Elf Din­ge, die von der WM hän­gen­blei­ben

Ney­mars Schau­spiel­kunst, Fa­vo­ri­ten­ster­ben, Ball­be­sitz als My­thos – ein paar The­men wer­den die WM wohl über­dau­ern.

Rheinische Post Erkelenz - - WM 2018 - VON UN­SE­RER RE­DAK­TI­ON

DÜSSELDORF Am Sonn­tag­abend ist sie schon wie­der Ge­schich­te, die WM. Was bleibt, ist ein Nach­fol­ger Deutsch­lands als Ti­tel­trä­ger und – ja, was ei­gent­lich? Un­se­re Re­dak­ti­on hat elf The­men zu­sam­men­ge­tra­gen, die von die­sem Tur­nier hän­gen blei­ben dürf­ten.

Schau­spie­le­rei

Er rollt und rollt und rollt. 13 Mi­nu­ten und 50 Se­kun­den ver­brach­te Su­per­star Ney­mar in den ers­ten vier Spie­len der Bra­si­lia­ner in lie­gen­der Po­si­ti­on. Flei­ßi­ge Sta­tis­ti­ker ha­ben das er­ho­ben. Beim Aus ge­gen Bel­gi­en brach er die 14-Mi­nu­ten-Mar­ke. Dass die Hef­tig­keit der geg­ne­ri­schen Atta­cken von der dar­ge­bo­te­nen Thea­tra­lik si­gni­fi­kant ab­wich, kos­te­te Ney­mar Sym­pa­thi­en. Schlim­mer noch: Spie­ler an­de­rer Na­tio­nen nah­men sich ein Bei­spiel und ver­such­ten eben­falls ei­nen Ab­schluss in Schau­spiel­kunst zu er­schlei­chen. Es bleibt zu hof­fen, dass die­ser Trend schnell wie­der ver­schwin­det.

Fa­vo­ri­ten­ster­ben

Es be­gann ja schon vor der End­run­de. Dass die Nie­der­lan­de gar nicht erst nach Russ­land fuh­ren, war ja mit Blick auf die ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te gar nicht mehr so über­ra­schend. Aber Chi­le oder gar Ita­li­en? De­ren Feh­len rüt­tel­te dann doch auf, und die­ser Trend setz­te sich fort. Welt­meis­ter Deutsch­land schei­ter­te be­reits in der Vor­run­de, noch da­zu als Grup­pen­letz­ter, sein Vor­gän­ger Spa­ni­en, Por­tu­gal und Ar­gen­ti­ni­en mit den Welt­fuß­bal­lern Cris­tia­no Ro­nal­do und Lio­nel Mes­si folg­ten im Ach­tel­fi­na­le, Bra­si­li­en in der Run­de der letz­ten acht. Nie zu­vor bei ei­ner WM ka­men so we­ni­ge Top­fa­vo­ri­ten im Halb­fi­na­le an.

Kein rus­si­scher Stem­pel

Aus 2014 sind die Bil­der noch im Kopf. Ganz Bra­si­li­en fei­er­te bis zum Halb­fi­nal-Aus in Gelb-Grün, als wä­re die WM ein vier­wö­chi­ger Fuß­ball-Kar­ne­val. Und wenn heu­te im Ra­dio das Lied „Wa­vin‘ Flag“vom afri­ka­ni­schen Sän­ger K’Na­an an­klingt, er­in­nert das gleich an die WM 2010 in Süd­afri­ka. Al­lein das Wort Vu­vu­ze­la reicht, um Phan­tom-Oh­ren­schmerz zu spü­ren. Die DNA ei­ner WM kann auf dem Platz ent­ste­hen oder da­ne­ben. Aber Russ­land? Kein be­stimm­tes Bild oder rus­si­sches Lied, da­für viel (po­li­ti­sche) Show. Ge­fühlt fehlt die­ser WM die Iden­ti­tät.

Fuß­ball und Po­li­tik

Ei­ne WM ist im­mer ei­ne ziem­lich gu­te Ge­le­gen­heit für Po­li­ti­ker, ein paar Din­ge ge­ra­de­zu­rü­cken. Bei Wla­di­mir Pu­tin ist al­ler­dings nicht mehr viel Be­we­gungs­spiel­raum. Und so mach­te er es be­son­ders ge­schickt und drän­gel­te sich be­wusst nicht in den Vor­der­grund. Das Pro­blem: da die TV-Bil­der im Sta­di­on und ei­nem be­grenz­ten Be­reich auch dar­um zum Groß­teil von der Fifa ge­steu­ert wer­den, kann man sich nicht si­cher sein, wel­che Wirk­lich­keit ab­ge­bil­det wird. Die rus­si­sche Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie kann mit ih­rer Ar­beit sehr zu­frie­den sein. The­men wie Men­schen­rech­te, Kor­rup­ti­on, Ho­mo­pho­bie wur­den nur ganz am Ran­de ge­streift.

