Un­ge­lieb­tes Im­peach­ment

Das sich ab­zeich­nen­de Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren ge­gen Prä­si­dent Do­nald Trump ist nicht be­son­ders po­pu­lär in der ame­ri­ka­ni­schen Pro­vinz. Auch in Al­len­town im Os­ten Penn­syl­va­ni­as fin­den vie­le Wäh­ler im­mer noch, dass es wich­ti­ge­re Pro­ble­me gibt.

Rheinische Post – Düsseldorf Mitte/West/Ost/Nord/Süd - - WEITSICHT - VON FRANK HERR­MANN

„Ich bin nicht nach Wa­shing­ton ge­gan­gen, um den Prä­si­den­ten sei­nes Am­tes zu ent­he­ben. Das war das Letz­te, was ich woll­te.“Gleich zu Be­ginn ih­res Bür­ger­fo­rums er­in­nert Su­san Wild dar­an, wie sie im Herbst vor ei­nem Jahr um die Stim­men der Wäh­ler im Le­high Val­ley warb. Sie ver­sprach, sich um All­tags­pro­ble­me zu küm­mern, für bes­se­re Schu­len, be­zahl­ba­re Kran­ken­ver­si­che­run­gen, bil­li­ge­re Me­di­ka­men­te zu kämp­fen. Für die Lö­sung von „kit­chen-ta­ble is­su­es“, was ein be­lieb­ter Be­griff der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­ti­ker­spra­che ist und be­deu­ten soll, dass es um Din­ge geht, über die Leu­te, die nicht in der Po­li­tik zu Hau­se sind, da­heim am Kü­chen­tisch re­den. Das Wort „Im­peach­ment“, um­schiff­te Wild da­mals wie ei­ne ge­fähr­li­che Klip­pe.

Ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren ge­gen Do­nald Trump, es hät­te das Par­la­ment in ih­ren Au­gen nur ab­ge­lenkt von den wich­ti­gen, den Kü­chen­tisch­the­men. „Und das wo­mög­lich zwei Jah­re lang“, sagt die De­mo­kra­tin. Dann aber sagt Su­san Wild, dass ihr das Te­le­fo­nat, in dem Trump den Staats­chef der Ukrai­ne auf­for­der­te, ge­gen den de­mo­kra­ti­schen Prä­si­dent­schafts­be­wer­ber Joe Bi­den und des­sen Sohn Hun­ter er­mit­teln zu las­sen, lei­der kei­ne an­de­re Wahl las­se. Miss­brau­che ein Prä­si­dent sein Amt da­zu, im Aus­land Be­las­ten­des über ei­nen Kon­tra­hen­ten im ei­ge­nen Land zu fin­den, dann zwin­ge sie das, ih­re Mei­nung zu än­dern: „Ich kann nicht an­ders, es muss ein­fach sein.“

Ein Town-hall-mee­ting in Al­len­town, ei­ner Stadt von 120.000 Ein­woh­nern im Le­high Val­ley, ei­nem brei­ten Fluss­tal in Penn­syl­va­nia, dem Bun­des­staat, der 2016 über­ra­schend Trump wähl­te und da­mit ent­schei­dend bei­trug zu sei­nem Sieg. In Wilds Be­zirk lie­gen die be­rühm­ten Hoch­öfen von Beth­le­hem Steel, aus de­nen einst der Stahl für die New Yor­ker Wol­ken­krat­zer kam und die mitt­ler­wei­le ei­ne Ku­lis­se für Rock­kon­zer­te bil­den. Wo ein­mal Schlo­te rauch­ten, fällt heu­te ei­ne be­mer­kens­wer­te Dich­te von Call­cen­tern und Kran­ken­häu­sern auf.

Im po­li­ti­schen At­las der USA wür­de man das Le­high Val­ley li­la fär­ben, weil es mal rot und mal blau wählt, mal Re­pu­bli­ka­ner und mal De­mo­kra­ten. Bis 2018 war es ein Kon­ser­va­ti­ver der ge­mä­ßig­ten Schu­le, der die Re­gi­on im Ab­ge­ord­ne­ten­haus in Wa­shing­ton ver­trat. Und als Su­san Wild im Al­ter von 61 Jah­ren zum ers­ten Mal für ein Wahl­amt kan­di­dier­te, leg­te sie Wert auf die Fest­stel­lung, ei­ne De­mo­kra­tin der mo­de­ra­ten Denk­schu­le zu sein. Sie war ei­ne Sei­ten­ein­stei­ge­rin, das ver­band sie mit Trump. Nur dass sie nicht mit Im­mo­bi­li­en han­del­te, son­dern in ei­ner gro­ßen An­walts­kanz­lei ar­bei­te­te, Gross Mcgin­ley in Al­len­town.

