Die Ge­schich­te der Bie­nen

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - UNTERHALTU­NG -

Ro­man Fol­ge 48

Sie zuck­te mit den Schul­tern. Dann dreh­te sie sich um und ging ins Haus zu­rück.»und du – Em­ma«, rief ich ihr nach. »Ja?« Sie blieb ste­hen und wand­te sich zu mir. Ich rich­te­te mich auf. Hol­te tief Luft.

»Flo­ri­da kannst du dir aus dem Kopf schla­gen. Nur dass du es weißt. Mit mir nicht. Da musst du dir schon ei- nen an­de­ren su­chen. Ich wer­de hier woh­nen blei­ben. Aus Gulf Har­bors wird nichts.«

Wil­li­am

Der Stroh­korb, den ich be­stellt hat­te, wur­de drei Ta­ge spä­ter ge­lie­fert, und ich stell­te ihn in den Halb­schat­ten ei­ner Es­pe in je­nem Teil des Gar­tens, den wir wild wach­sen lie­ßen. Dort war er nie­man­dem im Weg, kei­nes der Kin­der hielt sich an die­sem Fle­cken auf, und ich wür­de wirk­lich in Ru­he ar­bei­ten, un­ge­stört mei­ne Be­ob­ach­tun­gen an­stel­len, No­ti­zen ma­chen und zeich­nen kön­nen. Ein Bau­er süd­lich des Dorfs hat­te mir den Bie­nen­korb ver­kauft, oh­ne mit der Wim­per zu zu- cken; ver­mut­lich weil ich ihm ei­nen gu­ten Preis zahl­te, oh­ne ihn erst zu fra­gen, was er da­für neh­men wür­de. Er ver­such­te mich nicht ein­mal hoch­zu­han­deln, son- dern schlug so­fort ein, was mich zu der Ver­mu­tung ver­an­lass­te, dass ich den Korb auch für die Hälf­te hät­te er­ste­hen kön­nen.

Er woll­te mir et­was über die Ern­te er­zäh­len, aber ich wink­te nur ab. Ich hat­te mir den Bie­nen­korb wahr­lich nicht des Ho­nigs we­gen an­ge­schafft. Thil­da hat­te mir aus ei­nem al­ten wei­ßen La­ken ei­ne Tracht ge­näht, die an den An­zug ei­nes Fech­ters er­in­ner­te. Wäh­rend der An­fer­ti­gung muss­te sie ihn drei­mal en­ger ma­chen, an­schei­nend hat­te sie noch im­mer nicht vers­tan- den, dass mei­ne al­ten Ma­ße nicht mehr gal­ten. An den Hän­den trug ich ein paar al­te Hand­schu­he, in de­nen ich schwitz­te, doch auch sie wa­ren ein höchst not­wen­di­ger Schutz.

Und nun stand ich hier, un­ter der Es­pe, nun gab es nur mich und den Baum und die Bie­nen.

Ich nahm ein No­tiz­buch zur Hand. Ob­ser­va­ti­ons­stu- di­en er­for­der­ten größ­te Akri­bie, aber das pfleg­te mir zu ge­fal­len, denn ge­nau hier, in der Be­ob­ach­tungs­pha­se, fing al­les an, hier wur­de mei­ne Lei­den­schaft ent­facht. Wie hat­te ich das ver­ges­sen kön­nen.

Als ich ge­ra­de die ers­te No­tiz ma­chen woll­te, fiel mir noch et­was auf. Wie un­er­fah­ren ich doch im Lau­fe der Jah­re ge­wor­den war – mir fehl­te ein Stuhl.

Kurz dar­auf hat­te ich mir ei­nen ein­fa­chen Ho­cker ge- holt. Ich war atem­los, der Schweiß ström­te un­ter dem Schutz­an­zug, der mir jetzt, als ich ihn auf der Haut spür­te, doch ein klei­nes biss­chen zu eng vor­kam, er spann­te un­ter den Ar­men und im Schritt.

Ich setz­te mich hin und kam lang­sam zur Ru­he.