Was im TV zu se­hen war

Bei der ARD hat­te man sich wohl fest vor­ge­nom­men, je­den un­ter Ver­trag ste­hen­den Sport­re­por­ter vor der Ka­me­ra ein­zu­set­zen. Und so konn­te der Zu­schau­er er­le­ben, wie Mo­de­ra­tor A an Mo­de­ra­tor B wei­ter­lei­te­te, der freu­dig er­regt Re­por­ter C an­kün­dig­te, der wei­ter­gab an In­ter­view­er D. Al­les in al­lem zu viel Ver­pa­ckung für zu we­nig In­halt. Das ZDF hat­te in Chris­toph Kra­mer den bes­se­ren Ex­per­ten und dies­mal leicht die Na­se vorn. Bei bei­den öf­fent­lich-recht­li­chen Sen­dern wur­de die neu­es­te Tech­nik nicht über Ge­bühr ein­ge­setzt. Die ARD ver­nach­läs­sig­te die Vi­sua­li­sie­rung von Spiel­sys­te­men fast voll­ends, das Zwei­te pro­bier­te zwar aus, war sich sei­ner Sa­che aber wohl selbst nicht so si­cher. Ins­ge­samt deut­lich Luft nach oben. Un­an­ge­nehm war die Tat­sa­che, dass die ARD haupt­säch­lich Ex­per­ten (Ste­fan Kuntz, Phil­ipp Lahm, Thomas Hitzlsper­ger) be­schäf­tig­te, die di­rekt oder in­di­rekt für den DFB ar­bei­ten.

Kei­ne Aus­schrei­tun­gen

Hoo­li­gans und gro­ße Fuß­ball­tur­nie­re sind un­trenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Ei­gent­lich. In Russ­land blie­ben grö­ße­re Kra­wal­le gänz­lich aus. Nun könn­te man ver­mu­ten: Viel­leicht wur­den die Aus­schrei­tun­gen auch nur nicht im TV ge­zeigt. In Zei­ten von Smart­pho­nes ist es aber schwer vor­stell­bar, dass die sen­sa­ti­ons­lüs­ter­ne Meu­te ein­fach dar­auf ver­zich­tet hat, Schlä­ge­rei­en zu fil­men. Viel­mehr ist der The­se Glau­ben zu schen­ken, dass die Fan-ID und die Angst vor Ge­wahr­sam im rus­si­schen Ge­fäng­nis Wir­kung ge­zeigt ha­ben.

Ge­ne­ral­ver­dacht Do­ping

Vor der WM äu­ßer­te ei­ne ARD-Do­ku­men­ta­ti­on Do­ping­ver­däch­ti­gun­gen ge­gen Spie­ler der rus­si­schen Na­tio­nal­mann­schaft. Und als die Rus­sen im Tur­nier mit her­aus­ra­gen­den Lauf­leis­tun­gen auf­war­te­ten, guck­te die Welt plötz­lich auf­merk­sam hin, dass man­che Ein­wech­sel­spie­ler Am­mo­ni­ak schnüf­fel­ten und ein Stür­mer ei­ne Ein­stich­stel­le in der Arm­beu­ge auf­wies. Po­si­ti­ve Do­ping­fäl­le gab es bei der WM – er­war­tungs­ge­mäß – kei­ne. 54 Kon­trol­len gab es – bei bis­lang 62 Spie­len und 736 Spie­lern. Und die Kon­trol­len führ­te die Fifa al­le selbst durch, nicht et­wa die Welt-An­ti-Do­ping-Agen­tur ( Wa­da).

Schieds­rich­ter­leis­tun­gen

Rück­blick in den Som­mer 2017: In der Bun­des­li­ga wird der Vi­deo­be­weis ein­ge­führt. Die Fol­ge: vie­le Fehl­ent­schei­dun­gen und nicht en­den wol­len­de Dis­kus­sio­nen um die Schieds­rich­ter – die teil­wei­se seit Jah­ren auf in­ter­na­tio­na­ler Büh­ne pfei­fen. Sprung in den Som­mer 2018: Auch bei der Fuß­ball-WM wird erst­mals auf den Vi­deo­be­weis zu­rück­ge­grif­fen. Doch was zu be­fürch­ten war, bleibt aus. Laut Fifa wur­den durch die Hil­fe der Vi­deo­schieds­rich­ter 99,3 Pro­zent der Ent­schei­dun­gen rich­tig ge­trof­fen. Aber nicht nur die Tech­nik hat sich beim Tur­nier be­währt – auch die mensch­li­chen Re­fe­rees ha­ben ei­ne tol­le Leis­tung ge­zeigt. Es lag nicht nur am Vi­deo­be­weis, dass über ih­re Ent­schei­dun­gen kaum dis­ku­tiert wer­den muss­te.

