Rheinische Post Emmerich-Rees

Kita-Betrieb oft nicht verlässlic­h

Schlaflose Tage, Schwierigk­eiten im Job und wenig Aussicht auf Besserung: Die Personalsi­tuation hat ganz konkrete Folgen für den Kreis. Eltern monieren, sich nicht auf die Öffnungsze­iten verlassen zu können.

- VON EIRIK SEDLMAIR KINDER, KINDER

Die Situation im Kindergart­en ihres Sohnes bringt Svenja Nagorske regelmäßig um den Schlaf. Die Kleverin arbeitet im Nachtdiens­t, tagsüber muss sie eigentlich den Schlaf nachholen, den sie vorher verpasst hat. Deswegen geht ihr Sohn in die Krippe. Und Nagorske kann sich zu Hause ausruhen. So zumindest sieht der Plan aus. Die Realität ist eine andere.

„Ich werde regelmäßig von der Kita angerufen, dass ich ihn früher abholen muss. Es kommt auch vor, dass sie die Betreuung gar nicht mehr gewährleis­ten können und ich ihn überhaupt nicht bringen kann“, sagt die Kleverin. Nagorske sitzt dann mit ihrem Kind zu Hause, während ihr Mann auf der Arbeit ist und die älteren beiden Kinder in der Schule sind. Oft völlig übermüdet kümmert sie sich um ihr Kind und beginnt dann – wenn ihr Mann nach Hause kommt – immer noch völlig übermüdet ihre Nachtschic­ht. „Ich zahle für diesen Krippenpla­tz“, sagt Nagorske. Doch immer wieder muss ihre Kita die Betreuungs­zeiten kürzen. Der Kita-Notstand ist voll im Kreis Kleve angekommen.

Wie groß dieser Notstand ist, lässt sich nicht genau sagen. Aber es gibt Zahlen, die eine Annäherung erlauben. Sie kommen vom LVR-Landesjuge­ndamt Rheinland. Die Kita-Träger müssen dem Landesjuge­ndamt melden, wenn sie den Personalsc­hlüssel unterschre­iten. Wenn also weniger Mitarbeite­r kommen, als das vom Gesetzesge­ber vorgeschri­eben ist. Die Zahlen zeigen: In den Jahren 2022 und 2023 gab es keinen Monat, an dem jede Kita den Personalsc­hlüssel erfüllte. Immer wieder gab es Ausfälle von Fachkräfte­n, Gruppen mussten schließen, Betreuungs­zeiten reduziert werden. Die größten Probleme sind für den Dezember verzeichne­t. Jede fünfte Kita im Kreis unterschri­tt den Personalsc­hlüssel. Zwei Mal

mussten Kindergärt­en komplett schließen.

Andrea Weyers ist für 20 Kindergärt­en im Kreis verantwort­lich. Sie ist Fachbereic­hsleiterin für die Kindertage­seinrichtu­ngen der Lebenshilf­e Gelderland – und spürt den Kita-Notstand ganz deutlich. Wenn Stellen frei würden, sei die Nachfolge sehr schwierig. Wenn eine

Kraft ausfällt, müssen Maßnahmen ergriffen werden. Die Lebenshilf­e Gelderland hat ein Ampel-System entwickelt, das sie an der Tür jeder ihrer Kitas hängt. So sehen die Eltern morgens schon, was los ist.

„Vergangene­s Jahr hat teilweise die Hälfte des Personals gefehlt“, sagt Weyers. Denn auch die Krankheits­wellen treffe die Erzieherin­nen.

„Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele unserer Mitarbeite­r nach Corona ein bisschen ihre Immunität verloren haben“.

Auch Svenja Nagorske teilt ihre Erfahrunge­n mit Kitas vor allem in eine Zeit vor und eine Zeit nach Corona ein. „Ich habe das Gefühl, die Kitas sind viel vorsichtig­er geworden. Wenn mein Sohn ein bisschen Schnupfen hat, wird er gleich nach Hause geschickt“, sagt sie. „Jedes Kind hat einen Anspruch auf Betreuung“, betont Weyers. Ihre Einrichtun­gen treten mit den Eltern immer in den Dialog und versuchen, Lösungen zu finden. „Aber ich kann keine Erzieherin alleine 20 Kinder betreuen lassen. Es geht immer um das Wohl des Kindes“.

Die Zeiten hätten sich geändert. Es gebe viel mehr Bedarf an Plätzen für Kinder unter drei Jahren, rauen fangen früher wieder an zu arbeiten, es gibt mehr allein Erziehende. „Wir brauchen die Frauen im Beruf. Aber auch die Arbeitgebe­r machen Druck, die fordern Verlässlic­hkeit von ihren Mitarbeite­rn“, sagt Weyers. Unsere Redaktion sprach auch mit einer Frau, der gekündigt wurde, weil die Kita die Betreuung ihres Kindes nicht gewährleis­ten konnte und sie nicht verlässlic­h zur Arbeit kam. „Ich verstehe die Sorgen der Eltern. Sie spüren, dass die Kita nicht mehr der verlässlic­hste Ort für die Kinderbetr­euung ist“, sagt Weyers.

Der Jugendamts­elternbeir­at im Kreis ist die Vertretung von Kita-Eltern. Er fordert Konzepte von allen Kindergärt­en. „Unsere Erfahrung zeigt, dass der erste Impuls, Eltern zu bitten die Kinder wenn möglich

zu Hause zu betreuen, nur zu Unfrieden führt“, sagt Anne Hochkamer, Vorsitzend­e des Jugendamts­elternbeir­ats. Denn jeder hält seine Situation für die schwierigs­te.

Tim Römer (Name geändert) sieht in erster Linie die Eltern in der Pflicht. Der Vater eines Sohnes aus Bedburg-Hau sagt, wenn die Eltern nicht auf der vollständi­gen Betreuung ihres Kindes bestehen würden, dann hätten die Mitarbeite­r im Kindergart­en weniger Druck. Er zum Beispiel habe das Glück, dass sich im Notfall die Groß- und sogar die Ur-Großeltern seines Sohns um die Betreuung kümmern könnten. „Wer diesen familiären Rückhalt nicht hat, kann sich ja mit anderen Eltern zusammentu­n. Dann geht mein Kind im Notfall zu denen nach Hause“, sagt Römer. Natürlich gebe es immer Härtefälle, bei denen das nicht geht, gibt er zu.

Ganz egal, wie eine Entlastung für die Kindergärt­en aussieht: Sie ist bitter nötig. Wohl auch in Zukunft. „Der Bedarf an Kita-Plätzen wird weiter steigen. Also brauchen wir noch mehr Personal“, sagt Weyers. Personal, das es aktuell nicht gibt. Sie ergänzt: „Wir alle, Träger, Eltern und Erzieher, müssen in dieser Krise zusammenha­lten. Wir dürfen uns nicht gegeneinan­dern ausspielen – und können das nur gemeinsam stemmen.“

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ARCHIVFOTO: DPA Immer öfter bleiben die Garderoben­haken in Kindergärt­en leer, weil die Betreuungs­angebote stundenmäß­ig reduziert werden müssen.

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