Kli­ma. Die Idee war ja, die Ein­nah­men aus der Co2-steu­er den Leu­ten zu­rück­zu­ge­ben. Statt­des­sen er­höht man jetzt die Pend­ler­pau­scha­le, wo­von zum Bei­spiel der Chef­arzt ei­ner Kli­nik deut­lich mehr pro­fi­tiert als die Kran­ken­schwes­ter.

Herr Wal­ter-bor­jans, was ge­nau sind denn für Sie die Prüf­stei­ne für die Gro­ko bis De­zem­ber? WAL­TER-BOR­JANS Das Kli­ma­pa­ket so­zi­al ge­recht und wirk­sam zu ge­stal­ten. Ei­ne ge­rech­te Steu­er­re­form, um z.b. Steu­er­schlupf­lö­cher zu schlie­ßen und um Su­per­rei­che in die Ver­ant­wor­tung für die gro­ßen Zu­kunfts­auf­ga­ben zu neh­men. An­ge­sichts ei­ner Kon­junk­tur­flau­te brau­chen wir drin­gend mehr Schutz auf dem Ar­beits­markt. Ein Ar­beit­neh­mer darf nicht mehr in Hartz IV fal­len, weil die Welt­wirt­schaft schwä­chelt. Mit ei­nem gro­ßen In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm kön­nen wir gleich­zei­tig Ar­beits­plät­ze schüt­zen, un­se­re Städ­te und In­fra­struk­tur in Schuss brin­gen und für wirk­sa­men Kli­ma­schutz sor­gen.

War­um wol­len Sie die Gro­ko nicht gleich ver­las­sen?

WAL­TER-BOR­JANS Die Aus­sa­ge von Karl Lau­ter­bach, un­be­dingt aus der Gro­ko raus zu wol­len, ist mir zu ein­di­men­sio­nal und selbst­zweck­be­stimmt. Das En­de der Gro­ko ist kein Selbst­zweck, son­dern ei­ne Not­wen­dig­keit, wenn die Uni­on bei den wirk­lich wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen wei­ter auf der Brem­se für so­zi­al ge­rech­ten und öko­lo­gi­schen Fort­schritt steht.

Wie schät­zen Sie Ih­re Chan­cen ein, ge­wählt zu wer­den?

ES­KEN Ziem­lich gut, aber die Be­kannt­heit des Vi­ze­kanz­lers ist nicht zu un­ter­schät­zen…

WAL­TER-BOR­JANS Laut Ap­plau­so­me­ter auf den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen im gan­zen Land ha­ben wir sehr gu­te Chan­cen. Wir sind sehr zu­ver­sicht­lich, im Fi­na­le noch mehr Auf­merk­sam­keit auf un­se­re Vor­stel­lun­gen und die Un­ter­schie­de zie­hen zu kön­nen.

FO­TO: CHRIS­TOPH REICHWEIN

Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken bei der letz­ten Spd-re­gio­nal­kon­fe­renz in NRW.

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