Kei­ne be­deu­ten­den Aus­fäl­le

Es braucht sie nie­mand, und doch ge­hör­ten sie bei ver­gan­ge­nen gro­ßen Tur­nie­ren stets da­zu – die Aus­fäl­le der Top­stars durch Ver­let­zun­gen oder Sper­ren. Wer er­in­nert sich nicht noch an die Staats­trau­er in Bra­si­li­en, als der da­mals noch nicht beim lei­ses­ten Wind­hauch stür­zen­de Ney­mar das Halb­fi­na­le ver­pass­te? We­gen ei­nes Bruchs des drit­ten Len­den­wir­bels er­leb­te Bra­si­li­ens zen­tra­le Fi­gur das 1:7 ge­gen Deutsch­land nicht mit. Ro­nal­do schied im EM-Fi­na­le 2016 früh ver­letzt aus, und gleich zwei­mal litt die DFB-Aus­wahl un­ter den Aus­fäl­len wich­ti­ger Säu­len. 2002 fehl­te Ka­pi­tän Micha­el Bal­lack im Fi­na­le we­gen ei­ner Gelb­sper­re, vier Jah­re spä­ter war Tors­ten Frings auf­grund ei­ner nach­träg­li­chen Sper­re aus dem Ar­gen­ti­ni­en-Spiel im Halb­fi­na­le nicht da­bei. Zu­min­dest Gelb­sper­ren gibt es heut­zu­ta­ge we­gen der Strei­chung al­ler Ver­war­nun­gen nach dem Vier­tel­fi­na­le nicht mehr. So misch­ten dies­mal die ganz gro­ßen Na­men durch­gän­gig mit – und konn­ten das Fa­vo­ri­ten­ster­ben den­noch nicht ver­hin­dern.

My­thos Ball­be­sitz

Ir­gend­wann in den spä­ten 1990ern ent­deck­te ein Spa­nier ei­ne tie­fe Weis­heit. Sie lau­te­te: Wenn wir den Ball ha­ben, kann der Geg­ner kein Tor schie­ßen. Und so wur­de dann ge­spielt. Weil sich zwi­schen­durch auch mal ein Ball im geg­ne­ri­schen Tor ver­irr­te, gab es so­gar häu­fig Sie­ge. Der Ball­be­sitz-Fuß­ball war fort­an das tak­ti­sche Zau­ber­mit­tel, ein gro­ßer An­hän­ger war auch Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw. Seit die Zu­schau­er beim WM-Tur­nier in Russ­land rei­hen­wei­se schla­fend von den Sit­zen fie­len, weil die Ball­be­sitz-Teams den Vor­wärts­gang aus­ge­schal­tet hat­ten, ist die Tak­tik aus der Mo­de. Zum Glück.

Kein neu­er Me­ga-Star

Die Wahl zum „Spie­ler der WM“ist of­fen wie nie. Das Tur­nier war zwar prä­des­ti­niert für Hel­den­ge­schich­ten. And­res Inies­ta (34), le­gen­dä­rer Mit­tel­feld­re­gis­seur, hät­te das bei sei­ner letz­ten WM sein kön­nen. Doch Spa­ni­en schied wohl zu früh aus, ge­nau wie die „Ein-Mann-Teams“Por­tu­gal und Ar­gen­ti­ni­en (Ach­tel­fi­na­le), in de­nen Cris­tia­no Ro­nal­do bzw. Lio­nel Mes­si, der bes­te WM-Spie­ler 2014, kaum Zeit hat­ten, zu glän­zen. Gro­ße Fair­play-Ges­ten gab es auch nicht. Und Ney­mar spiel­te lie­ber den ster­ben­den Schwan. Scha­de!

FO­TO: DPA

2. Ju­li, Sa­ma­ra, Ach­tel­fi­na­le: Bra­si­li­en - Me­xi­ko, Ney­mar aus Bra­si­li­en liegt nach ei­nem Zwei­kampf – wie so oft bei die­ser WM – auf dem Platz.

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