Wild wuss­te, dass Leu­te, die zwar Trumps Twit­ter-ti­ra­den nicht moch­ten, wohl aber sei­ne Steu­er­sen­kun­gen, nichts hö­ren woll­ten von ei­nem Im­peach­ment. Folg­lich soll­te nichts den Ein­druck er­we­cken, als hät­te sie es nur dar­auf ab­ge­se­hen, den Mann noch vor der nächs­ten Prä­si­dent­schafts­wahl aus dem Wei­ßen Haus zu ja­gen. Nun aber be­schäf­tigt sich der Kon­gress mit kaum et­was an­de­rem als mit ge­nau die­ser Fra­ge. Und Su­san Wild steht vor rund 300 Zu­hö­rern in der Au­la des Muh­len­berg Col­le­ge, ei­ner Uni­ver­si­tät in Al­len­town, ne­ben ei­nem Ster­nen­ban­ner, das Ka­det­ten der Luft­waf­fe in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on her­ein­ge­tra­gen ha­ben, und bit­tet um Ver­ständ­nis. Was sie, die Ju­ris­tin, in­ter­es­sie­re, sei­en al­lein die Fak­ten. Und die lie­ßen nur ei­ne Hand­lungs­op­ti­on zu: Im­peach­ment. „Stel­len Sie sich vor, was für ein Si­gnal wir sen­den wür­den, wenn wir dem Prä­si­den­ten das durch­ge­hen lie­ßen. Wel­chen Prä­ze­denz­fall für künf­ti­ge Re­gie­run­gen wir schaf­fen wür­den, wenn wir das igno­rier­ten.“

Nur ist es eben nicht so, dass al­le Ge­dan­ken im Saal um die Amts­ent­he­bungs­kla­ge krei­sen. Im Ge­gen­teil. Als Ers­tes kommt die Fra­ge, ob sich Kli­ni­ken und Ver­si­che­rungs­kon­zer­ne wirk­lich am Ma­xi­mal­ge­winn ori­en­tie­ren müss­ten oder ob es nicht auch an­ders gin­ge. Ei­ne Stu­den­tin will wis­sen, wann die Frau Ab­ge­ord­ne­te den „Gre­en New De­al“un­ter­schreibt, das Kli­ma­schutz­pa­ket lin­ker De­mo­kra­ten. Ei­ne Leh­re­rin klagt über aus­ufern­de Ge­walt im Klas­sen­zim­mer, häu­fig ver­ur­sacht durch Kin­der, die zu Hau­se Ge­walt er­leb­ten. Ein Viet­nam­kriegs­ve­te­ran spricht von der scho­ckie­rend ho­hen Selbst­mord­ra­te un­ter Ex-sol­da­ten, die aus den Krie­gen im Irak und in Af­gha­nis­tan zu­rück­ge­kehrt sind.

Erst dann mel­det sich ein Teen­ager na­mens Ro­bert Are­na zu Wort, um das The­ma Amts­ent­he­bung an­zu­schnei­den. Der Schul­be­zirk Al­len­town, sagt er, ge­hö­re zu den schlech­tes­ten in Penn­syl­va­nia. „Und Sie ver­schwen­den Ih­re Zeit mit die­sem Im­peach­ment-zir­kus, statt et­was zu tun, da­mit sich die Qua­li­tät des Un­ter­richts end­lich ver­bes­sert.“

Ir­gend­wann fragt Tim Bul­lard, ein Kri­mi-au­tor, ob je­mand Trumps jüngs­te Auf­trit­te vor der Pres­se ge­se­hen ha­be. „Der Mann hat den Ver­stand ver­lo­ren. Er muss sei­nen Pos­ten räu­men, heu­te noch, er ist ver­rückt.“Wor­auf Wild tro­cken be­merkt, es sei nicht ihr Job, den Ge­sund­heits­zu­stand des Prä­si­den­ten zu be­wer­ten. Und als der Me­di­zi­ner John Jaf­fe schimpft, dass er in die­sem Im­peach­ment-thea­ter ein Sym­bol für das ver­gif­te­te Kli­ma in Wa­shing­ton se­he, geht ein Mur­ren durch den Saal. Aber Jaf­fe skiz­ziert, was ihn so stört am haupt­städ­ti­schen Po­li­tik­be­trieb. „Das gan­ze Kes­sel­trei­ben. Im­mer nur Kon­fron­ta­ti­on. Im­mer gleich An­schul­di­gun­gen.“Das Volk de­le­gie­re die Volks­ver­tre­ter doch ins Par­la­ment, da­mit sie sich sei­nen Pro­ble­men wid­me­ten. Und was tue der Kon­gress? Erst das Spek­ta­kel um Ro­bert Mu­el­ler, den Son­der­er­mitt­ler, der zwei Jah­re brauch­te, um die Russ­land-ak­te un­ter die Lu­pe zu neh­men. Jetzt ge­he es in die­sem Stil wei­ter. „Es muss doch ei­nen an­de­ren Weg ge­ben!“, pro­tes­tiert der Uro­lo­ge.

