Deut­scher Fuß­ball, mach die Au­gen auf!

Es sind un­se­re Tu­gen­den, die bei der WM den Er­folg brin­gen. Lei­der ha­ben wir sie nicht ein­ge­bracht.

Rheinische Post Erkelenz - - FUßBALL-WM 2018 -

Ich ha­be zu­letzt im­mer wie­der den Kopf geschüttelt, wenn ich ge­le­sen oder ge­hört ha­be, wie schlecht die Spie­le bei der Welt­meis­ter­schaft sei­en. Ers­tens fin­de ich, dass das nicht stimmt. Und zwei­tens fra­ge ich: Wie schlecht sind wir dann? Wir sind als Letz­ter in ei­ner mach­ba­ren Vor­run­den­grup­pe aus­ge­schie­den. Jetzt zu sa­gen, dass das, was da ge­spielt wird, nicht gut ist, fin­de ich ar­ro­gant und über­heb­lich. Lie­be Leu­te, lie­ber DFB, wir kön­nen von den an­de­ren et­was ler­nen.

Das hat schon Hen­nes Weis­wei­ler ge­macht. Er rief an und frag­te: „Was machst du Sonn­tag?“Wenn man nichts vor­hat­te, wur­de man als Chauf­feur ver­pflich­tet und fuhr mit ihm zu Spie­len in den Nie­der­lan­den, in Bel­gi­en oder reis­te nach En­g­land. Au­ßer­dem hat er sich im­mer wie­der aus­ge­tauscht mit Trai­nern an­de­rer Sport­ar­ten. Vie­les war für un­se­re Foh­len­elf sehr hilf­reich. Wer mit Scheu­klap­pen un­ter­wegs ist, wird nie vor­an­kom­men und im­mer et­was ver­pas­sen. Al­so, deut­scher Fuß­ball, mach die Au­gen auf!

Das gilt aber nicht nur für uns, son­dern auch für an­de­re gro­ße Fuß­ball­na­tio­nen: Ar­gen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Spa­ni­en oder Ita­li­en und Holland. Sie al­le sind auch ge­schei­tert, weil sie zu selbst­zu­frie­den sind, weil sie im ei­ge­nen Saft ko­chen. Man braucht Ein­flüs­se von au­ßen. En­g­land war in den vie­len Jah­ren, in de­nen kaum et­was ging bei Welt­meis­ter­schaf­ten, im­mer zu sehr auf sich be­zo­gen. Nun hat es sich ge­öff­net, hat mit Alt­her­ge­brach­tem ge­bro­chen und ei­ne fri­sche Mann­schaft auf­ge­baut, die in der Zu­kunft noch Gro­ßes er­rei­chen kann.

Trai­ner Ga­reth Sou­th­ga­te ist durch die Welt ge­reist und hat Ein­drü­cke ein­ge­sam­melt, un­ter an­de­rem beim Ame­ri­can Foot­ball oder beim Rug­by und hat viel da­von um­ge­setzt. Sou­th­ga­te ist für mich der Trai­ner die­ser WM. Er ist mu­tig, in­no­va­tiv und be­son­nen. Bra­vo. Dass es am En­de nicht für das Fi­na­le ge­reich hat für die En­g­län­der, hat auch mit der in­di­vi­du­el­len Klas­se der Kroa­ten zu tun. Sie al­le sind tol­le In­di­vi­dua­lis­ten, ha­ben sich aber in den Di­enst der Mann­schaft ge­stellt. Mod­ric, Mand­zu­kic oder Ra­ki­tic – das sind ech­te Ty­pen, die zei­gen, wor­auf es im mo­der­nen Fuß­ball an­kommt.

