Neue App hilft bei Flug­ver­spä­tun­gen

Die Nrw-ver­brau­cher­schüt­zer ent­wi­ckel­ten ei­ne App, da­mit Flug­gäs­te ei­ne Ent­schä­di­gung bei Ver­spä­tun­gen leich­ter durch­set­zen kön­nen. Die Ver­brau­cher­mi­nis­te­rin be­grüßt das Pro­jekt, vie­le zehn­tau­send Kun­den könn­ten pro­fi­tie­ren.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WIRTSCHAFT - VON REIN­HARD KOWALEWSKY

DÜS­SEL­DORF Ver­spä­tun­gen kön­nen sehr stö­ren. Sie kön­nen sich aber auch loh­nen. Die­se Er­fah­rung macht ak­tu­ell Wolf­gang Schuld­zin­ski, Lei­ter der Nrw-ver­brau­cher­zen­tra­le. Mit sei­ner Ehe­frau flog er im Som­mer ins pol­ni­sche Dan­zig. Doch weil der Flug von Düs­sel­dorf nach Mün­chen deut­li­che Ver­spä­tung hat­te, ver­pass­te er die Mit­tags­ver­bin­dung an die Ost­see. Erst am Abend kam das Paar dann in der pol­ni­schen Ha­fen­stadt an.

„Die Ver­spä­tung lag deut­lich über dem Wert von drei St­un­den“, sagt Schuld­zin­ski. Er for­der­te von Eu­ro­wings und Luft­han­sa die von der EU vor­ge­schrie­be­ne Ent­schä­di­gung von 250 Eu­ro pro Kopf. Doch weil das nicht klapp­te, schal­te­te der Ju­rist die Sch­lich­tungs­stel­le für den öf­fent­li­chen Per­so­nen­ver­kehr (SÖP) ein – und nutz­te da­für die für ihn zum Tes­ten be­reits ein­ge­rich­te­te „Flu­gär­ger-app“der Nrw-ver­brau­cher­zen­tra­le. Schuld­zin­ski: „Wenn wir die 250 Eu­ro pro Kopf er­hal­ten, ist das mehr als wir für die Ti­ckets be­zahlt ha­ben.“

So wie die Schuld­zins­kis kön­nen künf­tig hun­dert­tau­sen­de Bür­ger An­sprü­che bei Flug­ver­spä­tun­gen oder -aus­fäl­len leich­ter er­ken­nen und durch­set­zen. Seit Mon­tag ha­ben die Nrw-ver­brau­cher­schüt­zer die App für je­der­mann frei­ge­schal­tet. Das Land hat­te 250.000 Eu­ro für die Ent­wick­lung spen­diert. Nrw-ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin Ur­su­la Hei­nen-es­ser (CDU) ist zu­frie­den: „Ich bin über­zeugt, dass die App für Flug­rei­sen­de zum un­ent­behr­li­chen Be­glei­ter wird. Sie er­leich­tert es Pas­sa­gie­ren, zu ih­rem Recht zu kom­men.“

Kon­kret müs­sen Rei­sen­de in der App zu­erst Flug­num­mer und Ab­flug­da­tum ein­ge­ben. Dann müs­sen sie ein­tra­gen, ob ein Di­rekt­flug ver­spä­tet war, ob sie ei­nen An­schluss­flug we­gen ei­ner Flug­ver­spä­tung ver­passt ha­ben oder ob ei­ne Stre­cke ge­stri­chen wur­de. An­schlie­ßend sucht das Sys­tem bei Flü­gen seit Mai 2019 her­aus, was wirk­lich ge­schah. Zu­sätz­lich kön­nen die Ge­schä­dig­ten auch Aus­la­gen für Es­sen oder ein Ho­tel gel­tend ma­chen.

Durch die in der App ge­spei­cher­ten Mail- und Post-adres­sen fast al­ler Air­lines kön­nen Kun­den Mus­ter­brie­fe an sie schi­cken. Und nach vier Wo­chen schlägt die App vor, sich mit ei­nem wei­te­ren Mus­ter­brief an die SÖP zu wen­den, falls die Air­line sich ei­ner Zah­lung ver­wei­gert hat. „Wir wol­len, dass die Kun­den ih­re An­sprü­che so ein­fach wie mög­lich stel­len kön­nen“, sagt Schuld­zin­ski: „Wir hof­fen auf ei­ni­ge zehn­tau­send Down­loads in über­schau­ba­rer Zeit.“

Die Zahl könn­te auch hö­her lie­gen. Laut ei­ner Stu­die für die „Wirt­schafts­wo­che“hat­ten in den ers­ten drei Mo­na­ten des Jah­res 722.000 Kun­den in Deutsch­land ei­ne Flug­ver­spä­tung von min­des­tens drei St­un­den. In Eu­ro­pa gab es in den ers­ten drei Mo­na­ten 2018 fast fünf Mil­lio­nen Be­trof­fe­ne. „Da wa­ren pünkt­li­che Ver­bin­dun­gen eher die Re­gel als die Aus­nah­me“, sagt Hei­nen-es­ser.

Die neue App hat den Vor­teil, dass sie den Ver­brau­chern In­for­ma­tio­nen

gibt, die bis­her Kla­ge­fir­men wie EUC­laim für sich al­lei­ne aus­ge­nutzt ha­ben. Sie hat­ten Be­schwer­den vie­ler hun­dert­tau­send Rei­sen­der ge­sam­melt und konn­ten mit ei­nem Blick in ih­re Da­ten­bank er­ken­nen, wel­che Ver­fah­ren ei­ne Chan­ce ha­ben. Als Ge­gen­leis­tung da­für, dass sie ak­tiv wer­den, ver­lan­gen sie bis­lang rund ein Drit­tel der Ent­schä­di­gung.

Al­ler­dings ist auch durch die neue App nicht si­cher, dass das Geld schnell fließt. Die Air­lines ver­su­chen „in der Re­gel“(so Schuld­zin­ski) An­sprü­che ab­zu­weh­ren, in­dem sie be­haup­ten, ei­ne Ver­spä­tung sei nicht von ih­nen ver­schul­det son­dern durch das Wet­ter, Streiks oder an­de­re wid­ri­ge Um­stän­de zu­stan­de ge­kom­men. 11.800 sol­cher Fäl­le lan­de­ten zwi­schen Ja­nu­ar und Ju­ni 2019 bei der SÖP. Künf­tig dürf­ten es noch mehr sein. In­ter­es­sant: In 90 Pro­zent der Fäl­le ak­zep­tier­ten Ver­brau­cher und Flug­ge­sell­schaf­ten die Schieds­sprü­che. Ganz so schwer scheint es nicht zu sein, An­sprü­che von Kun­den zu prü­fen.

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