Ed Ro­sen­feld, Me­di­zi­ner wie Jaf­fe, kommt zu völ­lig an­de­ren Schlüs­sen. Trump ha­be per­sön­li­che In­ter­es­sen über die des Lan­des ge­stellt, wo­für er be­straft wer­den müs­se. Ge­wiss, am En­de könn­te er tri­um­phie­ren, weil sich im Se­nat, der ent­schei­den­den In­stanz, wo­mög­lich kei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit für den ra­di­ka­len Schnitt fin­det – das weiß auch Ro­sen­feld. „Aber es ist ein Ri­si­ko, das die Op­po­si­ti­on ein­ge­hen muss. Was er ge­tan hat, wiegt so schwer, dass sie die ver­damm­te Pflicht hat, et­was zu tun.“

De­nis Au­mil­ler sitzt mit Kol­le­gen auf der Ter­ras­se ei­nes Ca­fés. Der Blick geht auf das Wahr­zei­chen von Al­len­town, ei­ne ge­wal­ti­ge Säu­le, die an die Ge­fal­le­nen des ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs er­in­nert. Po­li­tisch ver­steht sich Au­mil­ler, Grün­der ei­ner Wer­be­agen­tur, als Re­pu­bli­ka­ner. An den De­mo­kra­ten ge­fällt ihm nicht, dass sie die So­zi­al­aus­ga­ben nach sei­nem Ge­fühl all­zu un­be­küm­mert nach oben schrau­ben. Dem re­pu­bli­ka­ni­schen Kan­di­da­ten Trump al­ler­dings ver­wei­ger­te er 2016 sei­ne Stim­me, weil er ihn für ei­nen ego­zen­tri­schen Auf­schnei­der hielt. Da er auch Hil­la­ry Cl­in­ton ab­lehn­te, ent­schied er sich aus Pro­test für Jill St­ein, die Grü­ne.

Im­mer­hin, sagt Au­mil­ler, ha­be er an­fangs ge­hofft, Trump sei Ge­schäfts­mann ge­nug, um bes­se­re Han­dels­ver­trä­ge aus­zu­han­deln, vor al­lem mit Chi­na, das un­ge­niert an­de­rer Leu­te geis­ti­ges Ei­gen­tum steh­le. „Aber was hat er er­reicht? Ze­ro! Nichts! Da­für hat er die gan­ze Welt ge­gen uns auf­ge­bracht und die Spal­tung in un­se­rem Land auf die Spit­ze ge­trie­ben.“Bei al­ler Skep­sis ge­gen­über den Eta­blier­ten, der Zir­kus im Wei­ßen Haus, so Au­mil­ler, ha­be ihm ei­nes deut­lich vor Au­gen ge­führt: „Du musst dein Hand­werk be­herr­schen, das gilt auch für Wa­shing­ton“. Ein Po­li­ti­ker müs­se die Kunst des Kom­pro­mis­ses ler­nen. Und na­tür­lich auch, an wel­che Re­geln er sich zu hal­ten ha­be. Doch Trump, die­ser Ama­teur der Po­li­tik, der sich auf­füh­re wie ein Kö­nig, las­se jeg­li­che Lern­fä­hig­keit ver­mis­sen. „Es ist Zeit, dass er geht.“

Be­vor sie die Büh­ne ver­lässt, will Su­san Wild noch ein Ver­spre­chen ab­ge­ben. Man wer­de aufs Gas­pe­dal drü­cken bei die­ser Amts­ent­he­bungs­kla­ge. Die­se Pro­ze­dur dür­fe nicht wie ein rie­si­ger Schat­ten über dem Par­la­ment lie­gen, es dür­fe die nor­ma­le Ar­beit nicht be­hin­dern. Das klingt dann doch wie ein sehr from­mer Wunsch.

FO­TO: AP

An­hän­ger ju­beln der de­mo­kra­ti­schen Kon­gress­ab­ge­ord­ne­ten Elai­ne Lu­ria zu, die eben­falls ei­ne Amts­ent­he­bung von Do­nald Trump for­dert.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.