Ihr zu­rück­hal­ten­der Ego­is­mus ist für mich ein we­sent­li­ches Merk­mal die­ser WM. Nicht die Teams mit den Su­per­stars, die al­les do­mi­nie­ren, ha­ben sich durch­ge­setzt, son­dern die Mann­schaf­ten, die die­sen Na­men ver­dient ha­ben, in de­nen sich die Stars ein­sor­tiert und sich für das Gan­ze auf­ge­op­fert ha­ben. Wie auch Har­ry Ka­ne bei En­g­land, De Bryu­ne oder Ha­zard bei Bel­gi­en und Mbap­pé oder Pog­ba bei Frank­reich. Wenn es dar­auf an­kommt, las­sen sie ihr gro­ßes Kön­nen auf­blit­zen, er­he­ben sich aber nicht über die an­de­ren. Das ist auch ein Ver­dienst der Trai­ner die­ser vier Teams, die ih­ren Spie­lern, die­sen Geist ein­ge­haucht oder so­gar ein­ge­bläut ha­ben. Mo­der­ner Fuß­ball ist kei­ne Ein­zel­leis­tung. Das ist für mich ei­ne we­sent­li­che Bot­schaft die­ser WM.

Das ist nicht neu. Und es gab, schaut man mal auf die Tak­tik, auch kei­ne wirk­li­che In­no­va­ti­on bei die­ser WM. Das hat­te ich aber auch nicht er­war­tet. Trotz­dem ge­fällt mir der Fuß­ball, den ich in den K.o.-Spie­len se­he. Denn er ist ehr­lich und ein­fach. Und es gibt Ten­den­zen, die man mit­neh­men kann. Zum Bei­spiel, dass wie­der auf Keil­spie­ler ge­setzt wird, dass har­te Ver­tei­di­ger wie Um­ti­ti, Lo­v­ren oder Ma­gui­re wie­der wich­ti­ger wer­den, dass es sich lohnt, Stan­dards oder Ein­wür­fe zu per­fek­tio­nie­ren, dass die Teams pres­sen und das Mit­tel­feld­spiel schnell über­brückt wird oh­ne gro­ßes Rum­ge­plän­kel. Vie­le der selbst er­nann­ten Tak­tik­gu­rus rümp­fen dar­über die Na­se, sie in­ter­pre­tie­ren zig Sa­chen in ein Ball­ge­schie­be, das nicht zum We­sent­li­chen kommt. Die WM zeigt auch, dass Tem­po ganz wich­tig ist. Wahn­sinn, wie schnell ge­spielt wird, wie schnell der Ab­schluss ge­sucht wird, das will man doch als Zu­schau­er se­hen. Das kann man üb­ri­gens trai­nie­ren: In­dem es ein Zeit­li­mit gibt, wenn im Trai­ning An­grif­fe lau­fen, ei­ne Mi­nu­te, zwei Mi­nu­ten, dann muss es ei­nen Ab­schluss ge­ben.

Al­les in al­lem ge­fällt mir die WM, aber den gro­ßen Spaß hät­te ich nur, wenn wir uns bes­ser ver­kauft hät­ten. Den­noch freue ich mich jetzt auf das Fi­na­le. Frank­reich ist Fa­vo­rit, aber die Kroa­ten muss man erst mal be­sie­gen. Aber wer am En­de auch ge­winnt: Die bes­te Mann­schaft wird Welt­meis­ter. Und da­bei ist Mann­schaft nicht nur ein Wer­be­slo­gan, son­dern wirk­lich ein Team. Je­der weiß, dass das schon im­mer mei­ne Phi­lo­so­phie war. Schön, dass das wie­der mo­dern ist. Es sind die deut­schen Tu­gen­den, die bei der WM den Er­folg brin­gen. Lei­der hat Deutsch­land sie nicht ein­ge­bracht. Wir müs­sen uns wie­der dar­auf be­sin­nen.

FO­TO: AP

Für Ber­ti Vogts ist Ga­reth Sou­th­ga­te der Trai­ner der WM. Hier trös­tet der eng­li­sche Coach Dan­ny Ro­se. Rechts: Kyle Wal­ker und Phil Jo­nes.

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