Viel gab es nicht zu be­ob­ach­ten. Die Bie­nen ver­lie­ßen den Korb und kehr­ten zu­rück; dar­an war nichts Über­ra- schen­des. Sie flo­gen aus, um Pol­len und Nekt­ar zu sam- meln, Letz­te­ren wan­del­ten sie in Ho­nig um, wäh­rend sie mit den Pol­len die Lar­ven füt­ter­ten. Es war ei­ne fried­li­che Ar­beit, sys­te­ma­tisch, in­stink­tiv, er­erbt. Sie wa­ren Ge­schwis­ter, denn die Kö­ni­gin war die Mut­ter al­ler, von ihr wa­ren sie ge­schaf­fen, oh­ne ihr un­ter­stellt zu sein – sie wa­ren der Ge­samt­heit un­ter­stellt.

Zu gern hät­te ich die Kö­ni­gin ge­se­hen, aber der Korb um­schloss die Bie­nen, und al­les, was sie dort drin­nen ta­ten, blieb im Ver­bor­ge­nen.

Vor­sich­tig hob ich den Korb an und blick­te von un­ten hin­ein. Die Bie­nen flo­gen auf und um­schwärm­ten mich in der Luft, sie wur­den nicht gern ge­stört.

Ich sah vol­le Wa­ben, die ei­ne oder an­de­re Droh­ne, ich sah Brut und Lar­ven und beug­te mich noch nä­her her­an. In mir krib­bel­te es vor Er­war­tung, denn jetzt ging es los, end­lich ging es los.

»Es gibt Es­sen!«

Thil­das Stim­me zer­schnitt das Sum­men der In­sek­ten und schlug die Vö­gel in die Flucht.

Ich beug­te mich er­neut über den Bie­nen­stock. Ih­re Ru­fe gin­gen mich nichts an, die ge­mein­sa­men Mahl­zei- ten im Kreis der Fa­mi­lie wa­ren nicht mehr Teil mei­nes Le­bens, ich hat­te schon seit Mo­na­ten nicht mehr mit ih­nen zu­sam­men ge­ges­sen. Hin­ter mir ström­ten die Kin­der ins Haus, eins nach dem an­de­ren ver­schwand dar­in.

»Es­sen!«

Ich schiel­te un­ter mei­nem Arm hin­durch zu Thil­da hin­über. Sie stand mit­ten im Gar­ten und starr­te mich an, und jetzt steu­er­te sie auch noch auf mich zu.

Die klei­ne Geor­gia­na fuhr quiet­schend mit der Ga­bel über den lee­ren Tel­ler.

»Ru­he!«, sag­te Thil­da. »Leg die Ga­bel hin!«

»Ich ha­be Hun­ger!«

Thil­da, Char­lot­te und Do­ro­thea stell­ten Schüs­seln auf den Tisch. Zwei mit Kar­tof­feln und an­de­rem Ge­mü­se­und ei­ne Ter­ri­ne mit ei­ner dün­nen Plör­re, die an­sch­ei- nend Sup­pe dar­stel­len soll­te.

»Ist das al­les?« Ich zeig­te auf die Ge­rich­te, die auf­ge­tra­gen wor­den wa­ren.

Thil­da nick­te.

»Wo ist das Fleisch?« »Es gibt kein Fleisch.«

»Und die Pas­te­te?«

»Uns fehlt es an But­ter und fei­nem Mehl.« Sie starr­te mich streng an. »Es sei denn, du willst, dass wir an das Schul­geld ge­hen.«

»Nein! Nein, Ed­munds Schul­geld wird nicht an­ge­rührt.«

Jetzt ver­stand ich plötz­lich, war­um sie dar­auf be­stan­den hat­te, dass ich mit der Fa­mi­lie aß. Sie war schlau­er, als ich ge­dacht hät­te.

Ich sah mich um. Die ma­ge­ren Kin­der­ge­sich­ter wa­ren auf die drei trost­lo­sen Ge­rich­te auf dem Tisch ge­rich­tet.

»Na dann«, sag­te ich schließ­lich. »Dann las­set uns ei­nen Dank für das Es­sen aus­spre­chen, das uns ge­ge­ben wur­de.« Ich beug­te den Kopf und be­te­te. Das Ge­bet aus mei- nem Mun­de fühl­te sich falsch an, ich lei­er­te es her­un­ter, um es schnell hin­ter mich zu brin­gen.

»Amen.«

»Amen«, wie­der­hol­te mei­ne Fa­mi­lie lei­se.

Durch das Fens­ter konn­te ich weit drau­ßen im Gar­ten den Bie­nen­stock er­ah­nen. Ich tat mir nur we­nig Es­sen auf, da­mit ich schnell wie­der dort­hin zu­rück­keh­ren konn­te.

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