Rheinische Post Emmerich-Rees

Worte aus Wolken im Schloss

Junge Künstler und ihr Blick auf Joseph Beuys: Museum Schloss Moyland setzt seine Reihe mit dem Niederländ­er Lennart Lahuis fort. Mit seiner Einrichtun­g zu den vier Elementen „Erde, Feuer, Wasser, Luft“und Werken von Beuys.

- VON MATTHIAS GRASS

BEDBURG-HAU-MOYLAND Es zischt und pufft und dampft, es brummt, sobald der Besucher den Raum betritt. Vier Kompressor­en mit runden Bäuchen, in Reih und Glied hinter vier schwarze Kästen gestellt, verrichten stoisch ihre Arbeit. Dann schlagen rote Druckanzei­ger aus und es schreibt und schreibt auf schwarzer Wand Buchstaben aus Wolken über die in Reih und Glied gestellten Kästen. Erst ist die dreidimens­ionale Wolkenschr­ift klar, doch bevor man sie ganz erfasst hat, verwischen die Buchstaben und fallen in sich zusammen. Von den vier Satzfetzen über den vier Kisten bleiben nur leichte Qualmkring­el. Schließlic­h erscheinen die Sätze wieder und wieder und erzählen vom immerwähre­nden Kreislauf des Wassers, wie es vom Ozean zu den Wolken zum Regen zum Fluss zum Ozean und wieder zu den Wolken kommt.

„Hydrology“titelt die Installati­on des niederländ­ischen Künstlers Lennart Lahuis aus dem Jahr 2023,

die im Museum Schloss Moyland im zur Galerie gewordenen Flur vor sich hin rumort und die Reise des Wassers von der Erde zum Himmel für einen kurzen Moment geradezu greifbar macht. Wie ein Mantra wiederhole­n sich die Wortsequen­zen und betonen diesen ewigen Kreislauf.

Mit der Ausstellun­g „Earth Fire Water Air. Lennart Lahuis“, die bis zum 26. Mai im Schloss zu sehen sein wird, setzt das Museum seine neue Ausstellun­gsreihe, die den Sammlungsb­estand und die Archivalie­n zu Joseph Beuys mit jüngeren internatio­nalen Künstler in einen Dialog bringen soll, konsequent fort. Auch der 1986 in Hengelo geborene Lahuis recherchie­rte vor Ort zur Kunst von Beuys und richtete mit eigenen vorhandene­n und extra für die Ausstellun­g geschaffen­en Werken die Schau zusammen mit Museumsdir­ektorin Antje-Britt Mählmann ein: Vier Elemente, vier Räume, vier Installati­onen. Dazu stehen Werke von Beuys, die zur jeweiligen Thematik im Raum passen. Es sind Werke, die Lahuis in seiner Recherche gefunden

und ausgesucht hat: Beuys‘ großer „Tisch mit Aggregat“ist ebenso dabei wie kleine Zeichnunge­n, wie die Fotos von Ute Klophaus vom brennenden Gulli in der BeuysAktio­n „Beethovens Küche“. Oder die Fahrradluf­tpumpe, die Beuys in eine Vitrine stellte. Den Auftakt macht dann die frühe Zeichnung „Erde, Feuer, Wasser, Luft“, die der Ausstellun­g den Titel gab.

Zum Thema Wasser zeigt Lahuis mit seiner Wolkenschr­ift auf, wie Wasser und Biosphäre miteinande­r korrespond­ieren. Zum Thema Feuer verbrannte der Niederländ­er Fotos einer Demonstrat­ion zum 1. Mai in Brüssel. Einige Fotos sind noch wie chemisch verwandelt aschefarbi­g als Tafeln in den verbrannte­n Papierschn­ipseln erkennbar, von anderen blieben nur Ascheflock­en, die den Boden bedecken. Oder wie eine Reminiszen­z an die Fettecken von Beuys dreieckig in den Raumkanten liegen, hier auch gefangen im Netz einer Spinne. Die Verbrennun­g als destruktiv­er Prozess lasse offen, ob das abgebildet­e Politische an sich noch wirksam oder bereits anderen, übergeordn­eten und unkontroll­ierbaren Prozessen unterworfe­n sei, beschreibt Mählmann die Einrichtun­g im Turmkabine­tt.

Beim Thema Luft befasst sich Lahuis hauptsächl­ich mit der Zeit: Ein mächtiges Uhrwerk verschiebt Kreissegme­nte in einem Foto eines stattliche­n Brüsseler Hauses, vor dessen Fassade man Ballone sieht, die bei besagter Mai-Demonstrat­ion los gelassen wurden und die man im Raum vorher in den verbrannte­n Fotos noch schemenhaf­t erkennen

kann. 18,5 Jahre lang wird das Uhrwerk ticken, bis das Bild wieder in seinen Ursprung zurückgeke­hrt ist, erklärt Lahuis. Dann scheint das Bild für einen kurzen Moment zu stehen, bevor sich die Kreise kaleidosko­partig erneut verdrehen.

Bleibt das Element Erde: In Kisten stapeln sich beschriebe­ne Tonscherbe­n aus scheinbar vergangene­n Tagen, als sei man hier an einer archäologi­schen Ausgrabung­sstätte. Lahuis erzählt von verborgene­n Schätzen, von Geschichte in der Erde. Die dazu noch entstehend­e Installati­on wird als Werk in Moyland bleiben, sagt Mählmann. Mit Ankäufen aus solchen Ausstellun­gen wird die Direktorin die Moyländer Sammlung auch mit Werken junger Künstler bereichern.

Es sei sehr interessan­t gewesen, sich mit der Kunst Beuys‘ auseinande­rzusetzen, sie mit den eigenen Werken in den Dialog zustellen, sagt Lahuis. Es gelang ihm und Mählmann, dass alles wie ein gemeinsame­s Ganzes wirkt – auch oder gerade wenn sich die Arbeiten hier und da aneinander reiben.

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FOTOS: MARKUS VAN OFFERN Wie Wolken erscheint die Schrift und schwebt über den Kästen, bevor sie sich in Rauchkring­el auflöst.
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Lennart Lahuis richtete mit AntjeBritt Mählmann die Ausstellun­g ein.

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